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Berlin/DOB:Richard-Wagner-Verband Berlin-Brandenburg: Symposium „Drei Generationen – ein Ziel“ – 11.-12. November 2018

28.11.2018 | Themen Kultur


Fabian Kern, Angelika Fessmann RWV Berlin-Brandenburg, Rainer Fineske, Nike Wagner und Markus Kiesel. Copyright: Helga-Franziska Humbaur.

 

Berlin/DOB:Richard-Wagner-Verband Berlin-Brandenburg: Symposium „Drei Generationen – ein Ziel“ – 11.-12. November 2018


Rainer Fineske
. Copyright: Helga-Franziska Humbaur.

Der Richard-Wagner-Verband Berlin-Brandenburg unter der Leitung seines Vorsitzenden Rainer Fineske führte in diesem Jahr schon zum 2. Mal ein äußerst interessantes Symposium zu einem Wagner-Thema durch. Und zwar ging es diesmal um die Akkumulation runder Geburtstage von Cosima Wagner (180 Jahre), ihres Sohnes Siegfried Wagner (150 Jahre 2019)  und dessen Tochter Friedelind Wagner (100 Jahre), eine durchaus interessante Personenkonstellation, insbesondere wenn es um die Art und Weise der Verfolgung eines Ziels dieser drei Generationen geht, nämlich die Bayreuther Festspiele nach dem Tode ihres Schöpfers Richard Wagner im Februar 1883 fortzuführen. In Vertretung des Intendanten der DOB,  Dietmar Schwarz, hielt Jörg Königsdorf einige einleitende Worte und wies auf die Neuinszenierung des „Ring des Nibelungen“ am Hause durch Stefan Herheim ab der Saison 2019/20 hin. In seinem Eröffnungsstatement betonte Rainer Fineske, dass die Periode von 1930-45 auf diesem Symposium ausgespart bleiben würde und man sich dieser Thematik in der Zukunft einmal werde widmen können. Er hob auch die positive Rolle des Förderkreises der DOB beim Zustandekommen der beiden Symposien hervor.     


Jörg Königsdorf. Copyright: Helga-Franziska Humbaur.                   

 

  1. Cosima Wagner (1837-1930)

 

Im ersten mit reichlich Bildmaterial unterlegten Referat widmete sich Dr. Fabian Kern aus Fürth der Rolle Cosima Wagners bei der Fortführung der Festspiele nach 1883. Er legte dabei Sachverhalte frei, die auf eine weit eigenständigere Rolle Cosimas verweisen als das weithin angenommene Festhalten an den Vorgaben des Meisters. Somit titelte Kern seinen Vortrag auch „Die Konsolidierung der Bayreuther Festspiele nach Richard Wagner im Sinne von Cosima Wagner“. Dabei muss man in der Geschichte etwas zurück gehen und auf das Verhältnis der Wagners zum Meininger Hoftheater sowie zu dem damals landesweit führenden Dekorationsunternehmen der Gebrüder Brückner in Coburg eingehen. Ellen Franz war eine Jugendfreundin von Cosima von Bülow, aber ihre Wege trennten sich um 1862. Sie unterhielten weiterhin regen Briefverkehr. Herzog Georg II von Sachsen Meiningen spielte in jener Zeit eine bedeutende Rolle als Reformer des Sprechtheaters im deutschsprachigen Raum. Er ging eine Affäre mit Ellen Franz ein, erhob sie nach dem Tode seiner Frau in den Adelsstand und heiratete sie. Sie wurde so zur Freifrau Helena von Heldburg.

 

