BERLIN / Kammermusiksaal der Philharmonie „CHANCEN ZUM KLINGEN BRINGEN“ – Junge Dirigenten und Dirigentinnen musizieren mit dem Hauptstadt-Sinfonieorchester; 6.10.2026
Pädagogisches Engagement: Erfreuliches musikalisches Nachwuchsbenefizfest für Jung und Alt!

Valentin Materne. Foto: Dr Ingobert Waltenberger
Wann erlebt selbst der erfahrene und routinierte Konzertgeher, dass ein Neunjähriger Auszüge aus der Filmmusik „Der Herr der Ringe: Die Gefährten“ von Howard Shore dirigiert? Gestern ward es erlebt. Valentin Materne heißt der Begabte, der Musik und Rhythmus im Blut zu haben scheint. Er leitete das Orchester ohne jegliche Scheu, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Der Körper wiegend tänzelnd, gab er mit akkuraten, präzisen Anweisungen seine Einsätze. Ein Showmaker ist Valentin dazu, der den Applaus genoss und den das Publikum sicher nicht so bald vergessen wird.
Aber nicht nur das: Der Auftritt brachte ein wenig nahe, wie das denn so mit den musikalischen Wunderkindern im 18. und 19. Jahrhundert hätte gewesen sein können, als sie vor großer Öffentlichkeit auftraten. Dieser Bub aus der Meisterklasse „Jugend dirigiert“ Berlin Brandenburg hat bewiesen, wie das in der Praxis aussieht, genauso wie zuvor die 13-jährige Katharina Dornberger. Sie steuerte das Orchester langsam steigernd durch die Morgenstimmung aus der Suite Nr. 1, op. 46 von Edvard Grieg.
Damit so ein ambitioniertes Projekt der musikalischen Jugendarbeit funktioniert, bedarf es eines Klangkörpers, der als verständiger und wissender Partner, als vis à vis für den unerschrockenen Dirigentennachwuchs bereitsteht. Der Pädagoge und Musikwissenschaftler Alexander Saier hat das projektorientierte Hauptstadt- Sinfonieorchester 2015 im Umkreis der Berliner Orchesterakademien, u.a. der Herbert-von-Karajan- Akademie der Berliner Philharmoniker, gegründet.
Für die Stiftung Würth hat der gelernte Schlagzeuger und Dirigent an der Freien Schule Anne-Sophie eine Musiksparte mit Spezialisierung auf „Jugend dirigiert“ ins Leben gerufen. Er ist der künstlerische und menschliche Motor hinter den Kulissen. Besonders interessiert ihn und uns dabei die Frage, wie man das musikalische Talent junger Menschen fördert und ihnen gleichzeitig mit dem nötigen persönlichkeitsbildenden Unterricht unter die Arme greifen kann. Alleine durch nonverbale Kommunikation mit einem erstklassigen Kollektiv an Musikern, wie ein Orchester ein solches darstellt, etwas zu bewirken, grenzt ja sowieso an Alchemie. Kurz und gut: Es geht laut Saier nicht zuletzt darum, „mit Musik auch über den Konzertsaal hinaus etwas zu bewegen.“
Es handelt sich beim Hauptstadt- Sinfonieorchester ausdrücklich um kein Schülerorchester. Das ist deshalb wichtig, weil nur ein professionelles Orchester auf die Eigenart eines Dirigenten oder einer Dirigentin in Bezug auf Tempo, Auftakt, generell Zeichengebung, Spiel zwischen rechter und linker Hand, Körpersprache, Mimik, energetische Motivation etc. angemessen reagieren kann. Und es war durchaus faszinierend, zu beobachten, wie unterschiedlich Streicher, Holz, Bläser und Schlagzeug auf die einzelnen Persönlichkeiten als eine Art von akustischem Echo ansprachen. Spannung überträgt sich nämlich genauso unmittelbar wie Hektik oder jegliches Zögern.

