BERLIN / Konzerthaus: YOUNG EURO CLASSIC 2025 – EUROPEAN YOUTH ORCHESTRA; 5.8.2025
Fotos: © MUTESOUVENIR | Kai Bienert
VASILY PETRENKO dirigierte Werke von Samuel Coleridge Taylor, Dmitri Shostakovich und Antonín Dvořák
„So klingt die die Zukunft“ oder wie der Schauspieler und nicht nur Tatort-Kommissar Dietmar Bär in seiner Begrüßung sinngemäß anmerkte: Wer einmal in so einem Konzert mitgespielt hat, für den ist künftig alles anders. So auch sichtlich und hörbar für die jungen Musikerinnen und Musiker im Alter von 16 bis 26 Jahren des European Youth Orchestra. Um mitmachen zu können, stellen sich jährlich etwa 3000 Anwärter einem Vorspielen. 140 wurden genommen, 98 davon standen gestern auf der Bühne des Berliner Konzerthauses.
Wie jedes Jahr, so sind die Konzerte nicht nur musikalische Veranstaltungen per se, sondern münden in flippige Musik-Happenings, wo man diesmal bei der dritten Zugabe, einem temperamentvollen Pasodoble vom katalanisch-spanischen Musiker, Dirigenten und Verleger Jaime Teixidor auch mal von den Sitzen hüpft und sich ein wenig selbst feiert. Zuvor verließ beim achten Satz aus der Ballett-Suite „Gayaneh“ von Aram Chatschaturjan aus dem Jahre 1942 Dirigent Vasily Petrenko demonstrativ tänzelnd das Pult und mischte sich als Schlagzeuger unter das ausgelassene Orchestervolk.
Kein Wunder bei der guten Stimmung: Waren doch die beiden vorangegangenen Stücke wirklich Reißer der besonderen Art. Zum 200. Geburtstag eines besonderen Jubilars wählte Petrenko als erste Zugabe den Johannes Brahms gewidmeten Konzertwalzer „Seid umschlungen Millionen“, Op. 443, von Johann Strauss Sohn aus dem Jahr 1892, der ursprünglich für eine Uraufführung beim Journalistenball in Berlin vorgesehen war.
Bei diesem feinen Walzer und erst recht bei der das offizielle Programm beschließenden Symphonie Nr. 8 in G-Dur, Op. 88 (1889) von Antonín Dvořák zeigte der bekannt schlagtechnisch grandiose russische Pultstar, was er mit der linken Hand an musikalischer Gestaltungsmagie und insgesamt an Charisma für das tatenhungrige Orchester drauf hat. Da stimmte alles von den Rubati über Rhythmus, Dynamik bis zu den heiklen Übergängen. Das so wienerische Timing des Dreivierteltakts von Strauss erklang in genießerischer Natürlichkeit. Bei Dvořák gelang es Petrenko zudem, die „unbändigen Rösser“, ergo die Phonstärken des Blechs, einigermaßen in Schach zu halten.
Überhaupt markierte diese so besondere G-Dur Symphonie den künstlerischen wie atmosphärischen Höhepunkt des Abends. Da konnte das fabelhafte Holz (aus meiner Sicht in der Ausbalanciertheit der Tongebung wie den zahllos hinreißend virtuos servierten solistischen Einwürfen bei Shostakovich die Stars des Abends) zuerst pastoral glänzen, die pastosen Streicher im stilistisch Tchaikovsky abgeluchsten Walzer ihre betörende Eleganz duftend entfalten als auch im Trio des Intermezzos (Allegretto grazioso) Oboe, Flöten und Fagott Böhmens „Flur und Hain“ sehnsuchtsvoll beschwören.
Im letzten Satz mit der einleitenden, von den Youngsters selbstbewusst geschmetterten Trompetenfanfare in D, gab es nach den sonoren Celli und der slawischen Variation bei der rasanten Coda kein Halten mehr. Da konnte Petrenko die auf Tempo gestrafften Zügel lockerlassen und diese wundersam klassizistische, in abendgoldener Folklore leuchtende Symphonie konnte in brillanter Emphase enden. Meisterlich in ihren impressionistisch-opulenten Effekten gelangen die atmosphärischen Kontraste von kleinen melancholischen Moll-Eintrübungen, der so typischen böhmisch-harzigen Poesie bis zur komödiantischen Ausgelassenheit ganz vorzüglich. Verdienter unendlicher Jubel im Saal.
Vor der Pause erklang einigermaßen al fresco, in romantisch aufschäumenden Tutti Samuel Colderidge Taylors bombastisch nach der Art von Edward Elgar instrumentiertes „The Bamboula“ aus den „Rhapsodic Dances” Nr. 1 op. 75 (1911) sowie das Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 Es-Dur op. 107 (1959) von Dmitri Shostakovich.
Für den spanischen Solisten Pablo Ferrández mit seiner äußerst gefühlvoll singenden Interpretation war es nicht einfach, sich gegen die schier klangüberwältigenden Streicher durchzusetzen. Ich verstehe schon, dass möglichst vielen Nachwuchstalenten die Chance geboten werden soll, auf der Bühne ihre Erfahrungen zu sammeln. Aber da war dieser Shostakovich sicherlich nicht die beste Wahl. Da gingen bis auf die großartig lyrisch verinnerlicht gesponnenen ewigen Melodien des Cellisten im zweiten Satz die Balance zu Lasten des Solisten und damit ein Teil der möglichen Wirkungsdichte der Komposition ab.
Insgesamt ist von einem berauschend endenden, alle Mitwirkenden wie das Publikum beflügelnden Konzert zu berichten. Die Blechbläsergruppe gab beim anschließenden Empfang noch einige Highlights, etwa norwegische Tänze, zum Besten. Da wiederum war der Tratsch-Lärmpegel so hoch, dass die fünf Verwegenen alle Mühen hatten, sich Gehör zu verschaffen.
Wie so oft, war es aber auch diesmal die jauchzende Leidenschaft und die unbändige Energie dieses international aus Vertretern aller EU-Staaten besetzten Jugendorchesters, die den wesentlichen Unterschied zum „normalen Konzertbetrieb“ ausmachten. Weiter so.
Zusätzlich zu den großen Konzerten bis zum 17.8. gibt es eine Reihe von Nebenevents wie das auf Kinder fokussierte Young Euro Classic-Nachwuchsprogramm Next Generation oder den „Europäischen Kompositionspreis“, der mit 5000 Euro dotiert im Rahmen des Festivals für die beste Ur- oder Deutsche Erstaufführung verliehen wird. Daneben wäre noch das wichtige Festival im Festival „Future now – Tomorrow’s Traditions Today“ zu erwähnen.
Nähere Infos: https://young-euro-classic.de/de/konzerte
Dr. Ingobert Waltenberger