Das Meininger Hoftheater, dessen Hoforchester zu der Zeit auch maßgeblich in Europa war, arbeitete eng mit den Gebrüdern Brückner zusammen, die praktisch alle Dekorationen entwarfen. Man machte etwa 30 bisweilen weite Theaterreisen bis Sankt Petersburg und Moskau mit den Meininger Produktionen. Aufgrund der Freundschaft Ellens zu Cosima wurde der Kontakt zum Meininger Hoftheater enger. Die Wagners sahen dort mehrere Produktionen, unter anderen „Die Hermannsschlacht“ von Kleist mit den Dekors der Brückners, wie immer Malereien. Dabei kam Richard Wagner zu dem Schluss, dass die Gebrüder Brückner auch die UA seines „Ring“ 1876 in Bayreuth bebildern konnten, und er lug Herzog Georg II zur Eröffnung der 1. Festspiele ein. So kann man sagen, meint Fabian Kern, dass sowohl Ellen Franz, später Freifrau Helena von Heldberg, wie Cosima Richard Wagner positiv bei der Erreichung seines Lebensziels beeinflusst haben. Richard Wagner bezahlte allerdings die Rechnungen der Brückners nicht (sic!), und so kam es zum Bruch mit ihnen. Das hatte zur Folge, dass Paul von Joukowski für die Bühnenbilder zur UA des „Parsifal“ eingeladen wurde, seine Vorschläge aber nicht den Vorstellungen entsprachen, bis auf den Gralstempel nach dem Vorbild des Doms von Siena. So kamen wieder die Brückners zum Zuge, blieben aber eine ausdrucksstarke Bebilderung des Zaubergartens schuldig, der in gewisser Weise vernachlässigt wurde.

 

Außerdem hatten die Wagners nun die Idee, dass die Bühnenmalereien dramaturgisch werden, also weit über die reine Illustration hinaus gehen sollten. Es blieben jedoch weiterhin Malereien der Brückners. Franz Liszt meinte damals: „Cosima tut alles Mögliche, um Wagner nicht zu überleben.“ Dann kam aber der „Tristan“ in Bayreuth, und Cosima wies die Brückners an, sich die Berliner Inszenierung anzusehen, die zwar noch im Wesentlichen den Vorgaben der UA folgte, bei der aber erstmalig schon elektrisches Licht mit Erfolg eingesetzt wurde. So wurden dann auch „Die Meistersinger von Nürnberg“ in Bayreuth 1888 vollständig mit elektrischem Licht gespielt. Cosima setzte also diese technische Neuerung umgehend um, und es wurde ein großer Erfolg! Dann inszenierte sie den „Tannhäuser“ und setzte sich mit den Gebrüdern Brückner in allen Details auseinander. Begeistert von dieser „Tannhäuser“-Produktion schrieb Richard Strauss 1891 an Cosima, dass dieser eine „mustergültige Inszenierung“ sei, nach der nun alle anderen Werke „ähnlich nachgespielt“ werden sollten. Cosima nahm sich daraufhin des abgespielten „Lohengrin“ an und schuf eine Inszenierung, bei der insbesondere auf eine stringente Personenregie Wert gelegt wurde, im Wesentlichen eine Übertragung der Meininger Prinzipien auf die Bayreuther Bühne.

 

Etwa ab 1906 gewannen dann in Bayreuth die Wandeldekorationen an Bedeutung, auch wenn die Kostensituation sie nur in begrenztem Umfang zuließ. Aber Cosima setzte diese neue Bühnentechnik um und ließ in der „Walküre“ 1906 erstmals einen Rundhorizont einführen, der das Bühnengeschehen stark belebte und Variationen zuließ. Die Presse war damals voll des Lobes ob solcher Neuerungen. Daraufhin wollte die nun auch den ganzen „Ring“ in diesem Sinne erneuern. Zwar übertrug sie die Leitung der Festspiele 1908 ihrem Sohn Siegfried, hatte aber schon alles in dem Sinne geregelt, dass die neue Konzeption des die Bühne umschließenden Rundhorizonts maßgeblich wurde. Damit ist Cosima Wagner noch für die Überwindung des traditionellen Kulissensystems hin zur Raumbühne verantwortlich. So war sie nach Fabian Kern „stetig und moderat bemüht, das Erbe szenisch zu formen und zu entwickeln.“

 

  1. Siegfried Wagner (1869-1930)

 


Dr. Markus Kiesel. Copyright: Helga-Franziska Humbaur.

Der Kunst-Jurist Dr. Markus Kiesel aus Mannheim, der auf Anregung Friedelind Wagners zum Dr. phil. Über das Instrumentalwerk Siegfried Wagners promovierte, hielt den zweiten Vortrag zu Siegfried Wagner. Er ging zunächst auf einige interessante und wohl nicht jedem bekannte Details zur Herkunft von Helferich Siegfried Richard Wagner ein, wobei er sich teilweise auf Ausführungen des Rechtshistorikers Heinz Holzbauer stützte. Minna Wagner starb 1866. Hans von Bülow war Preuße, und seine Ehe mit Cosima von Liszt wurde in Berlin geschlossen. Deshalb konnte die Ehe auch geschieden werden, am 20. Juli 1870. Daraufhin heiratete Richard Cosima von Bülow im August 1870 in Luzern. Somit waren alle fünf Kinder in ihrer Ehe mit von Bülow geboren, davon waren aber nur die zwei letzten von Wagner, und alle wuchsen auch bei ihr auf. Gleichwohl sah sich Cosima immer als Vorerbin ihres Sohnes.

