Komische Oper Berlin: FALSTAFF am 28. Oktober 2022
Da die Inszenierung von BARRIE KOSKY bei der Premiere schon ausführlich besprochen wurde, beschränkt sich diese Rezension hauptsächlich auf die aktuelle Besetzung der Oktober-Serie.
Szenisch werfen sich alle Beteiligten schwungvoll in das überbordende Spiel. Fast jede Phrase, ja manchmal jede Achtel fordert hier bei Kosky eine szenische Umsetzung. Geniale Ideen stehen so neben banalen. Der Spruch „Weniger wäre mehr“ kann hier auf seine Richtigkeit überprüft werden.
Das Publikum zeigt sich animiert bis begeistert, je größer der Klamauk wird.
Dem Affen sehr gerne Zucker gibt SCOTT HENDRICKS als Falstaff. Er liebt es, sich auszustellen und swingt und dauertanzt präpotent über die Bühne. Das macht ihm sichtlich Laune, auch vielen Zuschauern. Den dunklen, auch tiefgründigen Seiten der Figur des Sir John will er dabei nicht nachspüren und so bleibt der Charakter seltsam gleichförmig bei all den szenischen Lazzi und stimmlichen Mätzchen. Die Geschichte zieht an ihm vorbei, als passiere ihm das alles täglich – aber das ist sicher beabsichtigt. Vokal bleibt sein enger, schmalen Bariton gedämpft hinter den Erwartungen des Rollenprofils zurück.
Wesentlich solider singt da sein Fachkollege THOMAS LEHMAN den Widersacher Ford. Einen schönen, lyrischen Bariton nennt er sein eigen, und auch szenisch birgt seine Darstellung Potenzial.
Die gesanglich allerbeste Leistung von absolut internationalem Format bringt ALMA SADE als Nanetta; ein rundes Timbre, eine technisch brilliant geführte Sopranstimme, die auch in den hohen Pianissimi viel Charme besitzt. Da ist es eine Wonne zuzuhören. Brava!
YARITZA VELIZ singt die Alice Ford ebenfalls souverän mit reichem Material, aber nicht ganz der gleichen Rafinesse. Ihre „Schwester in Crime“ Meg Page wird von KAROLINE GUMOS mit zurückhaltendem, leichtem Mezzosopran dargeboten.
Eher auf Outrage muss AGNES ZWIERKO als Quickly setzen, da eigentlich nur noch ihre Brustsimme zuverlässig und allerdings Respekt einflößend funktioniert. Sie nimmt sich den Raum und kostet genüsslich alle Augenblicke ihres Parts aus.
Von den weiteren Herren macht KASPAR SINGH als Fenton seine Sache gut. Er spielt einen verzagten Tolpatsch, dem gesanglich gelegentlich noch mehr Courage zu wünschen wäre. JOHANNES DUNZ als Dr. Cajus ist rollendeckend mit durchsetzungsfähigem Tenor begabt. Die beiden Diener Falstaffs TIMOTHY OLIVER als leichtgewichtiger Bardolfo und der rauhstimmige Pistola von SETH CARICO setzen sich dauerhaft als Störenfriede in Szene.
Die Chorsolisten klingen fabelhaft (Chöre: David Cavelius) und die Damen spielen den Feentanz mit der Präzision einer Revue Girls- Reihe des Friedrichstadtpalastes.
Das Orchester der Komischen Oper spielt technisch auf hohem Niveau. Dirigent HENRIK NANASI könnte das Forte weniger vordergründig dann auftrumpfen lassen, wenn Stimmen sich durchsetzen müssen.
Eine geniale Idee sind die von einer Italienerin und einem Italier gesprochenen Kochrezepte zwischen den Bildern. Mit erotisierendem Unterton sprechen sie ein so lustvolles, klares Italienisch, von dem man auch auf der Bühne noch mehr hören möchte.
Sehr großer Applaus. Die turbulente Komödie bleibt hier leicht und quirlig. Falstaff zum Abschalten, zum Genießen als Unterhaltungstheater mit einem schmackhaften Tartuffo, das jedem Besucher am Ausgang gereicht wird.
Christian Konz

