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BERLIN / Konzerthaus: YOUNG EURO CLASSIC – Konzerthaus Berlin Festival 5.8.-21.8.2022

07.08.2022 | Konzert/Liederabende

BERLIN / YOUNG EURO CLASSIC – Konzerthaus Berlin Festival 5.8.-21.8.2022

Eröffnungskonzert mit dem NATIONAL YOUTH ORCHESTRA OF THE USA; 5.8.2022

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Foto: Dr. Ingobert Waltenberger

Die immer im August in Berlin stattfindende „Young Euro Classic“ bedeutet seit 23 Jahren die wichtigste Plattform für den internationalen Orchesternachwuchs. Und so ist jedes Konzert unabhängig von der objektiven künstlerischen Substanz ein besonderes Ereignis, als es um nichts weniger geht als um die Zukunft von Orchesterkultur und die so dringend nötige Begeisterung für klassische Musik bei jungen Leuten.

Was besonders schön ist: Seit 2019 gibt es mit „Next Generation“ das Young Euro Euro Classic Nachwuchsprogramm, wo Kinder und Jugendliche Kultur und Musik erleben können „ohne Etikettendruck“, wo in viel Freiheit die eigene Fantasie und Kreativität angeregt wird: Da gibt es einen Young Euro Classic Kindertag u.a. mit „Nils Holgerssons musikalischer Reise um die Welt. Wie der kleine Nils auf den Schwingen der Wildgans erobern sie die Welt der Klänge“. Nicht minder wichtig: Vom 10.-14.8. ist ein „Mach mit: Junge Reporter“ angesetzt. Junge Begeisterte und zum Schreiben Berufene im Alter von 14 bis 18 erhalten die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen Festivalreportern Orchesterproben zu besuchen, die Eindrücke zu in Worte und passende Formate zu gießen, also schriftlich oder Podcast. Die Ergebnisse werden im Young Euro Classic Blog präsentiert.

Das Festival ist so konzipiert, das junge Orchestermusiker, dieses Jahr aus den USA, Portugal, der Ukraine, Deutschland, dem UK, Italien, Schweden, dem Westbalkan, der Türkei, Polen, Österreich, Uruguay und den Niederlanden auf namhafte Dirigenten und international erfolgreiche Solisten treffen. Dabei werden oftmals sehr anspruchsvolle Stücke erarbeitet und einem bunten Publikum vorgeführt. Das Eröffnungskonzert jedenfalls scheint ausverkauft gewesen zu sein.

Das National Youth Orchestra of the USA unter der musikalischen Leitung von Daniel Harding hat den Anfang gemacht. Edward Elgars Konzert für Violoncello und Orchester in e-Moll Op. 85 (Solistin Alisa Weilerstein – vor 10 Jahren hat die damals 30-Jährige das elegische Werk mit der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim für DECCA eingespielt) und die Fünfte Symphonie in cis-Moll von Gustav Mahler standen auf dem Programm. Das Motto des Konzerts wird von den Veranstaltern mit „Trauer um verlorene Welten – nostalgisch bei Elgar und aufrührerisch bei Mahler“ beschrieben.

Auf die Spitze getriebenes britisches Understatement und amerikanischer Drill

Elgars so wehmütige spätromantische Sommermusik, 1919 komponiert, war des Komponisten letztes vollendetes Werk. Der Schmerz um den Verlust seiner Frau 1920 ließ ihn als kreativen Tonsetzer verstummen, obwohl er noch weitere 15 Jahre lebte.

Das Solocello konzertiert in unendlichen Kantilenen mit einem vielfach kammermusikalisch eingesetzten Orchester, hat aber auch wunderbar opulente spätromantische Höhepunkte aufzuweisen. Daniel Harding setzt ganz auf jeder Zeit entronnene Tempi und leise Töne. Die Streichergruppe nimmt das Angebot zunächst mit seidigen Klängen an. Allerdings gelingt es Harding nicht, die nötige Binnenspannung aufzubauen. Der transparent aufgefächerte Orchesterklang gerät zunehmend in filigranes Fahrwasser. Zum Ende des ersten Satzes schraubt Harding das pianissimo beinahe bis zur Unhörbarkeit des Orchesters herab. Da fehlt es den teils sehr jungen Streichern einfach noch an tragfähiger Klangprojektion.

