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BERLIN/ Komische Oper: „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, Opernfassung von Moritz Eggert, Uraufführung

am 5.5. (Ursula Wiegand)

07.05.2019 | Oper


Scott Hendricks mit Kinderkomparsen. Foto: Monika Rittershaus

Berlin / Komische Oper: „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, Opernfassung von Moritz Eggert, Uraufführung, 05.05. 2019

Erstmals hat Barrie Kosky, Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, zusammen mit seinem Chefdramaturgen Ulrich Lenz ein Libretto verfasst, um aus dem legendären Film von Fritz Lang  „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ von 1931 eine gleichnamige Oper zu formen und so seinem Haus durch dieses auch eigenhändig inszenierte Werk eine erste Uraufführung zu bescheren.  

Geglückt ist dieses Vorhaben nicht. Die Messlatte lag trotz aller Bemühungen zu hoch. Aber ist es überhaupt akzeptabel, diese leider wahre Geschichte über Kindesmissbrauch und Kindermord durch entsprechende Umgestaltung operntauglich zu machen und sie auf diese Weise aufzuwerten?

Da im Film der Mörder lange kein Wort spricht, aber ein Handlungspfaden gebraucht wurde,  singt der Unhold hier bekannte Kinder- und Volkslieder sowie einige vertonte Gedichte des 1896 in Berlin geborenen, deutsch-jüdischen Schriftstellers Walter Mehring, der angeblich zu einem bedeutenden Satiriker der Weimarer Republik avancierte.

Kindermissbrauch und Kindertötung sollten jedoch zumindest in einem Opernhaus ein Tabu sein. Eigentlich sollte es auch allen kalt über den Rücken laufen, wenn ein hübsch gekleidetes Mädelchen auf die (von Klaus Grünberg gestaltete) Bühne tritt und frohgemut verkündet: „Der Mörder singt jetzt das Lied „Häschen in der Grube“. Kosky hat das bei der Arbeit gemerkt. „Der unschuldige Text eines Kinderliedes aus seinem Mund – da wird einem ganz mulmig zumute.“ So zu lesen in einem im Programmheft abgedruckten Interview.

Kosky will das offensichtlich abmildern und fragt, ob M die Kinder wirklich ermordet oder sich das alles nur einbildet hat. Oder ob dieser ganze 90-minütige Opern-Albtraum „nur ein seltsam makabres Kinderspiel“ sei.

Dieser Verharmlosungsversuch wird durch vertauschte Rollen in die Tat umgesetzt. Alle Erwachsenen werden von kleinen Kinderkomparsen mit großen, oft hässlichen Pappmaschee-Köpfen gespielt. Das ist eine raffinierte Regie-Idee, nimmt aber die Angst der Mütter um ihre verschwundenen Kinder, ihre Trauer um die getöteten und die berechtigte Furcht der Bevölkerung vor solchen Tätern nicht ernst und macht sie beinahe lächerlich. Eher lustig verzerrt werden die übereifrigen Polizisten und die ganz gewöhnlichen Ganoven, die wegen der andauernden Kontrollen um das eigene Geschäftsmodell bangen.  

Ein ganz gewöhnlicher Mensch scheint auch der Mörder zu sein, ein Mann wie (fast) jeder andere in T-Shirt und Jeans, aber einer, der die Kinder sanft zu sich lockt, offenbar auch ein Mädchen mit roter Mütze, die er sich nach dem Mord selbst auf den Kopf setzt. Immerhin wird keine der Tötungen gezeigt.


Scott Hendricks als Mörder. Foto: Monika Rittershaus

Diesen unauffälligen „Kinderfreund“ singt und spielt der Bariton Scott Hendricks. Der macht seine Sache gut, ist meistens allein auf der Bühne und versucht, mitunter auf einem länglichen Gestell im Hintergrund hüpfend, etwas „Leben in die Bude“ zu bringen.

Doch der Durchhänger sind viele, zumal Alma Sadé und Tansel Akzeybek als Solisten im Off singen, ebenso der Chor, einstudiert von David Cavelius. Auch die Studierenden der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin, die den pappköpfigen Kindern ihre verfremdeten Stimmen leihen, bleiben unsichtbar.  

Im Graben leistet derweil GMD Ainārs Rubiķis mit dem Orchester der Komischen Oper eine überzeugende Arbeit, muss diesmal auch Saxofon, E-Gitarre und  Keyboards integrieren. Das größte Lob verdient der Kinderchor mit seiner Leiterin Dagmar Fiebach. Die Songs, die sich der Komponist Moritz Eggert für die Kleinen ausgedacht hat, sind recht anspruchsvoll. Die hellen Stimmen sind eine wahre Wohltat in diesem düsteren Geschehen.

Insgesamt liefert Eggert eine ohrfreundliche Gebrauchsmusik mit einem Parcours durch die Stile der 1930’er Jahre bis zu heutigen Disco-Klängen, aufgemöbelt durch einen Surround-Sound, der das Publikum von allen Seiten beschallen soll. Die tut musikalisch niemandem weh, nur die Anschrägung des Kinderliedes „Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann“, das der nun rasend gewordene Mörder herausschreit, geht an die Nieren.

Schrecken müsste auch seine Schilderung über die eigene Triebhaftigkeit erregen, die ihn, der mitunter mit Luftballons herumläuft, immer wieder überfällt. Aber offenbar ist in den Augen und Ohren der Regie alles halb so schlimm, und so sind es hier sogar die Kinder, die ihn fröhlich verfolgen. Das wirkt nun tatsächlich wie ein makabres Spiel, das sich die Kids ausgedacht haben, darüber hinaus jedoch wie eine Schuldzuweisung an die Stadt und die Eltern der ermordeten Kinder, die ihn, den kranken Serientöter, so sehr verfolgt haben. Ach so, die Ermordeten sind schuld und nicht der Mörder. In der Oper wird das fast noch mehr betont als im Film. 

„Ich kann doch nichts dafür“, lautet der berühmte Satz des Mordlustigen im Film und nun auch in der Oper, mit dem er sich bei seiner Ergreifung durch die Polizei für seine ihm nur allzu gut bekannten Taten rechtfertigt.

Dem Publikum in seiner Mehrheit ist bei diesem Geschehen offensichtlich nicht mulmig geworden, sehen in dieser neuen Oper wohl einen Krimi wie jeder andere. Die wollen sich in der Komischen Oper nach bewährter Art amüsieren. Daher werden zuletzt alle gefeiert, besonders Scott Hendricks, der Kinderchor und Barrie Kosky sowieso. Nur Moritz Eggert muss sich einige Buhs anhören.  

 Ursula Wiegand  

Weitere Termine: 5., 11. und 24. Mai, sowie am 9., 22. und 26. Juni

 

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