 

Richard Wagner starb 1883 ohne Testament, wohl da er davon ausging, dass sein Sohn Siegfried Erbe von Bayreuth werden würde. Cosima und Siegfried teilten sich das Erbe unter sich auf. Rein juristisch war Siegfried unehelich, durch die Heirat von Richard und Cosima aber ehelich anerkannt, zumal das Gericht das Luzerner Recht anwandte, also des Ortes der Heirat Wagners mit Cosima – und das, obwohl von Bülow und Wagner in München gemeldet waren. Kiesel: „Siegfried war im Grunde ehebruchsgezeugt“. Somit war aber die Legitimationsfähigkeit des Kindes gegeben. Mit Datum 9. März 1883 gibt es eine Urkunde von Hans von Bülow in Meiningen, mit der er Siegfried Wagner nicht als seinen Sohn anerkannte. Markus Kiesel meint, dass da wohl improvisiert wurde, um dem Richter zu ermöglichen, die Erbfolge wie gewünscht regeln zu können, eine Art „Privat-Autonomie“. Der Beschluss des Amtsgerichts von 1883 war also fraglich. Kiesel: „Der Bayreuther Richter hat es nett juristisch geregelt“: „Es ist wie es ist!“ Siegfried Wagner war also „alternativlos“ als Erbe ausgewählt. Mit 69 bereits übergab Cosima das Erbe ihrem Sohn schuldenfrei, denn ab 1871 flossen die Tantiemen reichlich. Damit war erst einmal die Neuordnung der dynastischen Erbfolge erreicht.

 

Nun hatte aber Isolde Beidler (Tochter Richard Wagners) einen Sohn und versuchte ihn in die Erbfolge einzubringen. 1909, also ein Jahr nach Übertragung der Festspielleitung an Siegfried, gab es eine Kontaktsperre für Cosima. Siegfried drohte Isolde mit Geldentzug. Daraufhin strengte sie einen Prozess an, den sie verlor, was de facto zu einer erblichen Ungleichbehandlung Isoldes führte, Siegfried Wagner aber zum alleinigen Herrn von Bayreuth machte.

 

Siegfried begann sofort mit baulichen Maßnahmen. So wurden nun auch variabel einsetzbare Bühnenwagen konstruiert und eingebaut, mit denen während der Aufführung neue Szenarien baukastenförmig zusammen gestellt werden konnten. Dazu entstand der Bau der Hinterbühne mit den klassizistischen Säulen. Da man aus der Fürstenloge auf das Orchester sehen konnte, dieses aber nicht in Richard Wagners Sinne war, wurde erst bei den Proben zum „Ring“ die sog. Orchestermuschel eingebaut. Das wiederum ermöglichte den Einbau des Balkons, denn auch von dort konnte man nun nicht mehr in den Orchestergraben sehen. Die Zwischengalerie wurde erst in den 1920er Jahren eingebaut. Das war übrigens alles auch im Sinne Richard Wagners.

 

Neben einem solchermaßen signifikanten Beitrag Siegfried Wagners, das Werk seines Vaters weiter zu sichern und zu fördern, auch als Dirigent, war er um jene Zeit auch ein bedeutender Komponist. Er hat 20 Opern und andere Kompositionen geschrieben, und um die Jahrhundertwende war sein Kompositionsstil vielversprechend. „Der Bärenhäuter“ war um 1899/1900 die meistgespielte Oper. Der Komponist Siegfried Wagner bezeichnete sich allerdings als reaktionär, womit er an Popularität Ende der 1920er Jahre verlor. Er hielt auch keinen musikalischen Dialog mit anderen Komponisten, war also gewissermaßen eine „Katakombenexistenz“. So schuf er viel Eigenes, durchaus Reizvolles. Er war ein fleißiger und ernster Komponist, verschloss sich aber allen zeitgenössischen Strömungen, also auch einer „poesielosen Gegenwart“.