Lara van de Poel. Foto: Dr. Ingobert Waltenberger
Der Start in den Abend mit der Ouvertüre zu Mozarts „Così fan tutte“ funktionierte wie am Schnürl. Lara van de Poel hauchte diesem quicklebendigen Vorgeschmack auf das in der Oper wirbelnde Erotikkarussell mit einer stark kontrastierenden Sicht zwischen langsamer Einleitung und flotten Presto-Passagen, in dem die Holzblasinstrumente herumalbern und einander flirtend umgarnen, Leben ein.
Das Doppelkonzert in a-Moll, op. 102 für Violine, Violoncello und Orchester von Johannes Brahms leitete der Stipendiat des Siemens-Dirigentenstipendiums 2026 der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker, Kerem Tunçer. Er wird ab der Spielzeit 2026/27 als Assistent des Chefdirigenten Kirill Petrenko arbeiten. Der bereits erfahrene Musiker dirigierte u.a. das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, in der Komischen Oper Berlin und wird die Saison 2026/27 mit dem Mozarteumorchester Salzburg eröffnen. Mit straffem Rhythmus, vorwärtsdrängender Verve und energischer Zeichengebung war er den hervorragenden Solisten ein musikalisch anregender Partner: Die britische Geigerin Louisa Staples, u.a. Schülerin von Antje Weithaas an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, bestach auf ihrem Instrument von Giovanni Battista Guadagnini (1744) mit sauber und schlank geführten kantablen Linien, aber auch im konzertierenden Match mit dem Cello mit einer klanglichen Wandlungsfähigkeit sondergleichen. Ihr exzellenter und auftrittserfahrener Partner am Cello Umut Sağlam studierte an der Barenboim-Said Akademie. Weitere Ausbildungsstationen boten die Classe d’excellence de Violoncelle von Gautier Capuçon sowie die Kurt Sanderling Akademie des Konzerthausorchesters Berlin. Dass die beiden Solisten rhetorisch so unwahrscheinlich gut harmonierten und aufeinander reagierten, ist vielleicht damit zu erklären, dass sie seit Jahren zusammen im Viatores Quartett musizieren. Ein Quartett, das erst im September dieses Jahres den ersten Preis beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD einheimste.

Louisa Staples; Unmut Saglam. Foto: Dr. Ingobert Waltenberger
Rasch gewannen die Gegensätze im Brahms-Konzert zwischen kammermusikalischer Delikatesse und ausgesprochen sinfonischer Leidenschaft an Kontur, wobei in der Hitze des Gefechts bisweilen eine gewisse Asynchronität zwischen Orchester und Solisten aufploppte. Das gehört mit zum Spiel, denn „Kein Lernen ohne kleine Reibungen.“
Nach der Pause leitete Tunçer mit Lauren Hinders „noch nicht / nicht mehr“, den zeitgenössischen Musikbeitrag des Abends. Wie die anwesende Komponistin dem Publikum erläuterte, geht es vom Ton A der mit Folie unterlegten Marimba aus um die „Prozesshaftigkeit des Ein- und Ausschwingens von Klängen, wobei sich einzelne Vorgänge überlagern, auflösen und neu verbinden. Aus diesen Bewegungen entstehen im Stück rhizomartige Strukturen und Verwebungen, die sich fortlaufend verändern.“ Tunçer war genau der Richtige, um die Strukturen transparent zu zimmern, ihr kinetisches Wogen und hartes Ringen perkussiv eindringlich zum Ausdruck zu bringen.

Daniel Jochum. Foto: Dr. Ingobert Waltenberger
Die reifste Leistung in romantischen Gewässern bot der Allrounder Daniel Jochum mit einer begeisternden Wiedergabe von Carl Maria von Webers Ouvertüre zu „Oberon“. Feen, Elfen und die beständige Liebe werden hier abgehandelt. Oberon kann sich erst wieder mit Titania versöhnen, wenn ein treues Menschenpaar gefunden ist. Ritter Hüon von Bordeaux liebt die Kalifentochter Rezia. Mittels eines Zauberhorns, das ihm Oberon anvertraut hat, wird er alle Abenteuer und Prüfungen bis zum Happy End bestehen. Jochum gelingt es sofort, einen verschwörerischen Kontakt zum Orchester herzustellen. Das reagiert auf die fordernden knappen Bewegungen nicht nur rhythmisch präzise und in den Rubati mit einer Stimme, sondern besticht mit jenem märchenhaften Schmelz aus Sehnen und Träumen, das stilistisch jede große romantische Orchesterkultur ausmacht. Vom ahnungsvollen Einsatz des Horns an erstanden aus dem fein justierten Miteinander der einzelnen Instrumentengruppen Elfenwelt und Liebe, gelungene Flucht und Rettungseuphorie.
Von dem promovierten Politik- und Verwaltungswissenschaftler als auch Gründer des Kreuzberger Orchester-Kollektivs Daniel Jochum darf sich die Musikwelt noch viel erwarten. Auch das gehört zu den Überraschungen dieses Abends, der abseits des kommerziellen Betriebs in vorbildlicher Weise einer Initiative der musikalischen Ausbildung und Jugendförderung Sichtbarkeit verschaffte, aber auch pures Hörvergnügen bot.
Der Reinerlös des Konzerts kam der Bürgerstiftung Berlin für Bildungsgerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe zugute, in der ca. 500 Ehrenamtliche in Schulen und Kitas die Freude am Lesen, Experimentieren und Entdecken wecken wollen. Nähere Informationen dazu unter www.buergerstiftung-berlin.de

Schlussapplaus. Foto: Dr. Ingobert Waltenberger
Fotos: Ingo Waltenberger (Valentin Materne, Lara van de Poel, Louisa Staples und Umut Sağlam, Daniel Jochum, Schlussapplaus)
Dr. Ingobert Waltenberger

