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BERLIN/ Komische Oper: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER in der Fritsch-Inszenierung

28.11.2022 | Oper international

Berlin /Komische Oper: „DER FLIEGENDE HOLLÄNDER“ von Richard Wagner, Regie Herbert Fritsch, Premiere am 27.11.2022

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Caspar Singh (Steuermann). Foto: Monika Rittershaus

Hurra, bald ist Weihnachten, und schon vorher werden die Kinder verwöhnt, auch musikalisch! Das macht jetzt die Komischen Oper Berlin und überrascht mit zwei Kinderopern: „Pippi Langstrumpf“ in der Regie von Dagmar Manzel und – Achtung – mit Richard Wagners erster erfolgreicher und bis heute geliebter Oper „Der fliegende Holländer“ von 1843.

Nein, das ist kein vorgezogener Faschingsscherz. Zu verdanken ist diese „Großtat“ dem Regisseur Herbert Fritsch, der jahrelang das Theaterpublikum mit seinen schelmisch-grotesken Inszenierungen begeisterte, die Autorin eingeschlossen.

Inzwischen hat er auch die Opern als Spielwiese entdeckt und wird gerne eingeladen. Seine Don Giovanni-Version an der Komischen Oper vor einigen Jahren hat zwar nicht voll überzeugt. Doch jetzt will er Wagner „ins Kinderzimmer zurückholen“.

Ob Richard, die eigenen Kinder ausgenommen, dort aber oft gewesen ist? Das müssen wir dem Regisseur überlassen, denn der weiß ja bekanntlich alles besser. Doch einer Bemerkung von ihm werden wohl recht viele zustimmen: „Der Mythos um Richard Wagner und seine Werke ist von gnadenlosem Ernst überfrachtet.“ Meint er damit vielleicht Wagners „Ring“?

Herbert Fritsch hat andere Ziele. Er will sein Publikum belustigen und auch ein bisschen aufklären. Sparsam ist er ebenfalls. Das Boot mit dem roten Gefahren-Segel wird von blassen Untoten auf der Bühne kräftig geschaukelt und zeigt so die Stürme, die der junge Richard Wagner, seine Frau Minna und sein großer schwarzer Hund überstehen mussten.

In einer geschützten norwegischen Bucht konnten sie dann aufatmen. Doch aufgrund dieser Erlebnisse komponierte Wagner mit dem Fliegenden Holländer seine erste erfolgreiche Oper, und jetzt wird auch im Opernhaus mit voller Lunge geatmet. Der stets einsatzfreudige, von David Cavelius an diesem Abend wohl besonders gestählte und vom Vocalconsort Berlin weiter verstärkte Chor begeistert sicherlich alle im Saal.

Die schicken weißen Uniformen (Kostüme Bettina Helmi) machen auch was her. Nur der Steuermann Caspar Singh turnt übermütig im sportlichen blauen Outfit umher und stimmt froh ein in den Song „Steuermann, lass die Wacht“, der ihm und allen eine vergnügliche Pause verspricht.

Auch das sonst so perfekte Orchester des Hauses, geleitet von Dirk Kaftan, setzt diesmal eher auf Lautstärke als auf Verfeinerung und Fehlervermeidung. Sie alle scheinen auf diese Weise Spaß an der Freud’ zu haben. Doch keine Bange. Die Kinder, in deren Zimmern nun Wagners Fliegender Holländer wieder Platz finden soll, sind an Krach gewöhnt, sei es aus dem Fernseher oder im Kindergarten.

Die Lautesten haben fast immer das Sagen. Und das Grimassenschneiden macht ihnen vermutlich auch nichts aus, selbst wenn einige Sänger so absichtlich blöd gucken, dass besorgte Berliner/innen sie womöglich gleich in die „Klapsmühle“ schicken möchten. Doch ansonsten ist wohl alles in Butter.

Daher entfällt auch das Spinnen der Mädchen, die einst auf diese Weise für ihre Aussteuer sorgen mussten. Das würden heutige Kinder kaum kapieren. Stattdessen tanzen hübsche Mädchen munter hin und her. Die werden vielleicht gerade von einem Edelrestaurant ausgebildet, das keine Personalnot kennt. Die scheint die Komische Oper auch nicht zu haben. Oder sind die Girls gemietet?

Doch wenn Senta ihre Ballade vom verfluchten Holländer singt und die hohen Töne mit ihrem Powersopran wie Pfeile in den Raum schießt, hopsen die Mädels erschreckt zurück. Glücklicherweise transportieren sie gerade keine mit Kaffee gefüllten Tassen.

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Jens Larsen, Günter Pappendell, Daniela Köhler. Foto: Monika Rittershaus

Diese Senta (Daniela Köhler, die bereits „Ring“-Rollen singt) weiß auch im Fliegenden Holländer was sie will – den von Gott verfluchten bleichen Mann durch ihre Treue bis in den Tod zu erlösen. Frauen, die sich für Männer opfern und sie erlösen, standen bei Wagner (und nicht nur bei ihm)  hoch im Kurs.

Dass Senta ständig diese Gedanken hegt und sein Bild (gemalt von Charlie Casanova) betrachtet, kann jedoch weder ihre Amme Mary (Karolina Gumos) und schon gar nicht ihr Vater, der Kapitän Daland, verstehen. Daher ergreift der in dieser Rolle überzeugende Bassist Jens Larsen sofort die Chance, seine Tochter gegen die Goldschätze des Holländers einzutauschen und  sie dem Verfluchten zur Frau zu geben.

Sie aber scheint gar nicht darüber enttäuscht zu sein, dass ihr zukünftiger Gatte, Günter Papendell, so unsicher auf seinen Seefahrerfüßen ist. Warum lässt ihn Herbert Fritsch so ungeschickt gehen, und warum muss er außerdem eine Rothaarperücke tragen? Sind das die Gründe, warum Papendell seinen sonst so kräftigen und ausdrucksvollen Bariton nicht voll einsetzt? Das beschert ihm zum Schluss einige empörte Buhs, eine Seltenheit in der Komischen Oper. Auch Brenden Gunnell als solider Erik, der Senta eigentlich heiraten wollte, kann mit seinem recht leisen Tenor nicht punkten.

Doch die positiv Überraschten setzten sich schnell durch und spenden allen Mitwirkenden intensiven Applaus. Doch wo sind denn die Kinder, in deren Zimmern Herbert Fritsch Wagners Story und seine mitreißende Musik wieder verorten wollte und will? Zusammen mit den Kids sollten nun die Erwachsenen in den Fliegenden Holländer gehen. Das 2:15 Stunden dauernde Spektakel nicht in der Karibik, sondern in der Ostsee, halten die sicherlich aus.  Ursula Wiegand

Weitere Termine: 3., 6., 10., 14., 17., 25. und 29. Dezember.

 

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