 

Was geschah in der Folge dieser Zeit, die mit reichlich fließenden Tantiemen die Familie Wagner 1913 zu einer der reichsten Familien Deutschlands werden ließ? Bis 1906 waren alle Schulden abbezahlt. Ab Mitte der 1920er Jahre blieben wegen der Weltwirtschaftskrise aber die Tantiemen aus, und die Idee einer öffentlich-rechtlichen Stiftung zerschlug sich. 1929 schrieben Cosima und Siegfried ein gemeinsames Testament. Darin wurde Winifred Wagner zur Vorerbin und ausschließlich die vier Kinder ihrer Ehe mit Siegfried zur Nacherben ernannt. Auch wurde festgelegt, dass das FSH nicht verkauft werden dürfte und dort nur die Werke Richard Wagners gespielt werden sollten. Falls die Erben mit diesen Auflagen nicht klar kommen würden, sollte eine Kommission einberufen werden, jedoch ohne eine Beteiligung von Politikern. Wolf-Siegfried Wagner wäre also ein Mitglied dieser Kommission.

 

In zwei Briefen an König Ludwig II wurde zudem festgelegt, dass der „Parsifal“ nur in Bayreuth aufgeführt werden dürfe und außerdem nur die 10 letzten Werke des Meisters dort gespielt werden sollten. Mit diesem Testament waren die Kinder Siegfried Wagners, der am 14 August 1930 im selben Jahr nach Cosima verstarb, gebunden. Bis 1944 leitete Winifred als Vorerbin die Festspiele. An 1948 musste sie die Leitung der Festspiele abgeben, blieb aber Eigentümerin des Festspielhauses (FSH). 1949 vermietet sie dann das FSH an die beiden Söhne Wieland und Wolfgang. 1973 schuf Wolfgang Wagner die Richard-Wagner-Stiftung, die seither Eigentümerin des FSH ist, jedoch nicht von Haus Wahnfried und dem Siegfried-Wagner-Haus. Der/die Intendant/in wirkt als eigenverantwortliche/r Unternehmer/in und sollte aus der Familie Wagner stammen. Über den Mietvertrag hat er/sie größtmögliche künstlerische Freiheit. Es sollte vor allem festgelegt sein, dass das Bayreuther Unternehmen kein Staatstheater wird.1986 wurde dann die Festspiel-GmbH gegründet mit 25 Teilhabern. 2008 wurde diese GmbH an vier Teilhaber übertragen. Damit ist die Mieterin des FSH seit 2008 eine GmbH mit mehrheitlich öffentlichen Teilhabern, denn nur bei der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e.V. handelt es sich neben Stadt, Land und Bund um einen privaten Teilhaber. Damit war die Teilhaberschaft von zuvor 25 auf vier gesunken, wobei die GmbH uneingeschränkt Mieterin des FSH blieb.

 

Was die Ernennung des Festspielleiters bzw. der Festspielleiterin betrifft, berief sich Wolfgang Wagner auf die Stiftung. Dies wurde jedoch 2014 mit der Unterzeichnung des Mietvertrages des FSH bis 2040 bei Unkündbarkeit anders. Nun sollte der oder die Festspielleiter/in nach Möglichkeit an ein natürliche Person aus dem Kreise der Familie Wagner gehen. Dagegen klagten zwar die Erben, was jedoch 2016 abgelehnt wurde. Sie gingen nicht in Berufung, denn sie wollten nicht dem Freistaat Bayern widersprechen, der in Person König Ludwigs II Richard Wagner so fundamental geholfen hatte. Nach Meinung Markus Kiesels wollte es sich die Bayerische Staatsregierung im öffentlichen Sinne einfach machen, auch im Hinblick auf die Schwierigkeiten, im Stiftungsrat zu konkreten Ergebnissen zu gelangen. Zwar ist der Stifterwille so zu verstehen, dass die Familie das Vorschlagsrecht für die Ernennung des/der Festspielleiter/in hat, „aber dann könnte die Stiftung ja auch das FSH sanieren, denn es gehört ihr doch“. Also wurde mit dieser Regelung die Familie praktisch ideell enteignet. Eigentlich begann dieser Prozess schon 2008 nach Wolfgang Wagners Rücktritt von der Festspielleitung mit einer fehlenden Nachfolgeregelung nach seinem Tode.

