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BERLIN/ Philharmonie: Der Thomanerchor begeistert am 09. November 2025 in der Philharmonie 

10.11.2025 | Konzert/Liederabende

Der Thomanerchor begeistert am 09. November 2025 in der Philharmonie 

Ist es ein Zufall, dass der Thomanerchor mit seinem Thomaskantor Andreas Reize und dem Gewandhausorchester Leipzig Berlin gerade am 9. November besuchte? Denn der ist ein doppelgründiger Tag, der einerseits an die Pogrome von 1938 gegen die jüdische Bevölkerung erinnert, andererseits aber an den Mauerfall, der 1989 nach 40 Jahren DDR zur Wiedervereinigung Deutschlands führte.

Die Thomaner, die seit mehr als 800 Jahre singen, sind schon lange diejenigen, auf die man in Leipzig bei der Bachpflege nicht verzichten kann, vor allem nicht auf den Nachwuchs. Heutzutage kommen die Jungs recht früh in den Stimmbruch, also müssen auch die Kleinen ran in ihren sog. Kieler Blusen, die seit Ende des 19. Jahrhunderts auf Wunsch von Kaiser Wilhelm II. von den jüngeren Knaben bis zum Stimmbruch getragen werden.

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Foto: Ursula Wiegand

In der Philharmonie wirken sie nun aufmerksam und zufrieden, selbst wenn sie Bachs lange „h-Moll-Messe“ singen. Der seit 2021/22 tätige Thomaskantor Andreas Reize, ein Schweizer und der erste Katholik auf diesem Posten, hat offenbar alles im Griff und dirigiert behende.

Seit 2023 kann sich der Thomanerchor auch über die Bach-Medaille der Stadt Leipzig freuen. Die passt genau zum Jahr 1723, als Johann Sebastian Bach (1685-1750) nach dem Tod seiner Frau Maria Barbara den Hof zu Köthen verlässt, die junge Sängerin Maria Magdalena heiratet und als 38iger mit ihr und den Kindern in die Messestadt Leipzig zieht.

Als dort gerade ein neuer Thomaskantor gesucht wurde, war Bach zunächst nur dritte Wahl. Am 30. Mai 1723 erklang dann seine Antrittskantate, und die hat wohl doch gefallen, wurde er jedoch am 1. Juni 1723 in das Amt des Thomaskantors eingeführt, das er bis zu seinem Tode 1750 ausübte. Das sind genau 300 Jahre, die 2023 kräftig gefeiert wurden und dem Thomanerchor zur eigentlich längst verdienten Bachmedaille der Stadt Leipzig verhalfen. 

Schon 1724 führte Johann Sebastian Bach seine Johannespassion auf, die allerdings den Sachsen kaum gefiel, nun aber weltweit geschätzt wird. Auch komponierte Bach aus eigenem Antrieb jede Woche eine neue Kantate für den Gottesdienst vor allem in der Thomas- und der Nikolaikirche. Außerdem musste er die Thomaner unterrichten und hatte kein leichtes Leben. Gut bezahlt wurde er ebenfalls nicht, da sich die Vorgesetzen nicht für seine Musik interessierten. Stattdessen wurde ihm sein Gehalt gekürzt.

Doch Bach wusste sich auch zu helfen. Er sandte das schon fertige Kyrie und das Gloria für die spätere „h-Moll-Messe“ an August den Starken, den Landesherren und König von Polen. Von dem erhielt er am 19. November 1736 den Titel „Königlich polnischer und kurfürstlich sächsischer Hofkompositeur“. Das stützte Bach aber kaum bei den Streitereien mit der Leipziger Obrigkeit, die ihn offensichtlich nicht mochte.

Denn als Bach nach zwei missglückten Augen-Operationen schon im Sterben lag, wählten die Ratsherren bereits einen Nachfolger, was Bach noch erfuhr. Sie verfassten nach seinem Tod auch keinen Nachruf für ihn.

