BERLIN / Konzerthaus OPUS KLASSIK GALA 2026; 11.10.2026
Persönliche Eindrücke und Höhepunkte

Die Dirigentin Anna Rakitina. Foto: Mo Wüstenhagen
Ab 22h15 am Sonntagabend war die zeitversetzte Übertragung der Opus Klassik Gala zu erleben. Tatsächlicher Start im Konzerthaus war 15h45. Für diejenigen, die wegen der fortgeschrittenen Tageszeit nicht dabei waren, ist die Gala ab Montag, 12. Oktober 2026, 10.00 Uhr, im ZDF-Streaming-Portal verfügbar.
Gleich vorweg: Die Qualität der musikalischen Beiträge und manch launisches Interview mit der langjährigen Gala-Moderatorin Désirée Nosbusch bzw. als Videoeinspielung mit dem „heute-show“-Reporter Fabian Köster fand ich überzeugender und witziger als im letzten Jahr. Wenn man sich erst einmal an die über den Köpfen in alle Richtungen dahinsausenden Kameras gewöhnt hat, stand diesem zweieinhalb Stunden pausenlos dauernden Konzert nichts mehr im Wege.
Als ersten Höhepunkt möchte ich die vorzügliche russische Dirigentin Anna Rakitina nennen. Sie leitete das Konzerthausorchester Berlin beim mitreißenden, rubatoseligen Ungarischen Tanz Nr. 1 von Johannes Brahms und erst recht dem rauschhaft farbglühenden Finale aus Igor Stravinskys Suite für Orchester „Der Feuervogel“ mit straffer Zeichengebung, ruhig konzentriert und musikalisch comme il faut. Rakitina führte den Berliner Klangkörper in Regionen der orchestralen Bravour und einer exzeptionellen klangsinnlichen Intensität, die ihre zweite Berufswahl als Dirigentin mehr als rechtfertigte. Eigentlich wollte Rakitina, wenn es ihre Stimme nur irgendwie erlaubt hätte, Sängerin werden, musste mangels ausreichend Materials jedoch diesen Wunsch bald ad acta legen. Rakitina wäre meine persönliche Wahl als Opus Klassik Preisträgerin Dirigentin des Jahres gewesen. Aber vielleicht kommt das ja noch eines Tages. Den Europäischen Kulturpreis 2025 hat sie jedenfalls schon gewonnen.

Jonas Kaufmann, Katharina Konradi. Foto: Mo Wüstenhagen
Ein Schuft wäre, der den ersten offiziellen Beitrag mit dem Duett ‚Tanzen möcht‘ ich‘ aus der Operette „Die Csárdásfürstin“ von Emmerich Kálmán mit Jonas Kaufmann und Katharina Konradi nicht als glamouröses Highlight bezeichnete. Der Tenor hat das Duett auf Tonträgern in seinem Album „Magische Töne“ verewigt. Beide erwiesen sich als gut gelaunt und prächtig bei Stimme. Der Walzer, den sie am Bühnenrand hinlegten, war vielleicht nicht „Elmayer-Kränzchen“ reif, aber doch sehr anständig pariert. Den Opus-Klassik hatte Kaufmann jedoch in der Kategorie audiovisuelle Produktion des Jahres für das Video „Doppelgänger“ zu Schuberts Liedern „Schwanengesang“ als letzten Ausdruck eines Sterbenden in der Regie von Claus Guth erhalten.
Katharina Konradi hatte bereits am Tag zuvor im Fotografiska mit zwei französischen Liszt Liedern und Daniel Heide am Flügel sowohl ihre sängerische Kompetenz als auch ihr überbordendes Temperament unter Beweis gestellt. Im Gespräch mit Nosbusch ging es um die Frage des Einsingens: Kaufmann hält übertriebenes Einsingen persönlich nicht für zielführend. Wie man die Übungen auch leise im Zug oder mit anderen Kollegen in einem Raum auch ohne „Klangstaubsauger“ hinkriegt? Einfach in die Faust singen oder summen tut’s als Aufwärmübung auch.