 

Festzuhalten ist jedenfalls, dass die Familie es 120 Jahre lang geschafft  hat, den Staat als den Festspielen heraus zu halten. Bayreuth war weder ein Hoftheater, noch in der Reichsmusikkammer und schon gar kein Staatstheater. Auch die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e.V. war ein  Zeichen um zu unterstreichen, dass man am Grünen Hügel von Bayreuth politisch unabhängig sein wollte.

 

  1. Friedelind Wagner (1918-2018)

 


Prof. Dr. Eva Rieger. Copyright: Helga-Franziska Humbaur.

Die Musikwissenschaftlern Prof. Dr. Eva Rieger aus Vaduz, die neben vielen anderen Publikationen 2012 auch eine Biografie von Friedelind Wagner vorlegte, Friedelind Wagner. Die rebellische Enkelin Richard Wagners“, hielt den dritten Vortrag des Symposiums zu Friedelind Wagner. Um deren Persönlichkeit, auch um ihr Bestreben um ein weiteres Gelingen der Bayrether Festspiele besser verstehen zu können, ging Eva Rieger zu Beginn ihres Vortrags auf gewisse Verhaltens-Parallelen zu ihrem Großvater Richard Wagner ein. Wie er, hatte auch sie kein gutes Verhältnis zum Gelde. So flüchtete Richard mit Minna ja – nicht nur – aus Riga wegen Geldnot. Er beschenkte in Wien seine Freunde opulent, trotz eigener Verschuldung. So bekam beispielsweise Peter Cornelius wertvolle Geschenke, was nicht zuletzt Wagners Unfähigkeit, vorzubauen, dokumentierte, eigentlich ein Prinzip protestantischer Ethik. So ging auch Friedelind äußerst frei mit dem Geld um, insbesondere in New York, nach ihrer Flucht dorthin über Buenos Aires, zu der ihr Arturo Toscanini verhalf. Er war auch sonst über viele Jahre ein Gönner. Dort gründete sie 1946 eine opera company, die mit „Tristan und Isolde“ starten sollte, mit ins Monumentale gehenden Plänen. Über 50 Städte sollten bereist werden, à la Angelo Neumann seinerzeit. Toscanini war wütend, und – das Projekt platzte. 1959 war Friedelind dann von der Idee von Meisterkursen in Bayreuth begeistert, und Wolfgang Wagner stellte ihr die erforderlichen Räumlichkeiten zur Verfügung. Mit Stipendien konnte sie bis zu 30 Studierende aufnehmen. Aber dieses Projekt versandete.

 

Man könnte weitere Parallelen zu Richard Wagners Eigenschaften ziehen, der immer wieder neue Ideen auffing, sie aber später wieder änderte. So wetterte er gegen den Alkohol und war für Vegetarismus, verhielt sich aber gar nicht danach. Auch traktierte er seine Umgebung mit irren Ideen, die manchmal auch falsch waren. Ähnlich verhielt es sich bei Friedelind. Sie hatte immer wieder Ideen und Pläne, aber es gab keine Umsetzung. Allerdings war Richard Wagner auch mit keinem anderen Komponisten vergleichbar. Er schuf sein Gesamtkunstwerk, schrieb alle Libretti und baute sogar sein eigenes Festspielhaus, alles im Sinne schon seiner Zürcher Schriften.

 

Dann zeigt Eva Rieger eine Bild aus Bayreuth mit Friedelind, auf Goebbels Schoß sitzend. In England wurde sie schließlich verhaftet und auf die Isle of Man verbracht (auf der Eva Rieger übrigens geboren ist; Anm. d. Verf.) und wurde zeitweise als Spionin verdächtigt. Von dort ließ Toscanini sie eben über Argentinien in die USA bringen. 1945 schrieb Friedelind ihr Buch „Heritage of Fire“, welches dann in Bern auf Deutsch erschien und großen Ärger mit der Familie verursachte. Nach Wielands Tod 1966 unterstützte Wolfgang sie nicht mehr.

