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BERLIN/ Deutsches Theater: ULYSSES nach James Joyce. Premiere

20.01.2018 | Theater

Ulysses mit Edgar Eckert, Cordelia Wege, Ulrich Matthes, Benjamin Lillie, Manuel Harder, Birgit Unterweger, Foto Arno Declair
Ulysses mit Edgar Eckert, Cordelia Wege, Ulrich Matthes, Benjamin Lillie, Manuel Harder, Birgit Unterweger. Foto Arno Declair

Berlin/ Deutsches Theater: „ULYSSES“ nach James Joyce, Premiere, 19.01.2018

Einen rd. 1000-seitigen Roman von 1922 auf etwa 4 Std. zu verdichten, um ihn theatertauglich zu machen, ist sicherlich harte Arbeit. Zwar geht es in „Ulysses“ von James Joyce – übersetzt von Hans Wollschläger – nur um einen einzigen Tag, den 16. Juni 2004 im Leben von Leopold Bloom und Stephan Dedalus, zwei Männern in Dublin, die sich zufällig treffen. Gemessen an Homers „Irrfahrten des Odysseus“, die 20 Jahre andauerten und dem Iren Joyce indirekt als Vorlage dienten, ist die Zeitspanne minimal, wird von ihm jedoch durch ständige Gedankenspiele maximal gestreckt.
Anstrengend ist es, dieses Jahrhundertwerk zu lesen, was aber alle hierbei tätigen Schauspielerinnen und Schauspieler getan haben, wie Regisseur und Bühnengestalter Sebastian Hartmann in einem im Programmheft abgedruckten Interview kundtut. Hohe Konzentration verlangt diese Aufführung im Deutschen Theater aber auch vom Publikum. Dass einige zwischendurch mal einnicken, ist zu beobachten. Für andere wird dieser noch immer sehr wortlastige Extrakt zum intellektuellen Vergnügen, allerdings auch mit Ermüdungspotenzial.

Denn die eigentliche Handlung ist schon bei Joyce relativ dünn. Es geht vor allem um Erinnerungen, Vorstellungen und Assoziationsketten, um einen Bewusstheitsstrom, der ständig das reale Geschehen unterbricht oder überlagert und das in unterschiedlichen Schreibstilen.
Die gut vierstündige Theaterfassung von Sebastian Hartmann und Ensemble – die unter zwei an der Bühnendecke befestigten, fast schicksalhaft erdrückenden Riesenkugeln abläuft – konzentriert sich hier nur auf Leopold Bloom. Doch die Szenenauswahl erscheint ebenso sprunghaft wie die Einfälle von Joyce. Was Bloom denkt und fühlt, stellen seine Kolleginnen und Kollegen dar, wenn überhaupt.

Vielfach bleibt es in einzelnen Rollen beim Deklamieren. Das tun alle engagiert und versuchen, das geschilderte Geschehen mit Stimme und Körpersprache zu veranschaulichen. Sie alle werden nur pauschal genannt: Edgar Eckert, Manuel Harder, Daniel Hoevels, Judith Hofmann, Benjamin Lillie, Ulrich Matthes, Bernd Moss, Linda Pöppel, Birgit Unterweger, Cordelia Wege, Almut Zilcher. Einige seien dennoch erwähnt.

Die Zuschauerinnen und Zuschauer müssen also Fantasie aufbringen, und das sogleich am Beginn, wenn eine Interpretin im kleinen Schwarzen, vielleicht auf einer Party vom unheilvollen Geschehen überrascht (Kostüme: Adriana Braga Peretzki), bei zuckenden Feuerblitzen  und dröhnender Musik „Dublin in Flammen“ mit sterbenden Menschen schildert (Licht Lothar Baumgarte). Eine andere flüchtet derweil angstvoll über die Zuschauerreihen hinweg von der Bühne.