Duo Café del Mundo. Foto: Mo Wüstenhagen
Mit anderen Problemen haben die Gitarristen Jan Pascal und Alexander Kilian/ Duo Café del Mundo“ zu kämpfen. Für den Fall der Fälle, dass ein Fingernagel bricht, führen die zwei um Sprachwitz und Humor nicht verlegenen Musiker, die die Flamenco Gitarre im Konzert salonfähig gemacht haben, im Tourbus ihr ‚mobiles Nagelstudio‘ mit. Den Opus Klassik erhielten sie für ihre unglaublichen 100 bis 150 Auftritte pro Jahr in der Kategorie Tournee des Jahres. Klar, dass auch die Musikkostproben mit Ludovico Einaudis ‚Una Mattina‘, Hans Zimmers ‚Interstellar und der Eigenkompositionen ‚Arabian Nights‘ sehr gut beim Publikum ankamen.
Nach einer eher verhaltenen, in behutsamen Schattierungen vorgetragenen Nocturne Nr. 9 des Iren John Field durch die Pianistin Alice Sara Ott, Tochter einer japanischen Klavierlehrerin und eines Deutschen (sie bekommt den Preis für ihr Engagement in der von mir so gar nicht geschätzten Welt der Neoklassik, unter anderem mit ihrer Interpretation von Klavierwerken des Jóhann Jóhannsson) war das vokale „Zornbinkerl“ Shira Patchornik zu erleben.
Ausschlaggebend für den Preis war ihr sensationelles Debüt-Soloalbum „Bella Furia“, das sie gemeinsam mit den Schweizer CHAARTS Chamber Artists unter der Leitung von David Castro-Balbi eingespielt hat. Als kleinen Appetizer aus dem Album trug die israelische Sopranistin mit funkelnden Koloraturen die Wutarie ‚Furie di donna irata‘ aus Niccolò Piccinis Oper „La buona figluola“ vor. Ein Ereignis. Doch sehen Sie selbst. Von dieser Arie der Marcheza ist ein Video verfügbar: https://www.youtube.com/watch?v=ZStrYjiEWWU&list=RDZStrYjiEWWU&start_radio=1
Ein großer Publikumsliebling und einer meiner bevorzugten Pianisten der jüngeren Generation ist der nun in Berlin lebende Russe Alexander Malofeev. Der 24-jährige verwöhnte als Nachwuchskünstler des Jahres das Publikum mit ‚Lilacs‘, op. 21 Nr. 5 sowie der Variation 18 aus der „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“, op. 43 von Sergej Rachmaninov. Schon vor zwölf Jahren gewann Malofeev den Grand Prix bei der International Young Pianists Competition. Sein bei Sony erschienenes Album „Forgotten Melodies“ ist ein Muss für alle, die höchste Anschlagskultur und feinsinniges Musizieren lieben. Stichwort Sternschnuppenregen: Töne können bei Malofeev zart und leuchtend aufblitzen wie Perseiden oder die im Oktober sich zeigenden Orioniden. Sympathisch war nicht zuletzt, dass dieser junge Russe in seiner Danksagung Deutsch sprach.
Die französische Violinistin, Komponistin, Webvideoproduzentin und Klassik-Influencerin Esther Abrami, ausgezeichnet in der Kategorie Klassik ohne Grenzen, spielte ‚Flowers‘ von Miley Cyrus in einem Arrangement von Jan-Peter Klöpfel und ihr eigenes, nach Neoklassik klingendes ‚Envoutée‘. Soll es auch geben, ist aber nicht mein Fall.
Ganz anders der Südtiroler Bariton André Schuen. Als Sänger des Jahres brachte er aus seinem „Mozart“ Album die Arie des Figaros ‚Non più andrai‘ aus „Le Nozze di Figaro“ mit. Schuens viril erdiger Bariton ist ideal für Mozart, aber auch für das Lied-Universum Franz Schuberts oder Gustav Mahlers. Im humorvollen und eigenbrötlerischen Video fragte Fabian Köster den ladinischen, naturverbundenen Sänger, wie er denn quasi in dieser Wildnis auf Schubert komme, wenn man in den Südtiroler Bergen nur Bach (nicht der Komponist, sondern kleine, meist sehr kalte Gewässer) hören könne? Auf jeden Fall führte Schuen ein imponierendes Brüllen vor, wenn plötzlich ein Bär auftaucht. Eigentlich laufen alle Wildtiere ohnedies davon, wenn ein Mensch sich auch nur in ihre Nähe verliert.

Andre Schuen, Anna Lucia Richter. Foto: Mo Wüstenhagen
Als Sängerin des Jahres wurde Anna Lucia Richter geehrt. Da sie erst vor 14 Tagen ein Mädchen zur Welt brachte, verzichtete sie lieber auf einen musikalischen Auftritt. Sie war aber im Saal und bekam von der Moderatorin nicht nur die verdiente hölzerne Stimmgabel, sondern auch eine Kinderrassel als erstes Musikinstrument für das Baby überreicht.
Tief imponiert hat die aus Sri Lanka stammende, in Monaco aufgewachsene Pianistin Shani Diluka. Ihre musikalische Ausbildung verdankt sie einem Stipendium des Fürstenhauses, einst von Fürstin Gracia Patricia ins Leben gerufen. Diluka gewann den Opus Klassik für den Videoclip des Jahres, genauer gesagt das Renaissance Album Video zu G. F. Händels Menuett in g-Moll, transkribiert von Wilhelm Kempff. Mit welch unendlicher Noblesse, exquisiter Klangkultur und poetischer Durchdringung Diluka das Menuett spielte, war in der Stille und scheinbaren Einfachheit des Stücks ereignishaft.
Als Finale durfte die Hornistin Sarah Willis mit ihrer kubanischen Sarahbanda diesmal die „Sarahbande mambo“, basierend auf „Eine kleine Nachtmusik“ von W. A. Mozart ihre Show abziehen.
Mit dem Opus Klassik für ihr Lebenswerk wurde zudem die Pianistin Martha Argerich geehrt. Sie ließ sich lieber aus der Ferne feiern, ich nehme an, der Trubel behagt ihr nicht. Dass die 85-jährige, nach wie vor hoch aktive und künstlerisch unangreifbare argentinische Pianistin bescheiden ist, durfte ich selbst erleben. Nach einem Konzert beim Berliner Intonation Kammermusikfestival kam ein Begeisterter auf sie zu und wollte sich bedanken. Argerich meinte darauf nur „Ja., wofür denn?“, so als wollte sie sagen, das ist mein ganz normaler Beruf und ich erfülle ihn so gut es geht. Nichts weiter. Eine wahrhaft Große.
Erfreulich ist, dass beide Verleihungs-Events vom Publikum besser angenommen wurden, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Vielleicht erleben ja nicht nur Vinyl-Schallplatte und CDs, sondern das Interesse an klassischer Musik generell und in welcher Ausprägung auch immer ein kleines Revival. Zu wünschen wäre es….
Dr. Ingobert Waltenberger