Beerdigt wurde Bach ärmlich und ohne Grabstein auf dem alten Johannisfriedhof. Doch die Thomaner kannten die Stelle und besuchten den Verstorbenen stets am 28. Juli, seinem Todestag. Alles Weitere ist wohl Felix Mendelssohn-Bartholdy zu verdanken, der Bachs „Matthäus-Passion“ 1829 in Berlin mit der Singakademie in gekürzter Form erstmals wieder aufführte. In Leipzig geschah das erst 1841. Ohne Mendelssohn gäbe es wohl keine Bachdenkmäler und Bachfeste.

Und diese Bachfeste gibt es seit 2000 in jedem Jahr, in etwa sogar während der Pandemie. Gotthold Schwarz, der Thomaskantor Biller öfter krankheitshalber vertreten hatte, zeigte Mut und der gerade als Chef gekürte Prof. Michael Maul machte mit. In aller Welt halfen die Bach-Kenner beim Streamen mit.

2023 wurde schließlich Bachs Beginn vor 300 Jahren als Thomaskantor in Leipzig großartig gefeiert. Eigentlich eine Abbitte für dieses verkannte Genie. Und so endet auch jedes Bachfest Leipzig mit seiner „h-Moll-Messe“ in der Thomaskirche. Die erhielt sogar eine Bachorgel, die seine Werke wie einst ertönen lässt.

Regelmäßige Konzertreisen führten nun den Thomanerchor auch in entfernte Länder wie die USA und Kanada, China, Japan, Australien, Brasilien und Argentinien. Am 9. November 2025 waren sie nun in Berlin und sangen glasklar diese recht schwierige „h-Moll-Messe“, die Bach erst im recht hohen Alter, auch früheres Material benutzend, fertig stellte.

Zum Kyrie und dem Gloria gesellten sich (auf Deutsch) das Glaubensbekenntnis, das Sanctus, sowie Hosianna, Benedictus, Agnus Dei und Dona nobis pacem. Diese Messe gilt inzwischen als Meisterwerk der barocken Kompositionskunst.

Die Original-Partitur besaß schließlich Bachs Sohn Carl Phiipp Emanuel Bach, den die damaligen Musikfans bald mehr schätzten als seinen „unmodern“ gewordenen Vater. Nun schützt die Staatsbibliothek zu Berlin dieses kostbare Original, inzwischen auch ein UNESCO-Welterbe.

Nun also war, wie schon erwähnt, am 9. November ein Konzert in Berlin für den Thomanerchor an der Reihe. War es vielleicht das erste Mal, dass die Jungs in ihrer besonderen Kleidung in der deutschen Hauptstadt die „h-Moll-Messe“ sangen, an diesem Abend zusammen mit Serafina Starke, Sopran I und Franziska Zwink, Sopran II. Alexander Chance bediente den Alt, Julian Prégardien den Tenor und Felix Schwandtke den Bass, alle mit schönen Stimmen und spürbarem Engagement.

Die Anwesenden, darunter auch viele junge Leute, waren am Ende sichtlich begeistert, sie jubelten und bedankte sich mit „standing ovations“.

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Thomanerkirche, das Gewölbe. Foto: Ursula Wiegand

Dazu trägt aber auch dieser Saal der Berliner Philharmonie mit seiner großartigen Akustik bei. Das bringt keine Kirche in Leipzig zustande, und niemand hat hier einen Pfeiler vor der Nase oder fast gar keine Sicht. Leipzig macht das mit Bach-Charme gut.

Kommt also ihr lieben Thomaner bitte bald mit Eurem wendigen Thomaskantor wieder. Dass es auch in Berlin viele Bachfans gibt, habt Ihr nun gemerkt. Anstatt dem Trend zur Transformation zu folgen, könntet ihr auch hier den originalen Bach bewahren.

Doch möglicherweise steht mit Raphaël Pichon, ein junger, bereits gefeierter Dirigent der Alten Musik, schon an der Tür. Der gibt mit Bachs „h-Moll-Messe“ am 18. Dezember 2025 sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern. Schlanker soll angeblich diese Fassung sein, und sie wird bereits gelobt. Nicht Wenige werden das testen. 

Ursula Wiegand

 

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