BERLIN: Eröffnungskonzert des 27. YOUNG EURO CLASSIC Festivals; Konzerthaus 31.7.

Foto: copyright Kai Bienert
Umjubelter Auftakt: AUREL DAWIDIUK dirigierte das Bundesjugendorchester, GIORGI GIGASHVILI edelte das dritte Klavierkonzert von Rachmaninov
Das Young Euro Classic Festival steht unter dem Motto „Zuversicht als musikalisches Erlebnis.“ Es ist ein ganz spezieller Ort der Begegnung, des Austausches, des Lernens für Jung und Alt, des Miteinander. So werden dieses Jahr bis zum 16. August 14 Jugendorchester auftreten, dazu ein Chor, zwei Jazzgruppen und fünf FUTURE NOW Ensembles, eine spezielle Serie ist ‚Musical Diaries‘ gewidmet, die von Künstlern aus Tadschikistan, Vietnam, Marokko und Argentinien bestritten werden.

Giorgi Gigashvili, Aurel Dawiduk. Foto: copyright Kai Bienert
Im Vorfeld wurde damit geworben, dass Young Euro Classic so ein Eröffnungskonzert wie mit dem Bundesjugendorchester noch nie erlebt hätte, weil zwei herausragende 26-jährige Künstler sich das Podium im Konzerthaus Berlin mit den jungen Musikerinnen und Musikern des Orchesters, also der Spitze des künstlerischen Nachwuchses aus Deutschland zwischen 12 und 18 Jahren, teilten. Es handelt sich bei den beiden Jungstars um den aus Hannover stammenden Dirigenten Aurel Dawidiuk sowie um den georgischen Pianisten Giorgi Gigashvili. Mit seinem 2023 erschienenen Solo-Debütalbum „Meeting my Shadow“ mit Werken von Scarlatti, Beethoven, Skrjabin und Messiaen legte er tatsächlich eine persönliche Steilvorlage vor und gab zugleich ein großes Versprechen ab, das er gestern locker einlösen konnte.
Und tatsächlich war es ein anderer Abend als alle, an die ich mich erinnern kann. Das lag an der exquisiten musikalischen Qualität selbst genauso wie an der ausgeprägten Gestaltungskraft von Dawidiuk und Gigashvili, die als individuell integre und künstlerisch ambitionierte Vertreter einer völlig neuen Generation an Musikern gelten dürfen.
Schon der Start mit der ansonsten von einem kleinen Bläserensemble am Rang eher beliebig vorgetragenen Festivalhymne, die Iván Fischer 2011 geschrieben hatte, verlief neu. Denn diesmal hat Taneli Rauhalammi aus dem Bundesjugendorchester die Hymne als eine gigantische Festmusik orchestriert, die schwungvoll und energiegeladen alle instrumentalen Stückeln spielt.
Nach einer angenehm knappen und anlassgerechten Begrüßung durch Christina Henke, Staatssekretärin für Bildung, in Vertretung für Katharina Günther-Wünsch, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie sowie Dr. Willi Steul, 1. Vorsitzender Deutscher Freundeskreis europäischer Jugendorchester e.V. startete der Abend mit Rachmaninovs drittem Klavierkonzert in d-Moll, op. 30 aus dem Jahr 1909.