 

Wieso bekam Friedelind Wagner keinen Zugang zu eigenen Inszenierungen, fragt Eva Rieger sodann. Sie hatte in den USA Hunderte von Vorstellungen erlebt, viele Freundschaften zu den Sängern geknüpft, die sie oft nach der Vorstellung in der Garderobe besuchte. Als sie nach dem Krieg in Nußdorf in der Französischen Zone lebte, versuchte ein Besatzungskommandant, Friedelind als Festspielleiterin einzusetzen, denn sie war politisch akzeptabel. Auch Oscar Meyer, von 1945 – Juni 1948 Erster Bürgermeister von Bayreuth, war dafür. Er meinte, man sollte aber erst die Familie fragen und propagierte die Idee eines Kuratoriums. Auch hätte sich Friedelind mit dem jungen Beidler zusammen tun können, aber ihr Vetter gehörte nicht zu den Erben. Zudem wurde die Zeit 1933-45 gegen den Wunsch Beidlers nicht aufgearbeitet. So leistete sie schließlich einen Beitrag zur Wiedereröffnung der Festspiele in Frieden (Anm. d. Verf. i. S. des Themas), denn sie wollte Bayreuth dann nicht mehr übernehmen, um sich nicht gegen ihre Brüder Wieland und Wolfgang zu stellen und keine Verstimmung mit Winifred hervorzurufen. Allerdings war Friedelind gegen eine „zu frühe“ Wiedereröffnung der Festspiele.

 

Im Jahre 1968 inszenierte sie in Bielefeld den „Lohengrin“, aber hatte dort kaum Möglichkeiten, die Inszenierung ausreichend vorzubereiten und zu proben. Eva Rieger mutmaßt, dass dahinter auch entsprechende Aktionen aus Bayreuth gestanden haben könnten. Zuletzt war das Leben Friedelind Wagners durch eine umtriebige „Herumreiserei“ gekennzeichnet, eigentlich Ausdruck von Heimatlosigkeit. Sie konnte aber vom Werk Richard Wagners nicht lassen und war immer wieder in Bayreuth. Friedelind verehrte Wieland, suchte die Liebe zur Mutter. Sie liebte auch die Urenkel Richard Wagners, darunter Nike. Last, but not least, war Friedlind eine Wegbereiterin des Wagnerschen Oeuvres zum Welttheater.

 

Im Rahmen Ihres interessanten Vortrags legte Eva Rieger auch die 2. Auflage ihres Buches von 2012, „Friedelind Wagner – Die rebellische Enkelin Richard Wagners“ vor. Es ist unter der ISBN: 348 7086 156 im Olms Verlag erschienen.

 

  1. Gespräch von Rainer Fineske mit Dr. Nike Wagner

 


Rainer Fineske und Dr. Nike Wagner. Copyright: Helga-Franziska Humbaur.

Seit 2014 ist Nike Wagner Intendantin der Beethovenfests Bonn. Im Jahre 2020 soll dort auch das Jahrestreffen des Richard Wagner Verbands International stattfinden. Nike Wagner gibt im Gespräch mit Rainer Fineske einige interessante Details aus der Familien-Chronik wider. So wurde Cosima Wagner 1837 in Como geboren, als Franz Liszt schon sehr berühmt war. Es wurde eine Familiengeschichte „mit großem Kino“. Gräfin Marie d’Agoult hatte mit ihrem Mann zwei Kinder. Sie verließ ihn bekanntlich für Liszt. Die Kinder wurden, wie damals in höheren Familien üblich, zur Erziehung weggegeben. Liszt wollte auch nicht als Familienvater in der Schweiz bleiben.

 

So wurden die Kinder quasi „per Fernbedienung“ aufgezogen, zumal beide Eltern viel reisten. Dabei traf man überall auf große Gesellschaft. Die Töchter verehrten den Vater, während die Mutter sich „emanzipatorisch durch Schriftstellerei gebärdete“. Das Ehepaar war bald ganz getrennt. Unter dem Pseudonym Daniel Stern schrieb Marie einen Roman, in dem Liszt nicht gut wegkommt. Sie gründete 1836 einen literarischen Salon in Paris, während Cosima, ihre Schwester Blandine und ihr Bruder Daniel in der Folgezeit bei der Großmutter Anna Liszt erzogen wurden. Die drei waren gewissermaßen „von der Welt verlassen“, verstanden sich aber untereinander sehr gut. Cosima spielte gut Klavier. Der Vater, also Franz Liszt, verbot ihr jedoch, Pianistin zu werden. Carolyne zu Sayn-Wittgenstein wurde die neue Geliebte von Franz Liszt, die auch die Kinder von Großmutter Anna wegholte.

