OLDENBURG/GÖTTERDÄMMERUNG und BERLIN/Staatsoper/DAS RHEINGOLD: Kurzkommentare 1.-2. Oktober 2022
Große szenische Gegensätze aber vokal hohe Qualität

Schlussapplaus in Oldenburg. Foto: Klaus Billand
Am Samstag ging am Staatstheater Oldenburg mit der „Götterdämmerung“ der dritte und damit letzte Zyklus des „Ring des Nibelungen“ der letzten Wochen in der Intendanz von Christian Firmbach zu Ende, und es war noch einmal ein ganz besonderes Erlebnis. Die Inszenierung des Wieners Paul Esterhàzy im genialen Bühnenbild von Matis Neidhardt, welches durch seine dramaturgisch sinnvoll eingesetzte Rotation immer neue Assoziationen mit der Gedankenwelt des „Ring“, seiner Geschichte, aber auch der Gedanken und tatsächlichen Erlebnisse der Akteure widergibt, bewies einmal mehr, wie durch eine Brechung der großen Geschichte der Tetralogie auf ein rustikales bäuerliches Ambiente das Stück nachvollziehbar und mit einem sehr hohen Menschlichkeitsfaktor interpretiert werden kann.

Schlussapplaus in Oldenburg. Foto: Klaus Billand
Hendrik Vestmann dirigierte das Oldenburgische Staatsorchester mit mittlerweile großer Wagner-Erfahrung und durchaus auch einigem passenden Pathos. Nancy Weissbach glänzte mit ihrer Brünnhilde stimmlich und sollte bald zur absoluten internationalen Spitzenklasse gehören, zumal sie die Rolle auch sehr engagiert und emphatisch darstellt. Ebenso könnte sich Zoltán Nyári als Siegfried mit seinem riesigen Stimmpotential noch neue Ufer erschließen, wenn er daran noch etwas feilt. Kihun Yoon, der „Walküre“-Wotan, war nun auch ein sehr guter Gunther, Ann-Beth Solvang eine klangvolle und nachdrückliche Gutrune, und Sami Luttinen ein starker Hagen, nachdem er schon als Fasolt und Hunding einen guten Eindruck gemacht hatte. Leonardo Lee, ebenfalls Wotan zuvor, sang einen erstklassigen Alberich. Bei den Nornen und Rheintöchtern, die ebenfalls erstklassig sangen, fiel besonders Maiju Vaahtoluoto mit einem charaktervollen Mezzo als Erste Norn und Flosshilde auf. Melanie Lang war eine sehr gute Waltraute. Das Publikum war aus dem Häuschen und spendete etwa 15 Minuten Applaus im Stehen! (Detaillierte Rezension des ganzen „Ring“ in Kürze).
Berlin/Staatsoper

Vollbesetze Berliner Staatsoper. Foto: Klaus Billand
Gestern Abend begann der schon so lange und viel diskutierte neue „Ring“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden unter dem Dirigat von Christian Thielemann, dem Daniel Barenboim aufgrund seiner derzeitigen gesundheitlichen Situation freundlicherweise die musikalische Leitung angeboten hatte. Thielemann wurde am Ende auch mit triumphalem Applaus empfangen, obwohl ich meine, dass musikalisch bei aller Qualität der auch an diesem Abend hochmotivierten Staatskapelle Berlin für die kommenden drei Abende noch Luft nach oben vorhanden ist. Das „Das Rheingold“ dauerte immerhin über zwei Stunden und 40 Minuten, und es wackelte einiges ganz zu Beginn. Da es nur der Vorabend, also die Exposition des „Ring des Nibelungen“ ist, soll hier noch keine Besprechung der sicher diskussionswürdigen Inszenierung vom Dmitri Tscherniakov erfolgen. Das wird erst nach der „Walküre“ geschehen, die heute stattfinden wird. Zu sagen ist aber schon jetzt, dass das Sängerensemble erstklassig ist und zum Teil Weltklasseformat hat. Das trifft insbesondere auf Michael Volle zu, der wohl beste Rollenvertreter des Wotan derzeit weltweit. Anna Kissjudit war eine exzellente Erda mit klangvollem Mezzo und Vida Miknevičiūte eine stimmlich prägnante und sehr erregte Freia. Mika Kares verlieh dem Fasolt ungewöhnliches vokales Format. Peter Rose als Fafner stand ihm kaum nach. Und Johannes Martin Kränzle ist wohl derzeit der beste Alberich! Claudia Mahnke sang eine gute Fricka, Lauri Vasar einen agilen Donner und Siyabonga Maqungo einen stimmlich etwas leichten Froh. Stephan Rügamer war ein erstklassiger Mime. Rolando Villazón, man wunderte sich schon etwas über die Besetzung, konnte als Loge nicht den Eindruck machen, den diese zentrale Figur neben Wotan idealerweise machen sollte. Dazu war er nicht nur wegen der entsprechenden Personenführung verurteilt. Auch stimmlich erschien sein Vortrag nicht der passendste für den Loge. Die Stimme klingt belegt, bisweilen gar fahl und lässt es an den entsprechenden Stellen an Schärfe für den scharfsinnigen Feuergott missen. Aber Villazón hatte einen Riesenspaß mit der Rolle, wie er beim Schlussvorhang zeigte, bei dem ihn einige Buh-Rufer nicht zu stören schienen. Die drei Rheintöchter, Evelin Novak als Woglinde, Natalia Skrycka als Wellgunde und Anna Lapovskaja waren bestens besetzt.

Schlussapplaus. Foto: Klaus Billand

Rolando Villazon (Loge) beim Schlussapplaus. Foto: Klaus Billand
Nach diesem „Rheingold“ ist die Spannung auf „Die Walküre“ besonders groß…
Klaus Billand

