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BERLIN / Konzerthaus FIOR D’ALPE – Deutsche Erstaufführung durch die BERLINER OPERNGRUPPE unter FELIX KRIEGER

20.05.2026 | Oper international

BERLIN / Konzerthaus FIOR D’ALPE – Deutsche Erstaufführung durch die BERLINER OPERNGRUPPE unter FELIX KRIEGER; 19.5.2026

Mitreißende halbszenische Aufführung dieser in den Höhepunkten siedeheißen Oper von ALBERTO FRANCHETTI

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*Foto: Peter Adamik

Besucht wurde die Generalprobe

Das schwarze bodenlose Loch, es klafft noch immer. Das, was die Musikgeschichte aus welchem Grund auch immer auf den Thron erhob oder ausschied, das, was die Politik jüdischen Komponisten durch ihre rassistischen Anordnungen nicht nur der Welt der Oper angetan haben, erfüllt noch immer mit dem Phantomschmerz der Amputation. Nicht zuletzt, weil Musikdramen, die sich in den Höhepunkten gut mit den Spitzenwerken der spätromantischen Strömungen des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts und beginnenden 20. Jahrhunderts inkl. der Publikumsrenner des Verismo bzw. der Giovane Scuola messen lassen können, gnadenlos von den Spielplänen verbannt waren.

Viel bleibt noch zu tun, um auf einer breiteren Ebene – hier sei die Initiative der Stiftung Bru Zane lobenderweise erwähnt, die das größere 19. Jahrhundert der französischen Oper systematisch aufbereitet – Vergessenes zu Gehör und Diskussion zu bringen. Was bedeuten etwa Alberto Franchettis 15 Opern für die italienische Musikgeschichte und was haben sie uns heute zu sagen?

Bei der Summe an vokaler Ekstase, raffinierter Instrumentierung und Bühnentauglichkeit verwundert es nicht, dass Franchetti zu seiner Zeit in einem Atemzug mit Giordano, Cilea oder Zandonai genannt wurde. Manche schubladisierten Franchetti – aus meiner Sicht nicht adäquat – als „italienischen Meyerbeer“. Charakteristischer scheint mir, dass Giuseppe Verdi den jungen Frachetti gefördert, Gustav Mahler die Opern „Asrael“ und „Cristoforo Colombo“ des 1860 in Turin geborenen Tonsetzers mit Freuden dirigiert und der gestrenge Arturo Toscanini das Schaffen Franchettis mehr als goutiert hat. Toscanini war es, der die Uraufführungen von Franchettis erster Oper „Asrael“ am Teatro Reggio Emilia als auch von „Germania“ 1902 am Teatro alla Scala mit Enrico Caruso als Tenorsuperstar musikalisch leitete.

Von seinen 15 Opern kennen Aficionados die Live Aufnahme von „Christoforo Colombo“ aus der Alten Oper Frankfurt aus dem Jahr 1991 mit Renato Bruson in der Titelpartie unter der musikalischen Leitung von Marcello Viotti. Die Aufführung von „Germania“ an der Deutschen Oper Berlin 2007 – Inszenierung von Kirsten Harms, Dirigent Renato Palumbo – wurde auf DVD festgehalten. Sonst habe ich auf Naxos nur noch ein Album mit Franchettis „Symphonie in e-Moll“, zur Abschlussprüfung am Dresdner Konservatorium geschrieben, und seine Impressione sinfonica „Nella foresta nera“ gefunden. Eine wirklich schmale Diskografie.

Nun ging dank den Anstrengungen von Felix Krieger, der Berliner Operngruppe Franchettis dritte Oper, „Fior d’Alpe“, mit der dramatischen Sopranistin Maria Belén Rivarola als Maria, Eduardo Niave als Paolo, Krešimir Stražanac als Il Conte, Irakli Pkhaladze als Alfredo, Sandra Laagus als Ghita und Hanseong Yun als Maso in halbszenischer Form (Tabatha McFadyen) über die Bühne des Berliner Konzerthauses. Basierend auf der vom Franchetti Forscher und Direktor des Deutschen Studienzentrums in Venedig, Dr. Richard Erkens, in der Washington Library aufgefundenen Partitur konnten Helmut Krausser, Torsten Rasch und Felix Krieger in mühseliger Kleinarbeit das Aufführungsmaterial editieren. Am Projekt der Wiederaufführung von Fior d’Alpe war zudem die Associazione per il Musicista Alberto Franchetti aus Reggio Emilia unter dem Vorsitz von Stefano Maccarini beteiligt. Dieser Verein fördert seit 2008 die kritische und künstlerische Aufwertung dieses Komponisten.

Die Franchettis waren eine unternehmerisch erfolgreiche norditalienische Dynastie. Der Vater Albertos bildete als angesehener Großgrundbesitzer und Baron eine Stütze der Gesellschaft und förderte die künstlerischen Ambitionen Albertos. Die Mutter war eine Rothschild aus Wien. Der älteste Bub Alberto erhielt seine musikalische Ausbildung zuerst in Turin und Venedig, sodann in München (Josef Gabriel Rheinberger) und Dresden (Felix Draeseke, Edmund Kretschmer).