Alisa Weilerstein ist ganz auf gepflegte, ebenmäßige und elegante Tongebung fokussiert, das Cello lässt magisch schöne Piani durch den Saal schweben, die sich im zweiten Satz zu einem elegischen Endzeitgesang verdichten. Still, leise weinend mit dem Blick nach innen wird da diskret Abschied genommen.

Aber leider bringt der Verzicht auf Expressivität und eine kontrastreiche Dynamik durch die Solistin und das Nicht-Auskosten instrumentaler Höhepunkte mit sich, dass die Musik zwar im Kopf, aber nicht im Bauch ankommt.

Das Cellokonzert von Edward Elgar wurde am Eröffnungstag des Festivals zwar als delikates Horsd’œuvre serviert, hat aber nicht einmal für den ersten Appetit gereicht. Der Applaus des Publikums vor der Pause war daher – an den Gepflogenheiten dieses Festival gemessen – ungewöhnlich verhalten.

Nach der Pause also Gustav Mahlers Fünfte Symphonie, die einem breiteren Publikum wegen des durch die Verfilmung der Thomas Mann Novelle „Der Tod in Venedig“ berühmten Adagiettos zumindest partiell vertraut sein dürfte. Wie nicht anders zu erwarten, zelebrierte Harding den Trauermarsch in allerlangsamsten spannungsarmen Schritten, wohingegen das Orchester im zweiten Satz und erst recht im Scherzo technisch ziemlich überfordert wirkte. Unsauberes Blech, kaum koordiniert wirkende Orchestergruppen, breiiges Fortissimo. Kein Wunder, postulierte doch Mahler selbst: „Die einzelnen Stimmen sind so schwierig zu spielen, dass sie eigentlich lauter Solisten bedürften. Da sind mir aus meiner genauesten Orchester- und Instrumentenkenntnis heraus die kühnsten Passagen und Bewegungen entschlüpft.“ Das hätten die Programmgestalter mit ins Kalkül ziehen müssen.

Die tapferen Musiker aus den USA waren jedenfalls total überfordert. Etwas besser war das Zusammenspiel beim Adagietto, das in der Aussage aus sich selbst heraus relativ einfach verständlich ist. Aber auch hier fehlten Mystik und das dunkle Geheimnis dieser aus dem Jenseits sanft grüßenden Musik. Zu konstatieren ist, dass offenbar nur Zeit blieb, die Noten einzustudieren, für (Jugend)Stil und Phrasierung dürfte die Probenzeit aber eindeutig nicht gereicht haben. Oder aber Dirigent und Orchester haben bei Mahler einfach nicht zueinander gefunden. Im Rondo-Finalsatz konnten sich die künstlerischen Partner immerhin so weit steigern, dass der unglaubliche Schlussapplaus zumindest für den guten Willen der Ausführenden gegolten haben kann.

Was die jungen Künstler und Künstlerinnen wirklich draufhaben, wurde erst mit der Zugabe ohrenfällig. Eine wahrlich phänomenale Wiedergabe von John Williams Filmmusik zu E.T.  bildete den musikalisch sowie atmosphärischen Höhepunkt des Konzerts. Das stimmte auf einmal alles: Geschmeidigkeit im Ton, Ineinandergreifen der verschiedenen Instrumentengruppen, Rhythmik, Klangschönheit und stupende Virtuosität. Da waren die Standing Ovation und der Jubel für jede Orchestergruppe, die vom Dirigenten aufgerufen wurde, auch in Bezug auf das Ergebnis verständlich. Meine Favoriten im Orchester sind die Cello- und Bratschengruppe sowie die Holzbläser (Klarinette!). Und ganz und gar hat mich der junge Paukist (im ersten Teil des Konzerts) begeistert, der mit seiner unglaublichen Emphase und Show zeigte, wie es auch gehen kann.

Dr. Ingobert Waltenberger 

 

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