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BERLIN/ Komische Oper: THE BASSARIDS. Premiere. Eine Spitzenleistung

14.10.2019 | Oper

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Günther Papendell und Chor. Foto: Monika Rittershaus

 

Berlin / Komische Oper: THE BASSARIDS, Premiere, eine Spitzenleistung! 13.10.2019:

Mit „The Bassarids“, einem Einakter von Hans Werner Henze, ist der Komischen Oper Berlin Außerordentliches gelungen. Mal nicht leichtfüßige Operette, sondern die Umsetzung einer archaischen Götter-Menschen-Saga des Euripides. Und ähnlich wie bei dessen Medea kommt es auch hier letztendlich zu einem Kindesmord.

Vladimir Jurowski und Barrie Kosky, die schon vor Jahren „Moses und Aron“ mit erstaunlichem Erfolg präsentiert hatten, haben sich nun mit „The Bassarids“ nach dem Motto „never change a winning team“, erneut an die Arbeit gemacht und bieten Henzes Musikdrama von 1966 in Perfektion.

So rauschhaft wie der Inhalt dieser Tragödie ist auch Henzes Musik, und Jurowski lässt sie zusammen mit dem Orchester des Hauses in allen Facetten aufleuchten. Es entsteht ein Sog, der genau zu dieser dramatisch-unheimlichem Geschichte passt und dem sich wohl niemand entziehen kann.

Ebenso wie das Orchester wachsen an diesem Abend alle, die auch sonst gut und sehr gut sind, noch über sich hinaus. So der Chor, einstudiert von David Cavelius, verstärkt durch das Vocalconsort Berlin, der mit den Klangmassen das Publikum förmlich überfällt und sich auch darstellerisch das Geschehen voll zu eigen macht. Meistens agieren die sämtlich schwarz gekleideten Choristen auf einer hell beleuchteten antikischen Treppe und setzen von dort zur Attacke an (Bühnenbild und Kostüme: Katrin Lea Tag).

Es geht jedoch nicht nur um den hier im Rausch erfolgenden Kindesmord, sondern um die Verführung und Verführbarkeit der Massen, und dieses Thema ist immer aktuell. Hier ist es der junge Gott Dionysus, der die Menschen zu ungewohnten Lüsten verleitet und sie bis in den Wahnsinn treibt.  

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Günter Papendell und Sean Pannikar. Foto: Monika Rittershaus

Diese Rolle ist mit dem Gastsänger Sean Panikkar ideal besetzt. Diesem schönen Mann, ein Amerikaner mit indisch-ceylonesischen Wurzeln, mit einem ebenso schönen Tenor und auch darstellerisch begabt, glaubt man/frau, dass er die Menschen beeinflussen kann. Schon 2018 bei den Salzburger Festspielen (wo Die Bassariden 1966 auf Deutsch uraufgeführt wurden) hat man ihn für diese Partie engagiert.

Sein Gegenspieler ist Thebens junger König Pentheus, gesungen und gespielt von Günter Papendell, dem fabelhaften Bariton des Hauses, der in diversen Rollen immer wieder überzeugt. Auf Augenhöhe mit Panikkar meistert er auch diese Herausforderung.

Die beiden singen nicht nur, sie kämpfen auch Mann gegen Mann, der König, als Vertreter von „Law and Order“, der sich selbst Keuschheit geschworen hat, und der Fremde, der als noch unerkannter Dionysus das Gegenteil verkörpert und das Volk zu ungewohnter Sinneslust verleitet.

Sein Einfluss und seine Riten finden auch in des Königs Familie Anhängerinnen. Seine Mutter Agave (Tanja Ariane Baumgartner, Mezzo) und ihre Schwester Autonoe (Vera-Lotte Boecker,  Sopran), die erstgenannte als Gast, die andere aus dem Ensemble des Hauses,

gehören bereits zu seinen Followern. Und ihre Zahl scheint lawinenartig zu wachsen. Mit Härte will Pentheus gegen den fremden Verführer vorgehen Der Captain of the royal guard, Tom Erik Lie in Uniform, soll für Ordnung sorgen.

Damit ignoriert Pentheus jedoch die Warnungen von Beroe, seiner Amme, die auch die von Dionysus’ Mutter Semele gewesen ist. Dem warmen, kräftigen Mezzo von Margarita Nekrasova ist diese Besorgnis deutlich anzuhören.

Auch sein Großvater Cadmos, der die Macht des Geheimnisvollen ahnt, warnt ihn vergeblich. Jens Larsen mit seinem klangreichen Bass wirft sich auch körperlich in diese Rolle. Vom englischen Libretto, revidiert und reduziert von Wystan Hugh Auden und Chester Kallman, ist bei ihm jedes Wort zu verstehen. Auch alle anderen singen  textverständlich, heutzutage eine Seltenheit.   

Den alten blinden Seher Tiresias (Ivan Turšić), der die Zukunft schon erkannt hat, will der junge König aus dem Land verbannen, doch der folgt nicht diesem Befehl. Der ist vom Volk anerkannt und hat mit Sinneslust Erfahrung. Nach der Schlangensage besaß er mal einen weiblichen Körper und danach wieder einen männlichen. Soll wohl heißen, alle besitzen weibliche und männliche Anteile in ihren Körpern und Gefühlen. Zur Abwechslung führt er ein lustiges Theaterstück auf, ein Intermezzo in Originalfassung.

Doch selbst der König, der diese Auswüchse seiner Untertanen nicht dulden will, kann sich auf Dauer dem Einfluss des lange Zeit incognito auftretenden Dionysus nicht entziehen. Der nimmt seinen Kopf in die Hand, als wolle er ihn hypnotisieren, und so ist es auch. Pentheus will zumindest sehen, was sein Volk auf dem Berg unter dem Einfluss des Fremden so treibt. Ist das nur Wissenwollen? Vermutlich mehr als das.

Schon gehorcht er dem Fremden, der ihm rät, sich zur eigenen Sicherheit lieber als Frau zu verkleiden. Im gleichen weißen Kostüm mit Pailletten besetztem Top und in hochhackigen Schuhen stolpert der König nun als lächerliche Figur die Treppe hinauf und hinunter.

Die letzte Szene zeigt die vormals schicke Mutter im blutbesudelten Hemd und mit einer Plastiktüte in der Hand. Noch immer im nächtlichen Wahn befangen, zieht sie nach und nach blutige Haarstränen (statt eines abgeschlagenen Kopfes) aus der Tüte heraus, erkennt sie plötzlich als die ihres Sohnes, stopft sie wieder in die Tüte zurück und trägt diese nun wie ein Baby im Arm. Welch eine Szene!

Selbst in den Augen der sich an der Rampe wild bewegenden Tanztruppe (Choreographie wie immer von Otto Pichler), die zuvor so munter mit übergroßen Masken auf den Köpfen getanzt hatte, spiegelt sich jetzt das Grauen. Dionysus genießt das alles, verjagt die königliche Familie und lässt ihren Palast niederbrennen, was aber nicht gezeigt.

Zuletzt steht er stolz alleine an der Rampe und fordert mit großartigem Gesang die Befreiung seiner Mutter Semele aus dem Hades und ihre Erhöhung als Göttin. Vorhang und mindestens eine Minute Schweigen. Danach bricht der hoch verdiente Beifall los, auch fürs Regieteam. Eigentlich hätten alle Beteiligten nach diesen knapp 2 1/2 pausenlosen Stunden „standing ovations“ für diese Großtat verdient.  

 Ursula Wiegand

Nächste Termine: 17. und 20. Oktober, 2., 5. und 10. November sowie am 26. Juni 2020.

 

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