BERLIN / Fotografiska Ballsaal – OPUS KLASSIK KONZERT 2026; 10.10.
Aufmerksamkeitsbooster und exzeptionelle Kostproben der Preisträger

Foto: Markus Nass
Der Opus Klassik steht unter dem Motto „Leidenschaft feiern, Innovation fördern, Exzellenz ehren.“ Soweit wunderbar! Er hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich und wird seit 2018 als Nachfolger des Echo Klassik vergeben. Er mag je nach Blickwinkel mehr oder weniger zurecht wegen des Musikmarketings, der Inflation der Auszeichnungen, der Zusammensetzung der Jury und mancher ihrer Entscheidungen umstritten sein bzw. als kommerziell gepolte Maschine großer Labels (die noch immer einen beachtlichen Job machen) gelten.
Als öffentlichkeitsrelevanter Gradmesser der musikalischen Gegenwart und ihrer Strömungen, sozusagen als künstlerischer Flaschengeist einer Versuchsanordnung, dient dieser „wichtigste Preis für klassische Musik in Deutschland“ noch allemal. Außerdem sind aus meiner Sicht viele Köche erwünscht, wenn es der klassischen Musik(branche) öffentlichkeitswirksam Beachtung und nachhaltigen Publikumszuspruch verschafft.
In 29 Kategorien (wobei innerhalb dieser Kategorien fallweise mehrere Preise vergeben werden) dem Opus Klassik School und dem aus meiner Sicht besonders bedeutsamen Sonderpreis Musiklehrer des Jahres (dieses Jahr erhielt Florian Aschenbrenner verdientermaßen die Distinktion) geht es um Fragen der Visibilität und Anerkennung, um Anregung und Ansporn, ja und auch um Unterhaltung und Show.

Katharina Konradi, Anna Novak. Foto: Markus Nass
Die Preisverleihung findet an zwei Abenden statt, wobei beim ersten Event, dem Konzert, mehrheitlich die anspruchsvolleren musikalischen Programme präsentiert werden. So startete das von Anna Novák schon zum fünften Mal moderierte Konzert, in diesem Jahr zum ersten Mal im Ballsaal des Museums Fotografiska im historischen Kunsthaus Tacheles in der Oranienburger Straße, mit Zoltan Kodálys „Sonatine für Cello und Klavier“.

Simon Tetzlaff. Foto: Markus Nass
Nachwuchskünstler des Jahres, der junge Cellist Simon Tetzlaff, dessen Vater, der Geiger Christian Tetzlaff, dieses Jahr die Ehrung in der Kategorie Instrumentalist des Jahres verliehen wird, musizierte mit der Pianistin Kiveli Dörken auf seinem neuen Cello das zwischen ungarischer Melodik und französischer Eleganz anzusiedelnde, einsätzige Stück. Auf seinem im Dezember 2025 erschienenen hänssler Solo-Album spielte der Klangbewusstsein und expressive Gestik verbindende Künstler Zoltan Kodalys Sonate in h-moll op. 8 für Cello solo.
Für ihre Erkundungen französisch sprachiger Lieder von Franz Liszt mit dem Pianisten Daniel Heide im Rahmen von dessen Projekt einer Gesamteinspielung aller Liszt Lieder gewann die in Kirgisistan geborene deutsche Sängerin Katharina Konradi den Opus Klassik für die solistische Einspielung Gesang des Jahres. Für das von Repertoirewert und Interpretation exzellierende Album Franz Liszt „Un Cycle Imaginaire“ mit 18 Liedern auf Texte französischer Dichter gab es schon den Preis der Deutschen Schallplattenkritik 2026. Im Konzert begeisterten die mit social media Videos aus dem Alltag aktive Sopranistin Konradi und der heute vielleicht fluideste und pianistisch eigenständigste Liedbegleiter Heide mit dem ariosen „Enfant, si j’étais roi“ sowie lyrisch aufblühend „Oh! Quand je dors“, beide auf Gedichte von Victor Hugo. Konradis luxuriös timbrierte Stimme beweist besonders in der Passion des Vortrags und der glänzenden Höhe ihre unverwechselbaren Qualitäten.

