BERLIN / Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, Studiosaal – DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN im Arrangement von FABRICE BOLLON für 12 Instrumente; 24.10.2026
Erfreulich professioneller und stimmlich überzeugender sängerischer Nachwuchs

Andrew Baker (Förster). Copyright Janine Escher
„Wie die Natur stets sinnt als Natur, so sinnt auch der Mensch in seiner tiefen Sehnsucht nach der Überwindung seiner ihm immanenten Einsamkeit.“ Georg Christoph Tobler
Die sogenannte zweite Besetzung war es, also die Premiere B. Für die beteiligte Besetzung bei Solisten, Chor und Orchester und mich im Publikum handelte es sich natürlich um die einzig Entscheidende. Die Hochschule für Musik Hanns Eisler veranstaltet regelmäßig szenische Aufführungen von Opern. Da kann der sängerische und szenische Nachwuchs unter Laborbedingungen zeigen, wie die Welt der Oper in der Praxis funktioniert. Neben dem technisch sängerischen Standard sind auch das schauspielerische bzw. (fremd)sprachliche Talent gefordert. Denn gesungen wurde Příhody lišky Bystroušky in original tschechischer Sprache, was noch einmal eine ziemliche Herausforderung für die meisten darstellt, wie ich annehme.
Natürlich eignet sich ein Ensemblestück wie Leoš Janáčeks „Das schlaue Füchslein“ aufgrund der vielen größeren und kleineren Rollen und des episodenhaften Charakters des Stücks hervorragend für solche Produktionen. Wenngleich einzuhaken ist, dass bei der ausgefuchsten Orchestersprache Janaceks eine kammermusikalische Bearbeitung für 12 Instrumente zwar dem Zweck der Spielbarkeit in kleinerem Rahmen entgegenkommt, aber als Tribut den für die instrumentalen Naturschilderungen anschaulich lautmalenden seidigen Streicherglanz vermissen lässt.

Quirin Scholz (Harasta). Copyright Janine Escher
Das Wunderbare und Unverwechselbare an einer Aufführung mit Beteiligten noch im Stadium des Lernens ist, dass sie ausschließlich auf frische, in der Mehrzahl bemerkenswert timbrierte, technisch versierte und völlig unverbrauchte Stimmen zurückgreifen kann. Das macht Freude und bietet Oper auf musikalisch erstaunlich hohem Niveau, noch ohne jeglichen Anfängerzwang samt Verweis auf Minirollen der Neuzugänge in Opernstudios großer Repertoirehäuser.
Zwölf mal zwei Chancen für 22 Rollen für jeweils drei Aufführungen in jeder Variante plus dazu ein neunköpfig alternierender Chor sowie ein zweimal besetztes Orchester, das ist ein zielgerichteter Ausbildungsplan. Und er wird nicht nur begeistert von den natürlich ebenso anwesenden Kollegen und Kolleginnen der Hochschule, sondern auch von einem guten Anteil an interessierter Öffentlichkeit dankbar angenommen. Für wenig Geld ist man da jedenfalls dabei.
Am besten hat mir Andrew Backer als Förster gefallen. Er begeisterte mit seinem warmsamtig timbrierten, expressiv nuancierten Bariton sowie mit einer feinfühligen, schauspielerisch fundierten Leistung.

Tasilia Raikina (Füchslein Schlaukopf). Copyright Janine Escher
Dazu passend gewählt Taisiia Raikina als Füchslein Schlaukopf. Mit hellem Sopran und leuchtender Höhe brachte sie die Ungeduld und das Waghalsige, die Standhaftigkeit der Figur, das Zaudern im Erwachsenwerden und die große Emphase der Liebe grandios zum Ausdruck.
Als dritten im Bunde der Hochbegabten ist unbedingt der Regensburger Bass Quirin Scholz als Harasta hervorzuheben Seine vollmundige, in der Höhe metallisch auftrumpfende Stimme, sein Charisma sowie ein sofort positiv auffallendes darstellerisches Talent (in Wien nennt man so eine Gabe – liebevoll gemeint – „Rampensau“) lassen eine erfolgreiche Zukunft, wo und als was auch immer, erahnen. Weitere Auszeichnungen in ihren gesamthaft mehr als untadeligen Leistungen verdienen die jugendlich dramatische Sopranistin Kirsi Alanko als Dackel, Frau Pasek sowie der schon von dem dunklen Spiel der Stimmfarben her herausragende Egor Chervyakov als Pfarrer/Dachs.

