Berlin/Philharmonie: Kirill Petrenko dirigiert Mozart, Berg und Brahms, 03.11.2023

Foto: Frederike van den Straeten
Bevor Chefdirigent Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern auf Tour geht, hört das Berliner Publikum stets die Stücke, die in den Gastländern gespielt werden sollen. Letzte Generalproben sind es garantiert nicht, vielleicht aber ein Test, wie die Werke daheim aufgenommen werden.
Immerhin sind in der Philharmonie Menschen aus zahlreichen Ländern anwesend, vor allem viele Japaner/innen, speziell wenn Petrenko dirigiert. Jedenfalls wollen ihn alle nochmals hören, bevor er seine Reisen zusammen mit den Musiker/innen antritt.
Denn ab dem 7. November wird Petrenko eine recht lange Zeit nicht in Berlin dirigieren. Nach einem Abstecher nach Frankfurt (mit einem Max Reger und Richard Strauss-Programm) sind sie alle vom 11.-26. November auf einer Asien-Tournee, d.h. in Südkorea und hauptsächlich in Japan.
Danach kehren die Berliner Philharmoniker in die Deutsche Hauptstadt zurück, während Kirill Petrenko erst wieder bei den Silvesterkonzerten auf dem Pult stehen wird, und wie im Vorjahr mit Jonas Kaufmann, jedoch diesmal mit einem Wagner-Programm.
Kein Wunder also, dass die drei Petrenko-Termine vom 1.-3. November komplett ausverkauft waren. Auch das Programm, bestehend aus Werken von Mozart, Alban Berg und Johannes Brahms, wirkte verlockend. Tatsächlich fiel der Beifall nach jedem Stück stark und anhaltend aus.
Selbstverständlich war das beim ersten Werk, der „Symphonie Nr. 29 A-Dur“, KV 201 von Wolfgang Amadeus Mozart der Fall. Dennoch fiel alsbald auf, wie Petrenko diese Symphonie zunächst zwar mit einem Lächeln und wiegendem Körper dirigierte, sie dann aber straff gestaltete. Auffällig waren die herausgearbeiteten Kontraste zwischen leise und laut. Diese Mozart-Symphonie fasziniere „durch eine Mischung aus Leichtigkeit und unterschwelliger Verzweiflung“, wird dazu angemerkt bzw. behauptet. Jedenfalls muss Wolfgang Amadeus dieses Werk selbst sehr geschätzt haben, ließ er sich doch die Partitur von seinem Vater 1783 nach Wien, in seine neue Heimat schicken. Das Publikum am 03.11. in der Philharmonie hat sie, wie der kräftige Applaus zeigte, ebenfalls sehr geschätzt.
Alban Bergs „Drei Orchesterstücke op. 6“ in der revidierte Fassung von 1929 sind dagegen ein Hammer, und lassen schon die Kriege im 20. Jahrhundert erahnen. Dass diese Stücke so drastisch geworden sind, ist der Kritik von Arnold Schönberg zu verdanken, Alban Bergs ehemaligem Lehrer. Was Berg für ihn als Geburtstagsgeschenk komponiert hatte, wurde von ihm als nicht fortschrittlich genug kritisiert.
Herausgekommen ist schließlich ein krasses und erschütterndes Orchesterwerk, bei dem gerade jetzt wieder der Eindruck entsteht, dass sich Schlimmes ereignet und Bomben fallen. Das passt also genau in die jetzigen fatalen Situationen. Selbst der Reigen erbringt keine positivere Stimmung.
Petrenko setzt hier noch auf viel deutlichere Kontraste als bei Mozart, und das ist auch verständlich. Selbst die leiseren gesanglichen Phasen kurz vor dem Schluss enden plötzlich mit einem „Rumps“. Ein schrilles Meisterwerk haben die Berliner Philharmoniker zusammen mit Kirill Petrenko geliefert, und das erntet nun großen und verdienten Beifall. Ob das in Japan oder Südkorea verstanden wird oder gefällt, ist die Frage.
Vermutlich hat sich das Publikum in der Berliner Philharmonie besonders auf die „Symphonie Nr. 4 e-Moll“ op. 98 von Johannes Brahms gefreut, auf diese großartige Musik in Hülle und Fülle.
Brahms hat es sich nicht leicht gemacht mit dem Komponieren von Symphonien, schwebte doch Beethoven wie ein Damoklesschwert über den Köpfen seiner Nachfolger. Doch welch ein Wunderwerk hat Brahms geschaffen, mal sanft singend, mal energisch und kraftvoll.
Wagner hat Brahms verspottet, und Brahms, selbst unsicher, fragte sich, ob er wirklich eine gute Symphonie komponiert habe. Das bejahen heutzutage sicherlich alle Musikfans.
Und einer hat es sofort erkannt – der kluge Dirigent Hans von Bülow, später der erste Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Der hatte keine Vorbehalte und äußerte sich laut Programmheft wie folgt: „Eben aus der Probe zurück. Nr. IV riesig, ganz eigenartig, ganz neu, eherne Individualität. Atmet beispiellose Energie von A bis Z.“
Kirill Petrenko, sein jetziger Nachfolger, macht sich Brahms’ Energie zu eigen, aber doch weit mehr als diese. Sein Zugriff ist rau und oft ohne Pardon, wird streckenweise fast zu einer Kriegserklärung an alles Friedliche. Zwar schweben nach wie vor Brahms’ Melodien durch die Philharmonie, doch andererseits wird manches zu sehr zugespitzt.
Dennoch gehen die schönen Melodien und die packenden Musikkonstruktionen von Brahms nicht verloren. Dafür ist dieses Werk zu meisterhaft, und dafür sorgen trotz aller Zuspitzungen auch die fabelhaften Instrumentalisten sowie die 1.Konzertmeisterin Vineta Sareika-Völkner. Die Gesamtleistung ist enorm, und der Beifall des Publikums ist es ebenso. Doch wie werden wohl speziell die Japaner auf diese ungewohnt krasse Version von Brahms’ Vierter reagieren?
Ursula Wiegand