Foto mit drei Mitgliedern und dem Bären-Maskottchen des Bundesjugendorchesters: Foto: Ingo Waltenberger
Bereits im ersten Satz zeigten sich Orchester rund Pianist von der ersten Note an konzentriert. Sie holten aus diesem verrückten Rachmaninov-Experiment zwischen sentimentaler Bildhaftigkeit, Neuer Welt Schmeichelei und virtuosem Wahnsinn, das der Komponist sich selbst für seine erste Amerikatournee auf den Leib bzw. in die Finger geschrieben hatte, alle lyrische Emphase und impressionistische Flockigkeit. Die romantischen Stimmungsbrüche gestalteten sie in überragender Selbstverständlichkeit.
Aurel Dawidiuk, auf den sich die Bochumer schon freuen dürfen – in diesem Herbst wird er die Position des Generalmusikdirektors der Bochumer Symphoniker antreten – hat das Bundesjugendorchester sorgfältigst vorbereitet und auf eine faszinierende Orchesterkultur trotz atmosphärischer Wechselbäder eingeschworen.
Wiewohl es immens schwierig ist, gerade in diesem so uferlos mäandernden ersten Satz, der dem eigenwilligen Lauf eines jungen Fohlens gleicht, stets die Balance zwischen Klavier und Orchester bzw. den rhythmischen Gleichklang zu wahren, achteten sowohl Pianist als auch der Dirigent wachsam darauf, den jeweils anderen in seiner jeweiligen künstlerischen Gangart zu beflügeln. Zielte der elegante Dawidiuk darauf ab, rhythmisch gestochen klar, dabei klangsinnlich und dynamisch kontrastreich zu musizieren, so fiel beim schwarzlockigen sympathischen Gigashvili dessen Vorliebe für agogische Extreme, ausgeprägte Rubati etwa in Solokadenz des ersten Satzes auf. Ganz ein sensibler romantischer Künstler modernsten Zuschnitts – der sich passioniert für Elektropop, georgische Volkslieder und experimentelle Musik engagiert – imponierte bei Gigashvili die Lockerheit und Gelassenheit, mit der er in die Tasten versunken oder aufrecht extemporierend sauberste Perlagen schimmern und lyrische Kantabilität mit virtuoser Pranke zu verbinden wusste. Das alles mit einer Natürlichkeit und einem Zauber der Jugend, die sich Rachmaninovs Musik nicht nur zu eigen gemacht haben, sondern quasi neu erfanden.
Im Intermezzo ging es nämlich zur Sache, dort, wo das klangliche Eigenwerbebanner Rachmaninovs plötzlich in seelische Gefilde vordringt, die Innigkeit sowie eine immense pianistische Flexibilität verlangen. Im alla breve Finale griff Gigashvili zu beherzter Attacke, jedoch selbst im kraftvollsten Anschlag immer noch elastisch und auf den großen Bogen bedacht. Hier traf er sich mit den Intentionen des Dirigenten Aurel Dawidiuk, dem eine große Zukunft vorherzusagen nicht schwerfällt. Dawidiuk forderte bei Rachmaninov vor allem die tiefen Streicher, was reizvoll die hellen Klavierarabesken betonte. Überhaupt stachelte er das Bundesjugendorchester zu Höchstform an. Da weiß einer zu motivieren und mit glasklarer Zeichengebung, unterstützt durch eine wunderbar klanglinienmalende linke Hand, solitäre Resultate mit Willen und der nötigen Portion Magie zu erzielen.
Giorgi Gigashvili verabschiedete sich vom jubelnden Publikum mit einer Zugabe, und zwar einer Kostprobe aus Domenico Scarlattis Sonate in C-Dur, K487, die er mit eigenen Improvisationen pfeffrig würzte. Ich habe mir heute nochmals zum Vergleich die Plattenaufnahme des Rachmaninov-Konzerts mit Trifonov, dem Philadelphia Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin angehört. Den tiefen Eindruck und die hohe Emotionalität des gestrigen Konzerts habe ich bei aller Wertschätzung darin nicht gefunden.
Nach der Pause war Giya Kanchelis „Noch ein Schritt /Another step“ aus dem Jahr 1992 zu hören. Der in Tiflis geborene, 2019 verstorbene Komponist kam wie Gigagshvili via Pop und Songs zur Musik. In diesem einsätzigen Werk, das völlige Ruhe sowie aus „schwebendem Zeitempfinden“ (Schnittke) erwachsene zartgliedrige Klangpoesie auf härteste Rhythmen und tosendes Hämmern prallen lässt, waren die jungen Perkussionisten des Orchesters gefordert und zeigten, was sie an blitzschneller Schlagkraft draufhaben. Dawidiuk leitete das Orchester mit eherner Hand und uhrwerkartiger Präzision. Ein Ereignis, aber auch ein erschütterndes Erlebnis, wie plötzlich aus dem Nichts Gewalt und scharfes Metall unerbittlich in ahnungsloses Leben schneiden können.

Foto: copyright Kai Bienert
Natürlich boten die abschließenden „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky in der Orchestrierung von Maurice Ravel die optimale Gelegenheit, die Vorzüge der einzelnen Bläsergruppen als Ganzes als auch solistisch zu präsentieren. Hier erwies sich Dawidiuk als seismografisch optische Eindrücke in Klang wandelnder Animator und plastischer Orchestererzähler. Denn man schien bei der in den Akzenten stets geschärften Lesart Dawidiuks das täuschend echte Erlebnis zu haben, nicht bloß einem onomatopoetisch empfundenen Museumsbesuch zu lauschen, sondern in das zum Leben erwachte Treiben der einzelnen Gemälde des Malers Viktor Hartmann wie in eine andere Dimension einzutauchen. Sei es das Ballett der Küken in ihren Eierschalen, der Marktplatz von Limoges oder die Hütte der Baba Jaga, gemeinsam schritten alle auf der Bühne und im Publikum final durch das große Tor von Kyiv. Das enthusiasmierte, den Saal bis auf den letzten Platz füllende Publikum erklatschte sich als Zugabe ‚Gopak‘ aus Mussorgskys Oper „Der Jahrmarkt von Sorotschinzy.“
Wie schön, dass das Maskottchen des Bundesjugendorchesters, ein ‚alter‘, jung geliebener hübscher Lederstoffbär im Galafrack, zuerst an einen Fuß des Klaviers, sodann an das Dirgentenpult gelehnt, dem Geschehen auf der Bühne und im Saal folgen konnte. Als Glücksbringer hat er offenbar funktioniert. Denn das Konzert war tatsächlich erinnerungswürdig als das beste aller Eröffnungskonzerte, das ich hören durfte.
Die Konzerte von Young Euro Classic bieten mehr als andere Events Gelegenheit mit den Musikerinnen und Musikern zu plaudern, sei es in der Pause oder danach bei dem von den Veranstaltern organisierten Publikumsfest auf dem Gendarmenmarkt mit dem gesamten Bundesjugendorchester aber auch dem Youth Symphony Orchestra of Ukraine. Da erfreuten sich die vor dem festlich beleuchteten Konzerthaus versammelten Musikbegeisterten, die Familien und Freunde des Festivals und Orchesters nicht nur an Wasser, Bier, Brezeln und Franzbrötchen, sondern auch an gemeinschaftlich von deutschen und ukrainischen Blechbläsern dargebotenen Fanfaren und Ständchen.
Denn heute steht das Jugendsymphonieorchester der Ukraine unter der musikalischen Leitung von Oksana Lyniv mit Illia Ovcharenko am Klavier auf dem Podium des Berliner Konzerthauses.
Hinweis: Das Konzert mit dem Bundesjugendorchester vom 31.7.2026 wurde auf ARTE gestreamt und ist im Replay abrufbar: arte.tv/concert. Des Weiteren hat der Deutschlandfunk Kultur live das Konzert gestern bundesweit ausgestrahlt. Im Anschluss ist es 30 Tage online und in der Deutschlandfunk App verfügbar.
Dr. Ingobert Waltenberger