Die füllt sich danach allmählich, und es gibt amüsierte Lacher, wenn einer herumhüpft und einen Hund markiert, während ein anderer Pein und Erlösung beim Stuhlgang zeigt. Generell wird’s  immer dann interessant, wenn sich auf der Bühne echt was tut. Eine gewollt übertrieben gespielte Liebes-/Sexszene, den allgegenwärtigen Magnetismus beweisend,  macht die Zuschauerinnen und Zuschauer ebenfalls munter.
Mal betritt eine schlanke Nackte die in Dunkel getauchte Bühne und gießt sich einen Eimer dunkler Farbe über Gesicht und Körper. Vielleicht ist das
Circe, die Odysseus und seine Mannen verführt, hier jedoch oft wie ein Orakel agiert.

Zwei aber schaffen es, in langen Monologen mit großartiger Sprech- und Schauspielkunst das Publikum voll in ihren Bann zu ziehen, zunächst Ulrich Matthes. In seinem langen Monolog geht es um den „Schlachttag“ von Tieren und Menschen, um Tod und Begräbnisse.
Es geht auch um Jesu Worte:„Ich bin die Auferstehen und das Leben“, und den Zusatz von Matthes (bzw. Joyce), man stelle sich mal vor, wenn die „ganze Bagage“ zum Jüngsten Gericht aus ihren Gräbern käme. Die in Irland mächtige Katholische Kirche bekommt bei Joyce öfter sarkastisch ihr Fett weg, auch wegen ihrer Riten (Abendmahl = Leichenschmaus) und ihres Fortpflanzungspostulats.

Matthes im clownesk farbigen Glitzeranzug geht bei der Schilderung des Sterbens nur leicht auf und ab. Wenige Gesten unterstreichen das hübsch ironisch Gesagte. Bei seinen langen und mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgten Überlegungen könnte man im ausverkauften Saal eine Stecknadel fallen hören. Sein Fazit: „Nein, nicht mit mir“. Die Bühne füllt sich, und alle feiern rauschhaft tanzend das Leben. Schon wegen dieser großartigen Minuten lohnt sich die ganze Aufführung.

Im 2. Teil fesselt zunächst ein orientalisch anmutender Märchenerzähler mit der Schilderung, wie das Leben in 100 Jahren aussehen könnte. Amüsiert folgt das Publikum auch einer Aufzählung der diversen Männertypen durch eine hübsche Kleine. Die weiß, wovon sie im Stakkato spricht.
Berührend sie Szene mit einem Vaters, der sich – ähnlich wie Bloom – unbedingt einen Sohn wünscht und bei der schweren Geburt um Mutter und Kind bangt. Liebe und Tod – das sind die eigentlichen Ingredienzien zumindest dieser Theaterfassung. Die rötlichen Lichtbalken an beiden Bühnenseiten werfen stets blutrote Schatten auf die Darsteller und Darstellerinnen.

Unübertroffen bleibt auch Bernd Moss, der dem Publikum humorvoll die Geheimnisse der Quantentheorie erklärt, so als täte er das ständig vor den Erstsemestern an der Uni. Er lässt alle über die wellenförmig schwingenden Elektronen staunen, die sich bei Eingriffen in Berlin im fernen Braunschweig (Lacher) sofort in gleicher Weise verändern. Moss hat sich dieses Wissen perfekt angeeignet und erzählt alles so spannend, dass man ihm jedes Wort glauben möchte. Auch versichert er, dass sich niemand vor dem Tod fürchten müsse, sei das Sterben doch nur der Wechsel in einen anderen Bewusstseinszustand.

Dieses zweite Highlight wäre der perfekte Schluss gewesen, denn weniger ist manchmal mehr. Doch dazu konnten sich Hartmann und Ensemble nicht entschließen. Textverliebt geht’s weiter. Zuletzt ist die treue Penelope zu erleben, die seit 20 Jahren – weniger spannend monologisierend – auf ihren abwesenden Gatten wartet. Per Video (von Tilo Baumgärtel) naht er sich schemenhaft mit tot wirkenden Augen der ihn nach wie vor liebenden Gattin.

Starker Schlussbeifall für alle Schauspielerinnen und Schauspieler sowie fürs Regieteam.

Ursula Wiegand
Weitere Termine: Die B-PREMIERE am 20.1. ist ausverkauft. Nächste Vorstellungen am 28.01.18.02. und 25.02.