Egor Chervyakov als Pfarrer/Dachs. Copyright Janine Escher
Das übrige Ensemble ist auf jeden Fall für seinen unbedingten Einsatz auf der Bühne, die Begeisterungsfähigkeit und die phonetisch bemerkenswert sichere Beherrschung der Aussprache des Tschechischen zu loben.
Peter Meiser dirigiert das Kammerorchester der Hochschule für Musik Hanns Eisler mit rhythmisch straffer Zeichengebung. Das Aufgeregte, das wie Espenlaub zitternd-nervöse der Partitur kam gut zur Geltung, weniger das erinnerungssentimentale der Kneipenszene bzw. die klanglich eigenständigen Sphären des Melancholischen gegen das Phantastische. Mir fehlte zudem eine dynamisch detailgenaue Differenzierung im Sinne einer atmosphärischen Auffächerung als Ausdruck einer Gewichtung der einzelnen Instrumentengruppen im Gesamtklang und in Balance mit der Bühne. Der folkloristisch mährische Duktus der Mikrothemen, die tannenduftende Erdigkeit von Janaceks musikalischem Idiom wurden passgenau herausgearbeitet. Manch impressionistische Feinzeichnung blieb dafür auf der Strecke. Besonders das Holz trötete manchmal allzu munter darauf los. Besonders gefielen hingegen die Leistungen der beiden Geigerinnen.
Das Libretto zum „Schlauen Füchslein“ verfasste der Komponist, basierend auf einer Story des Dichters Rudolf Těsnohlídek und des Zeichners Stanislav Lolek, die 1920 als Comicstrip in der Brünner Tageszeitung Lidové noviny Furore machte. Die im Duktus einer Fabel bzw. eines Gleichnisses, allgemein Fragen der Natur, des Menschseins, der komplexen wie gegenseitig bedürftigen Beziehung von Mensch und Tier, der Liebe, der Endlichkeit sowie des unendlichen zyklischen Wesens allen Lebens erzählende Geschichte wurde von Leoš Janáček 1921 bis 1923 geschrieben und am 6. November 1924 in Brünn uraufgeführt.
Die gewiefte Füchsin Schlaukopf und der Förster stellen die beiden Pole der Handlung dar. Die eine lebensfroh, plietsch und unabhängig; der andere privat frustriert und seine Freiräume in der Natur suchend, liebt in Wahrheit die Geschöpfe des Waldes und besonders das attraktive Füchslein. Nur begeht er den Fehler, die Füchsin als Art Spielzeug für einsame Stunden und somit als Kompensation für den brüchigen Haussegen mit nach Hause zu nehmen: Die Frau des Försters und das Füchslein revoltieren, wenngleich jede aus einem anderen Grund. Die Füchsin haut ab, gründet eine Familie mit dem Fuchs Goldmähne und zahlreichen Nachkommen. Es wird im dritten Akt von einem Wilderer getötet. Rasch hat ein Nachfahre den Platz übernommen. Der Förster zieht sich versöhnt auf seinen Platz im Universum des ewigen Kreislaufes zurück. Ob er jetzt glücklicher ist? Die Natur kennt das Wort Glück nicht, sondern nur Wohlbefinden, wenn die Fragen von Revier, Futter und Fortpflanzung für einen Moment ruhen. Aber: In jedem Ende liegt ein Anfang….
Regisseurin Lea Willeke versuchte, das Stück als Traum des Försters zu interpretieren, wenn ich das richtig verstanden habe. Auf der schwarzen Bühne gab es keine Natur, kein Tier (ausgenommen angedeutet als rote Perücken und rote Kleidung von Schlaufuchs und Goldmähne), ergo keine Fünkchen eines Naturalismus zu sehen.
Dafür steckten alle Mitwirkenden in vom Triadischem Ballett inspirierten Kostümen des Bauhauskünstlers Oskar Schlemmers in schwarz-weiß (Pina Zinsmeister). Diese völlig abstrakte Ästhetik verweist auf die Entstehungszeit des Stücks, macht es allerdings für nicht Kennende schwer, die Rollen sofort richtig zuzuordnen, ohne die Übersetzung über der Bühne aufmerksam mitzulesen.
In der Handlung gab es einige Abweichungen vom Libretto. Zuerst betreffend das Füchslein, Hahn und Schopfhennen im Hofe des Försters. Das Blutbad im Hühnerhof wurde ausgespart, dafür das Füchslein als ein Retter und Anstachler zur Eroberung der Freiheit hochstilisiert. Wenigstens wurde nicht versteckt, dass das Experiment scheitert und die Henne zu ihrer Gruppe zurückkehrt. In der freien Natur hätte sie sowieso keine Chance gehabt.
Die zweite auffällige Abweichung ist, dass nicht die Füchsin erschossen wird, sondern der Wilderer. Das mag zwar gut gemeint sein im Sinne eines jeden Tierschützers, läuft aber jeglichem Gedanken der Wiederkehr und des Kreislaufes im Wechsel der Generationen, und sei er auch gewaltsam herbeigeführt, zuwider. Die im gefalteten Flyer enthaltenen Gedanken zu den Themen „Heiligt der Zweck alle Mittel?“ und „Die Schuld muss die Seite wechseln“ (Gisèle Pelicot) samt (zu bekämpfendem) Patriarchat fand im Gezeigten keinen mir klar und eindeutig erkennbaren Widerhall.
Fazit: Eine musikalisch im Urwüchsigen wie vokal erstklassige Aufführung. Die Inszenierung blieb im Zwiespalt zwischen formaler Ästhetik und politischem Anspruch/Zeitgeist stecken.
Dr. Ingobert Waltenberger

