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BERLIN/ Deutsches Theater: PLAY STRINDBERG von Friedrich Dürrenmatt. Szenische Lesung

15.09.2020 | Theater

Berlin/ Deutsches Theater:  „PLAY STRINDBERG“ von Friedrich Dürrenmatt, Szenische Lesung, 14.09.2020


Manuel Harder, Ulrich Mathes, Sophie Rois. Foto: Arno Declair

Da sitzen sie – Ulrich Matthes und Sophie Rois – die Stars vom Deutschen Theater und in der Theaterlandschaft der Bundesrepublik. Die kann man/frau eigentlich blind buchen und wird immer Schauspielkunst erster Güte erleben, selbst bei einer szenischen Lesung, wie bei „Play Strindberg, arrangiert von Adrian Linz.

Beide haben an zwei kleinen Tischen vor dem roten Bühnenvorhang Platz genommen, mindestens 1,50 Meter voneinander entfernt. Es geht aber nicht um Corona, sondern um eine total gescheiterte Ehe.

Die Theater-Urform stammt von August Strindberg, doch Friedrich Dürrenmatt hat den Text gekürzt und ihn in eine ironisch-bittere Komödie verwandelt, in der auch gelacht werden soll. Die wortreiche, offenbar tagtägliche Auseinandersetzung von Edgar und Alice übernehmen nun das Superpaar Matthes gegen Rois.

Selbst kurz vor der Silbernen Hochzeit gibt es kein Quäntchen Einvernehmen, zumal beide in ihrer geschönten Vergangenheit feststecken. Edgar, Hauptmann einer Garde auf einer sehr einsamen Insel und früher ein angeblich geschätzter Militärschriftsteller, trägt auch daheim ständig Uniform und Stiefel. Alice, die sich nach wie vor als eine berühmte Schauspielerin bezeichnet, hat zum 25sten Ehejubiläum eine aufgeplusterte Robe gewählt (Ausstattung: Janja Valjarević).

Und während für Edgar die Märsche der Bajuwaren (Musik George Dhauw) sein Lebenselixier sind, und er danach sogar steifbeinig zu tanzen beginnt, singt Alice leise Solveigs Lied. Trotz dieses traurigen Songs weiß sie sich jedoch heftig zu wehren.

 Freunde, die sie zur Silberhochzeit einladen könnten, haben sie keine mehr, und selbst die Bediensteten sind aus dem Haus geflüchtet. Vor allem Edgar und damit auch Alice haben sich eingeigelt, und Geld haben sie wohl auch keines mehr. Zumindest bekommt Alice keines, um den leeren Kühlschrank zu füllen und etwas Gutes zu kochen.

Immerhin hat Edgar noch Zigarren und Whisky auf seinem kleinen Tisch, sie gar nichts. Auf Alices Einwand, dass beides seiner (schon angegriffenen) Gesundheit schade, kontert er: „Ich bin gesund, ich war immer gesund und werde immer gesund sein.“ Noch 20 Jahre werde er leben, behauptet er.

Doch wer von beiden wird überleben? Auch darum geht es letztendlich. Zwei Kinder haben die beiden, die anderenorts ihre Ausbildung absolvieren und die Eltern kaum zu interessieren scheinen. Es geht nur noch darum, den Partner oder die Partnerin mit Worten ständig zu verletzten.

„Unterhaltung vor dem Abendessen“ heißt die erste der folgenden, insgesamt 12 Kampfrunden, und jedes Mal ertönt ein Gong dazu, als ginge es um einen Boxkampf. Das ist  wirklich der Fall, obwohl sich beide nicht mit den Fäusten attackieren. Sie schießen auch nicht mit Giftpfeilen aufeinander, sondern mit kanonenkugelgroßen Gemeinheiten.

Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ sind dagegen das reinste Kinderspiel. Manchmal spitzen sich die verbalen Wettkämpfe dermaßen zu, dass das Publikum zu lachen beginnt. Kommen einigen diese fiesen Auseinandersetzungen etwa bekannt vor?

In das gewohnte Kampfgeschehen bricht erstmals nach vielen Jahren ganz unerwartet Alices vermeintlich reich gewordener Vetter Kurt ein. Manuel Harder gibt ihn als einen Nachdenklichen und startet bald einige Vermittlungsversuche. Doch Edgar wirft ihm sofort vor, er habe ihn mit Alice verkuppelt. Außerdem habe er seine Kinder im Stich gelassen. Nein, die wurden seiner Frau bei der Scheidung zugesprochen, lautet Kurts Antwort, doch er leidet sichtlich noch immer darunter. Nun wird er nun Quarantäne-Verantwortlicher auf dieser Insel, deshalb kehrt er zurück.

Alice, seine Ex-Geliebte, versucht Geld abzustauben, und beide versuchen es auch mal wieder im Bett. Derweil geht es Edgar laufend schlechter. Alice, die sich immer ganz offen seinen Tod gewünscht hatte, spricht plötzlich Kurt gegenüber davon, dass Edgar nun würdig aussähe. Erwacht in ihr doch noch ein Rest von Mitleid und Sympathie?

Wenn er wieder bei sich, sich aus der Stadt ein gebratenes Hühnchen mitgebracht hat und es gierig in sich hineinschlingt, macht das Matthes so, dass man/frau lieber gar nicht hinschauen mag oder laut lachen muss.

Bald fällt Edgar immer wieder in Ohnmacht, oder tut er manchmal nur so, um Alice und Kurt zu belauschen. Denn beide Männer haben nicht nur Eheprobleme. Sie haben auch finanziell keine reine Weste. Kurt muss die Insel wieder verlassen, nimmt aber Alice nicht mit. „Du gehörst an seine Seite“, sagt er auf Edward zeigend und haut ins Ausland ab.

Doch nun – zusammen mit dem Schlussapplaus – wird’s richtig lustig. Zur Bajuwaren-Musik tanzen und hüpfen Matthes, Rois und Harder hin und her über die Bühne. Jetzt haben alle, auch das anhaltend klatschende Publikum, wirklich Spaß. 

Ursula Wiegand

Nächste Termine: 5., 7. und 21. Oktober, aber sämtlich ausverkauft.

 

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