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BERLIN / Kühlhaus „INTONATIONS“ Jerusalem Chamber Music Festival 2026, 4. Tag; 11. bis 14.6.2026

15.06.2026 | Konzert/Liederabende

BERLIN / Kühlhaus „INTONATIONS“ Jerusalem Chamber Music Festival 2026, 4. Tag; 11. bis 14.6.2026

Ein historischer Kältespeicher als kammermusikalischer Hitzepol Berlins

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Foto: Monika Rittershaus

Draußen Regen, Donnerwetter und stürmische Böen. Drinnen erreichten die Grade im zum letzten Mal wieder ausverkauften Saal nach dem letzten Ton des Streichoktetts in Es-Dur, op. 20, von Felix Mendelssohn-Bartholdy Siedetemperaturen. Aber nicht im Sinne eines aufgeputschten hysterischen Gejohles als massenpsychologisches Dampfablassritual, sondern als Höhepunkt einer künstlerisch familiären Zusammenkunft, die auf Freundschaft, Zusammenhalt und, ja, auf Traditionen baut. Zum Beispiel am Ende des Festivals stets das festlich aufrauschende, feenhaft duftige wie kontrapunktisch so reizvolle Mendelssohn’sche Streichoktett zu programmierten.

Denn wie der 16-jährige Teenie Felix sein innovatives Oktett, ein Wunderwerk für vier Violinen, zwei Bratschen und zwei Celli, in Form einer Abschrift seinem Freund und Geigenlehrer Eduard Rietz zum Geburtstag schenkte, so überwältigte die illustre Achterrunde im Kühlhaus das Publikum in spielerisch großzügiger Feierlaune.

Rund um die energetischen Kraftzentren und Gravitationsbündel, dem charismatischen belgischen Geiger Marc Bouchkov, dem nobel akzentsetzenden Bratschisten Adrien La Marca (kurzfristig für die erste Solo-Bratschistin der Staatskapelle Berlin, Yulia Deyneka, eingesprungen) sowie dem alle Sonorität des Instruments fast schon unheimlich forsch auslotenden rumänischen Cellisten Andrei Ionita vollendeten Kathrin Rabus, Lir Vaginsky, Madeleine Carruzzo (Violine), Joaquin Garcia Riquelme (Brasche) und Tim Park (Cello) im sinfonischen Miteinander eine Interpretation, die das Publikum quasi ‚unisono‘ aus den Sitzen hob. Darunter fanden sich die von Daniel Barenboim persönlich betreute ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie eine dem Applaus nach zu schließen begeisterte Waltraud Meier.

Alle Musiker und Musikerinnen, die sich schließlich auf der Bühne versammelten, darunter nicht wenige, die an diesem Abend nicht aufgetreten waren, schienen mit je einer überreichten Pfingstrose in der Hand ebenso glücklich und beseelt, wie es das Publikum war.

Dabei wurde der Ablauf im ersten Teil durch eine Umprogrammierung und eine neue Reihenfolge gehörig durcheinandergewirbelt. Eine Darbietung, die eigentlich schon am ersten Festivaltag hätte stattfinden sollen, nämlich fünf von Dorothea Röschmann interpretierte Lieder von Kurt Weill (am Klavier begleitet von Yael Kareth), bildete statt der ganz entfallenen Violinsonate Nr. 2 in A-Dur, op. 12, Nr. 2 von Ludwig van Beethoven den Beginn des Abschlusskonzerts.

Röschmann, stimmlich in Prachtform, erwies sich in der Tango-Habanera nach Versen von Roger Fernay ‚Youkali‘, dem ‚Klopslied‘ in wüstem Vorstadt-Berlinerisch, beim ursprünglich für Lys Gauty geschriebenen Cabaret-Lied ‚Je ne t’aime pas‘, ‚Nannas Lied‘ (‚Meine Herren, mit siebzehn Jahren kam ich auf den Liebesmark‘t) und das im Auftrag der Berliner Stadtwerke entstandene Foxtrottlied ,Berlin im Licht‘ als kesse, sprachen- wie dialektgewandte Diseuse mit heroischem Touch.

Als Zweites folgte das sicher anspruchsvollste Stück des Abends, die Violinsonate Nr. 7 in c-Moll, op. 30, Nr. 2 von Ludwig van Beethoven. Martha Argerich und ihr Partner an der Violine, der diesmal mit feinchirurgisch präzisem Zugriff aufwartende Boris Brovstyn, legten sich in ihrer stupenden Wiedergabe des dem jungen Zaren Alexander I gewidmeten Stücks von den ersten, leise dräuenden Tremoli bis zur atemberaubenden Hurrikan-Presto-Coda des vierten Satzes voll ins Zeug. Was die beiden exzeptionellen Persönlichkeiten an klarsichtiger musikalischer Entschlüsselung, atmosphärischer Intensität, ohne je ins Pathos abzurutschen und an unprätentiöser Bravour im referentiellen Höhenflug leisteten, genau dafür nehmen Musikbegeisterte zeitraubende Reisen, Geduld, teils hohe Kosten und zahllose weniger inspirierte Abende in Kauf, um so etwas einmal erleben zu dürfen.

A propos Martha Argerich: Ich habe mir mal den Terminkalender dieser bienenfleißigen, uneitel-widerborstigen, nur der Musik verpflichteten Hohepriesterin ohne Weihrauch, dieses im besten Sinne anti-glamourösen Stars ohne Larifari angesehen. Und siehe da: Alleine im Juni 2026 stehen noch neun Konzertabende in Hamburg (Elbphilharmonie, Laeiszhalle) an! Im Sommer und Herbst folgen Stationen in der Schweiz (u.a. Verbier), in Slowenien, Monte Carlo, Italien, Salzburg, Grafenegg, Birmingham, London, München, Paris, Zürich, Wien und Freiburg. In der ersten Jahreshälfte 2027 sieht es auch nicht anders aus. Nur kommen da noch drei Auftritte über den Atlantik in der New Yorker Carnegie Hall hinzu. Alleine dieses Pensum zeigt, welch Modell und Vorbild an Disziplin und unverhandelbarem Qualitätswillen unser 85-jähriges Geburtstagkind doch ist. Glorios.

Als romantisch entspannten Ruhepol, diesmal im genuin wienerischen Idiom, gaben Martha Argerich und die russische Geigerin Tatiana Samouil, Schwester der an der Staatsoper Unter den Linden engagierten, ebenfalls im Publikum anwesenden Sopranistin Anna Samouil, Bekanntes von Fritz Kreisler zum Besten, nämlich die Alt-Wiener Tanzweisen „Liebesleid“ und „Schön Rosmarin.“

Bleibt zu erwähnen, dass Astrig Siranossian ihren Erfolg vom Eröffnungskonzert am 11.6. mit ausgewählten armenischen Volksliedern, die sie verzierungssicher, vor allem herzzerreißend schön sang und selbst mit ruhigem Bogenstrich am Cello begleitete, noch einmal toppen konnte.

Und jetzt die Terminkalender gezückt: Das nächste Intonations-Festival unter der Ägide der wunderbaren Elena Bashkirova als künstlerischer Leiterin wird vom 10. bis 13. Juni 2027, wieder im Berliner Kühlhaus, stattfinden. Möge der eingeschlagene Weg mit alten und neuen Gesichtern, arrivierten und jungen Musikern und Musikerinnen sowie einem ebenso spannenden wie abwechslungsreichen Programm in Top-Niveau wieder für gesteckt volle Säle sorgen.

Fotos: Copyright Monika Rittershaus

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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