 

Cosima hatte drei Kinder mit Hans von Bülow und zwei weitere, Eva und Siegfried, mit Richard Wagner. Nike Wagner meint, dass Cosima und Richard eine „symbolische Ehe“ geführt haben. Nach langem Zögern übernahm sie nach Richards Tod die Festspiele mit dennoch „ungeheurem Mut“. Man hatte auch Franz Liszt und Karl Muck gefragt, auch noch weitere Personen in Erwägung gezogen, Festspielleiter zu werden. Sie hat dann die Witwen-Rolle „theatralisch ausgebaut“ nach einem „Ich weiß, wie er es wollte“ unter dem Motto „Sie empfängt Richards Weisungen von oben“. Cosima ließ dann mit den Gebrüdern Brückner die Bühnenbilder entwerfen und setzte sich bei den Proben in eine Art „Gemerk“ auf die Bühne, um detaillierte Kommentare geben zu können. Es war die Zeit einer „restaurativen Periode“, was nach Nike Wagner schon unter Siegfried Wagner so war.

 

Siegfried war antisemitisch und hasste die Weimarer Republik. Davon zeugen auch die von Hans von Wolzogen 1876-1930 heraus gebrachten „Bayreuther Blätter“, mit denen völkische Kreise angesprochen wurden. Siegfried hatte ein „sonniges Gemüt“, und ihm kam die hohe Autorität vielleicht nicht so sehr zu Bewusstsein. Er war „geknebelt und eingebunden“, hat sich gewissermaßen „die Freiheit für den Unterleib reserviert“, meint Nike Wagner. Er war aber ein großer Arbeiter und ein hochkultivierter und -gebildeter sowie mehrsprachiger Dirigent. So machte er auch eine Weltreise. Nach dem Tod von Cosima sah er wohl seine Aufgabe als erfüllt an.

 

Es gibt sowohl antisemitische wie philosemitische Äußerungen von Siegfried. Er fuhr gegen den Willen Winfrieds immer wieder nach München, um Hitler-Reden beizuwohnen. Siegfried war eher ein „Schöngeist“ und schuf immerhin 17 Opern und andere Werke. Nike Wagner hebt aber auch hervor, dass es zu jener Zeit fast unmöglich war, aus Richard Wagners Kunstansatz herauszukommen. Die Werke Siegfrieds waren dennoch lange populär, aber Winifred hat sie unterdrückt – ein untypisches Verhalten für Witwen. Seine Werke verlangen eine enorme sängerische Qualität, so dass es manchmal zu Besetzungsproblemen kommt. Das Regietheater sollte sich um sein Oeuvre kümmern. So galt auch die Jungendstil-Zeit lange als verfehlt. Und schließlich: Siegfried wäre ja eigentlich Architekt geworden, wovon er aber abgehalten wurde.

 

Zu Friedelind meinte Nike Wagner, sie sei „das Wagner-Gesicht mit marmornem Hollywood-Mund“. Sie war für sie und ihre Geschwister sehr nett, und sie liebten sie. Und –  Friedelind war die Lieblings-Tochter von Papa Siegfried. Er hat sie „eisern bevorzugt“. Winifred untersagte ihr gar, im August 1930 ins Krankenhaus zum erwarteten Ableben Siegfrieds zu kommen, einem Kind mit damals 11 Jahren. „Bei Siegfried durfte sie aber alles!“

 

  1. Gespräch von Rainer Fineske mit Evelyn Herlitzius

 


Evelyn Herlitzius. Copyright: Helga-Franziska Humbaur.

Am 1. Tag des Symposiums gab es noch ein Gespräch zwischen Rainer Fineske und der KS Evelyn Herlitzius, die in jenen Tagen die Rolle der Emilia Marti in Leos Janaceks „Die Sache Makropulos“ an der DOB verkörperte, übrigens höchst beeindruckend. Ich war in der Aufführung und schreibe dazu noch eine Rezension. Da die sich um das Künstlerleben und die entsprechenden Einstellungen von KS Herlitzius drehenden Gesprächsthemen nichts mit dem Thema des Symposiums zu tun hatten, wird hier nicht auf das Interview eingegangen.

 

Fotos: Helga Franziska Humbaur

 

Klaus Billand

 

 

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