Wei, Stegner, Saksala. Foto: Markus Nass
Einen Publikumshit fuhren Wu Wei auf seiner Sheng, einer chinesischen Mundorgel, Martin Stegner Viola und Janne Saskala Kontrabass (beide Mitglieder der Berliner Philharmoniker) mit ihrer zwischen Original und jazziger Verdichtung mäandernden Sicht auf Antonio Vivaldis Triosonate in d-Moll, RV 63, „La Follia“ ein. Eigentlich für zwei Violinen und basso continuo geschrieben, war es unglaublich, was die der Form nach dem mythischen Vogel Phönix nachempfundene Sheng mit ihren vielen kleinen Bambusröhren an reicher Klangpalette aufzubieten vermag (man hört Laute, die denen des Akkordeons, einer Leier, der Oboe, Flöte oder Mundharmonika ähneln), wie gut sie sich mit venezianisch barocker Exaltiertheit und erst Recht mit den Streichern des chinesisch-deutsch-finnischen Trios verträgt. Den Preis erhielten die drei für die bei ECM erschienene Kammermusikeinspielung des Jahres „Pur ti miro“.
Nach der Pause startete der russische Pianist und Komponist Kirill Richter, der für sein Video ‚Waltz No. 7‘ aus dem Album „Towards the Beloved City“ den Open Classic School gewann. Link zum in schwarz weiß gedrehten, ästhetisch retro-cool gestylten Videoclip über Liebe, Nähe und Lebensfreude https://www.youtube.com/watch?v=kBAfhz_C4zc
Mit nicht alltäglichen Liedraritäten wartete der Bassbariton Marcel Brunner als Nachwuchskünstler des Jahres auf. Wie auf seinem prämierten Album „Remembrance“, einer liedhaften Spurensuche über die Erfahrungen von Krieg, Verlust, Erinnerung und Zuversicht, sang Brunner ‚Am Abend‘ aus „Zwei ernste Gesänge“ von Rudi Stephan, „Der Graben“ von Hanns Eisler sowie ‚Im Wetter‘ aus „Sechs Gesänge aus ernster Zeit“, op. 63 von Robert Kahn. Mit opernhafter Attitüde, metallisch auftrumpfenden Höhen und engagiertem Ausdruck gelang ein dramatisch granulierter Zugriff auf die zugrunde liegende Botschaft. Doriana Tchakarova begleitete spätromantisch vielschichtig mit zugreifender Pranke am Flügel.
Am Ende des Programms standen – gut gewählt – Musiker und Musikerinnen, die sowohl brillant virtuos als auch atmosphärisch locker das Fest zum Kochen brachten. Als wahre Stimmungskanonen erwiesen sich sowohl das vision string quartet (Florian Willeitner Violine, Daniel Stoll, Violine, Sander Stuart Viola, Leonard Disselhorst Cello) in der Kategorie Klassik ohne Grenzen als auch die Solohornistin der Berliner Philharmoniker Sarah Willis als Instrumentalistin des Jahres, ausgezeichnet für ihr Album „Cuban Christmas“ (Deutsche Grammophon).
Das hat sie mit dem von ihr nach, wie sie selbst sagt, einigen Mojitos gegründeten Ensemble „Sarahbanda“ aufgenommen. Außer der begnadeten Hornistin sind in dem Ensemble noch Violine, Kontrabass, Saxophon, Trompete, Klavier und Schlagzeug vertreten.
Das vision string quartet begeisterte mit einem schwungvollen Arrangement eines bulgarischen Volkslieds ‚Kopanitsa‘, der jazzigen Nummer „Fairytales“ des Pianisten Joel Lyssarides und „Skymnig“ von Sander Stuart.
Sarah Willis und ihre kubanischen Freunde zeigten bei „El Bodeguero“ von Richard Egües, „Habanera/Timba/Torero“ von Georges Bizet/Edgar Olivero und „El Manisero“ von Moisés Simons nicht nur ihr unbändiges Temperament auf ihren Instrumenten, sondern die Musik fuhr ihnen allen sprichwörtlich in die Beine. So schloss der Abend in Feierlaune nach drei anregenden Stunden.
Hinweis: Das Konzert wird heute, sonntags, 11. Oktober, um 20.03 auf radio3, dem Kulturradio des rbb, gesendet.
Fotos: c Markus Nass
Katharina Konradi/Anna Novák
Simon Tetzlaff
Sarahbanda
Wu Wei, Martin Stegner, Janne Saksala
Dr. Ingobert Waltenberger

