BERLIN / Komische Oper im Schillertheater: MY FAIR LADY, 50. Aufführung seit der Premiere am 28.11.2015; 6.3.2026

Foto: Jan Windszus
MARIA-DANAÉ BANSEN und MAX HOPP brillieren in der Aufführungsserie aus Anlass der 70. Wiederkehr der Uraufführung am 15.3.1956
‚Wäre det nich wundascheen?‘, ‚Mit ’nem kleenen Stückchen Glück‘, ‚Wart’s nur ab!,‘ ‚Es grünt so grün‘, ‚Ich hätt’ getanzt heut’ Nacht‘ oder ‚Tu’s doch!‘ sind wahre Musical-Evergreens, die auch nach 70 Jahren funktionieren wie am ersten Tag. Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass dieses situationskomische Stück mit Bittertönen nach George Bernhard Shaws „Pygmalion“ von Alan Jay Lerner und Frederick Loewe über gesellschaftlichen Aufstieg durch (Aus)Sprache, britisch gepflegte Standesdünkel und männliche Borniertheit noch zieht, man wäre in meiner unmittelbaren Sitznachbarschaft fündig geworden. Da hatte eine junge Familie mit zwei kleinen Sprösslingen Platz genommen. Vor allem der dauerglucksende, auf jede Pointe herzlich lachende Bub, aber auch viele junge Leute im Publikum hatten offenbar solchen Spaß am Dargebotenen, dass das alleine schon die ausverkaufte Vorstellung wert war.
Die Inszenierung von Andreas Homoki mit den markanten Grammophontrichtern und einem Chesterfield Fauteuil als einziger Ausstattung, zeigt eine in die 20-er Jahre verlegte herbsüße Persiflage auf Oben und Unten in der Gesellschaft. Moralisch sind alle außer Eliza, die Haushälterin Mrs. Pearce und Mrs. Higgins, gleichermaßen verkommen.
Dass das Ganze so funkelnd funktioniert, wie es das tut, ist nicht zuletzt dem schrägen Vorstadt-Berlinerisch zu verdanken, das wie das Cockney des Londoner East End soziale Rayons absteckt. Die Moral von der Geschicht‘: Sprache verbindet nicht nur, sondern schließt auch aus. Auch wenn die phonetische Assimilierung perfekt vonstattengehen sollte, bleibt ein kleiner „Stallgeruch“ haften, so subtil sind die über Generationen hinweg eingeübten Codes an beiden Enden der Gesellschaft.
Die Aufführung an der Komischen Oper im Schillertheater wartet mit einer Besetzung auf, die besser, markanter und trefflicher nicht sein könnte. Als da wäre der großartige Max Hoppe als Sprachchauvi Henry Higgins. Der Herr Professor, Muttersöhnchen erster Klasse, misogyn-misanthropischer Trockenakademiker, wacht durch den unendlichen Charme sowie die entwaffnende Ehrlichkeit seiner Sprachschülerin Eliza Doolittle am Ende endlich aus seiner selbstgewählten emotionalen Isolation. Wer erleben will, was Max Hopp außer dem schrulligen Staatsanwalt Dr. Brunner aus den Usedomer Krimis noch so alles an perfekt sitzendem Timing, cooler Mimik und stupender Sprachvirtuosität draufhat, sei eingeladen, sich das anzusehen.

Foto: Jan Windszus
Nicht minder bühnenquirlig und keck-schlagfertig ist die waschechte Berlinerin Maria-Danaé Bansen als Eliza Doolittle. Ein Kabinettstück, wie sie als Blumenmädchen zuerst wüst auf den patscherten Oberst Pickering (Tom Erik Lee) schimpft, aber ziemlich rasch ihre Chance auf gesellschaftlichen Aufstieg durch die beiden wettwütigen Gentlemen wittert. Schauspielerisch, vokal und tänzerisch (Linkswalzer!) gleichermaßen fit, macht sie die Wandlung von der Gosse zuerst zum noch linkisch verpfuschten Auftritt beim Pferderennen von Ascot und dann als „Lady“ mit dem Herz am rechten Fleck beim Diplomatenball in jeder Sekunde glaubhaft. Und das Wichtigste: Bansen bleibt als Figur allzeit authentisch. Bis zum Ende, wo sie sich doch nicht für den allzu schüchtern-faden Freddy Eynsford-Hill (Johannes Dunz mit strahlend-lyrischem Tenor) entscheidet, sondern Hand in Hand mit dem vorerst geläuterten, stets auf Pantoffelsuche befindlichen, grobegoistischen Phonetiker von der Bühne verschwindet.
In den übrigen Rollen reüssieren Philipp Meierhöfer als Elizas proletarischer, dem Alkohol zugeneigter wie materiell korrupter Vater Alfred P. Doolittle, Susanne Häusler als lebenskluge Higgins-Mama, Ulrike Hetzel als Mrs. Pearce, extreme Verrücktheiten ausgleichende Haushälterin im Junggesellenhaushalt von Prof. Higgins sowie der überaus köstliche texanische Musicalstar Shane Dickson als Zoltan Karpathy, einem feurigen Ungarn gekonnt karikierender Professor im Entlarven von Betrügern.
Peter Christian Feigel dirigierte den Chor und das Orchester der Komischen Oper Berlin mit tänzerischem Temperament und der typisch elegant beschwingten Broadway-Gangart der Fünfziger. Nur im „Botschaftswalzer“ hätte freilich eine subtilere Note und weniger Krach der Musik gutgetan. Unbedingt zu erwähnen ist die exzellente Tänzerriege, die sowohl als Repräsentanten der Arbeiterschicht als auch der feinen Gesellschaft einen tollen Job machte.
Fazit: Eine Repertoireaufführung aus einem Guss, amüsant, unterhaltsam, nachdenklich, darstellerisch wie musikalisch top.
Dr. Ingobert Waltenberger

