BERLIN / MUSIKFEST BERLIN Philharmonie – BOSTON SYMPHONY ORCHESTRA unter ANDRIS NELSONS spielt Musik von Adolphe, Gershwin und Stravinsky; 5.9.2023
Jean-Yves Thibaudet als souveräner Solist in Gershwins Concerto für Klavier und Orchester in F

Copyright: Fabian Schellhorn/Berliner Festspiele
Fesch und beschwingt betritt er in seinem dunkelblauen Vivienne Westwood Anzug mit Funkelbrosche und kleinem Brillianten im Ohr die Szene: Der musikalische Allrounder Jean-Yves Thibaudet, in Hollywood-Filmmusiksphären ebenso heimisch wie als Förderer von jungen Musikern generell bzw. speziell Kultur und Kreativwirtschaft in Rumänien, hat am Dienstag in der brechend vollen Berliner Philharmonie als Solist in Gershwins berühmtem Klavierkonzert den glamourösen Boulevardflaneur gegeben.
Die überschwängliche Musik des 26-jährigen Gershwin atmet einen kühn entschlossenen american spirit, ein hoffnungssprühendes „Alles ist möglich“. Für diese Großstadtklänge, lebensprall und flippig, flott und hüftschwingend, die Schnauze neugierig in alles steckend, was riecht, findet der in Los Angeles lebende Thibaudet seinen ganz persönlichen Zugang. Er scheint so manch verstecktes Hintertürl zu Glanz und Gloria der erotisch aufgeladenen Töne zu kennen, um den jungen, enthusiastischen Geist des amerikanischen Lebens als auch die poetischen Valeurs der nächtlichen New Yorker Blues pianistisch feiern zu können. Der Jazz-Liebhaber Thibaudet verfügt neben den girlandengleichen Tasten-Perlenschnüren für den dritten Satz über einen ausreichend kräftigen Anschlag, um in den explosiven Rhythmen des Finales bestehen zu können. In der lärmenden Atmosphäre, mit seinem weit geöffneten Flügel in den von Andris Nelsons nicht gebremsten Orchesterfluten geht er jedenfalls nicht ganz unter.
Was das Boston Symphony Orchestra, ein technisch erstklassiges Symphonieorchester, das das Gershwin-Konzert ab 2005 programmierte, dazu an neongrellen Instrumentalvisionen, sanft melancholischen Streichern, an eruptiven Blechbläserklängen und fetzigem Schlagzeug bereithält, ist ereignishaft, wenngleich in „Da-seht-her!“ Manier serviert. Nelsons setzt auf das hochprofessionelle, virtuose Orchester-Schlachtschiff auf hoher See mit breiten Bruckner-Tempi, allzu differenziert und dem Vorstadtsound nachspürend, geht er nicht zu Werke. Auf jeden Fall hat „Lady Jazz mit ihren verführerischen Tanzrhythmen“ (Zitat Walter Damrosch, der das Werk als Chefdirigent der New York Symphony Society in Auftrag gab und die Uraufführung in der Carnegie Hall am 3.12.1925 dirigierte) das Publikum ganz schön um die Finger gewickelt. Jubel im Großen Saal, vor allem für den Pianisten.
Begonnen hatte der Abend mit Julia Adolphes „Makeshift Castle“, einem 2022 uraufgeführten Auftragswerk vom Gewandhausorchester Leipzig und dem Boston Symphony Orchestra. In Riesenorchesterbesetzung reicht die aleatorisch wirkende, oberflächlich effektvoll arrangierte Klangpalette von plakativen Mystics, Blechfanfaren, Klangstab- und Holzblockgeklöppel bis zu einem üppigem Streichersound, der sich tonkulissenhaft filmtauglich geriert. Die im Werk gespiegelten „gegenständlichen Zustände von Beständigkeit und Vergänglichkeit, von Beharrlichkeit und Auflösung, von Entschlossenheit und Hingabe“, wie dies die Komponistin authentisch erklärt, sind akademisch nachvollziehbar, emotional (Stichwort „Sandstein und hölzerne Glut“) hat mich die dazu erfundene, konzeptuelle Musik „von der Stange“ nicht erreicht.
Igor Stravinskys Ballett „Petrushka“, dem ewig unglücklichen Helden aller russischen Jahrmärkte gewidmet, ist da aus ganz anderem Stoff. Es entstand aus einer Klavierburleske, für Diaghilevs Ballets Russes symphonisch erweitert. Petrushka wurde 1911 im Pariser Théâtre du Châtelet aus der Taufe gehoben. 1946/47 revidierte Stravinsky das fantastische, auf dem Butterfest 1930 in St. Petersburg stattfindende Stück um eine zum Leben erwachte hölzerne Gliederpuppe aus künstlerischen Gründen, aber nicht zuletzt auch deshalb, um sich in den USA die Rechte und Tantiemen zu sichern, die ihm in der Sowjetunion nach dem Erwerb der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft 1945 nicht mehr zugänglich waren.
Der Witz der Komposition liegt in der lautmalerisch teuflischen Sprunghaftigkeit des so spezifischen Kosmos der Budenzauberer, Jahrmarktstandler, Akrobaten und Marionettenspieler. Die Klangmiasmen der unterhaltungssüchtigen, schurkischen Betriebsamkeit bieten Raum für jede Menge an Zitaten und melodischen als auch rhythmischen Versatzstücken. Unter den verarbeiteten Motiven finden sich Melodien aus russischen Volksliedern, zwei Walzer von Joseph Lanner, aber auch die Chansonette „La chambe en bois“ von Émile Spencer, die den Komponisten im Nachhinein eine Stange Geld kostete, weil sich die Melodie als urheberrechtlich geschützt erwies. Stravinsky hat die ganze Magie und den Schein dieses groben Volksfestuniversums in einen Reigen unfassbar schillernder Klangpartikel gegossen.

Andris Nelsons. Foto: Fabian Schellhorn/Berliner Festspiele
Der mit kleinen Bewegungen den Takt schlagende Andris Nelsons und das Boston Symphony Orchestra wirbelten in einer orchestralen Showcase viel Farbe um das ringelspielwirbelnde, schwindelerregende Momentum der Musik auf. Die tragische Dreiecksgeschichte, die sich um die Ballerina, Petruschka und den Mohren dreht, die magischen Flötenklängen folgend menschlich geworden sind, fand ihre instrumental sicherlich beeindruckende, aber irgendwie „nur“ einem hohen Tournee-Niveau entsprechende musikalische Umsetzung. Der patscherte, sich unattraktiv fühlende Petruschka, der sich in die dummdreiste Ballerina verliebt, die aber den prächtig ausstaffierten Mohren will, endet ja ganz fürchterlich vom Mohren niedergesäbelt. In der Figur steckt das ganze seelische Leid der russischen einfachen Leute drin. Wenn Sie eine der ergreifendsten Petrushka Interpretationen in der Version 1947, die ich kenne, hören wollen, greifen Sie zum Live-Mitschnitt vom 24.10.1964 aus Leningrad. Yevgeny Mravinsky dirigiert die Leningrader Philharmoniker (Label Praga Digitals).
Fazit: Ein Abend mit einem glanzvollen Orchester auf Vorzeigetrip, der emotional nicht das hielt, was er auf dem Papier versprach.
Dr. Ingobert Waltenberger