Franchetti unterrichtete, von 1926 bis 1928 leitete er das Konservatorium von Florenz. Seine Bewunderung für die Musikdramen Richard Wagners manifestierte sich nicht zuletzt in seiner Funktion als Vorsitzender der Wagner-Gesellschaft Bologna, fand dazu natürlich ebenso in seiner harmonisch-chromatisch komplexen Orchestersprache ihren Niederschlag.

Franchetti liebte schnittige Autos und generell den Motorsport. Das hatte er mit Puccini gemein. Der geschickte Puccini landete nebstbei einen seiner vielen Coups, als er via seinem Verlag Ricordi Franchetti das von Luigi Illica nach dem Drama von Victorien Sardou verfasste Libretto zu „Tosca“ abluchste. Schon zuvor hatte Franchetti Illicas Textbuch für „Andrea Chenier“ an Umberto Giordano abgetreten. Ein sonderliches Gespür für geniale dramatische Stoffe hatte Franchetti offenbar nicht.

Uraufgeführt am 15.3.1894 an der Mailänder Scala, geht es in „Fior d’Alpe“ nach einem Libretto von Leopoldo Pullé alias Leo di Castelnuovo um eine verworrene Familien- und tragische Liebesgeschichte während der Napoleonischen Kriege in Turin und den Alpen der Haute-Savoie. Da leben der aus einfachen Verhältnissen stammende Paolo und die adelige Maria. Sind sie Geschwister? Maria wurde auf jeden Fall von ihrem gräflichen Vater verlassen. Als Maria nach Turin geht, um die sterbende Mutter zu besuchen, wird sie kurzerhand mit dem Marquis Alfredo zwangsverheiratet. Paolo, der sich mittlerweile über seine leidenschaftliche Liebe zu Maria im Klaren ist, schließt sich in eifersüchtigem Zorn der französischen Armee an. Im dritten Akt wechselt er nach dem gegenseitigen Eingeständnis ihrer Liebe wieder die Seiten. Im Kampf wird er tödlich verletzt und stirbt singend in den Armen Marias.

So weit, so alpenklischeehaft mit einem Schuss Sozialkritik an gesellschaftlichen Zwängen und Akzeptanzbarrieren zwischen Adeligen und Bürgerlichen. Die musikalische Substanz, insbesondere der durchkomponierte Gestus, ihre farbenprächtige, Naturstimmungen und menschliche Leidenschaften verbindende Instrumentierung, ihre rhythmische Vielfalt überzeugt. Ja, vor allem die ungeheuer wirksamen Ensembles und Duette im zweiten und dritten Akt bersten vor Hochspannung und dramatisch explosiver Kraft. Dabei schont Franchetti die Liebenden nicht. Er überantwortet ihnen vokal höchst Anspruchsvolles, gespickt mit jeder Menge an Spitzentönen.

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Foto: Peter Adamik

Glücklicherweise hat man bei der Besetzung ein goldenes Händchen bewiesen. Die argentinische dramatische Sopranistin Maria Belén Rivarola, die am Teatro Colon zum Saisonstart 2025 eine gefeierte Aida abgab, hat mit ihren metallisch gleißenden Akuti und der zu lyrischer Innigkeit befähigten Mittellage den gewissen Überwältigungsfaktor.

Nicht minder eindrücklich sang der mexikanische Tenor Eduardo Niave die Rolle des leidenschaftlichen Paolo. Mit heldischer Mario del Monaco Attacke, seinem viril klangschönen, in allen Lagen ausgeglichenen, großartig gedeckten und belastbaren Spinto, ist er mir lieber als alle Melis und Castronovos zusammen. Die Duette von Maria und Paolo erzeugen noch im Nachgang Gänsehaut. Was für Entdeckungen!

Als die beiden männlichen Gegenspieler reüssieren der vor allem für seine hervorragenden Liedinterpretationen gerühmte Krešimir Stražanac als wenig väterlicher Graf mit profunder Tiefe und frei strömender Basseleganz sowie der junge georgische Bassbariton Irakli Pkhaladze, Mitglied des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Unter den Linden, als ungeliebter Alfredo für ihre profilierten Rollendarstellungen.

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Foto: Peter Adamik

Aufregend ist, was Felix Krieger mit Umsicht, Präzision und einer gehörigen Portion Klangmagie aus dem groß besetzten Orchester der Berliner Operngruppe herausholt. Nur mit solch unbedingtem Einsatz ist diese komplexe spätromantische Partitur zu beleben und – so mögen wir uns das wünschen – langfristig aus dem Dornröschenschlaf wach zu küssen.

Weniger gut bestellt war es um die Leistungen des Chors der Berliner Operngruppe, verstärkt um den Apollo-Chor der Staatsoper Berlin. Da gestalteten sich die Einsätze teils als rhythmisch verwaschen. Zudem fehlte es an Artikulation, Textverständlichkeit (Konsonanten!) und in Relation zur Orchesterintensität zudem an Klangfülle.

Fazit: Gelungene und mitreißende Interpretation, vor allem dank des hervorragend instruierten Orchesters und eines homogenen Solistenensembles, das der Aufführung festspielwürdigen Glanz verlieh. Gut für alle, die nicht dabei waren bzw. zum Wieder- und Wiederhören: Es ist eine CD-Edition der Oper in Aussicht genommen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

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