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BERLIN/ Deutsches Theater: MELISSA KRIEGT ALLES von René Pollesch

05.09.2020 | Theater


Franz Beil, Kathrin Angerer, Katrin Wichman, Martin Wuttke, Bernd Moss, Jeremy Mockridge. Foto: Arno Declair

Berlin/ Deutsches Theater: „MELISSA KRIEGT ALLES“  von René Pollesch, 4. Vorstellung am 04.09.2020
 

Zuerst ein erstauntes „Ah“ . Wie aufgeräumt und weitläufig wirkt plötzlich der Große Saal des Deutschen Theaters, nachdem nun doch ganze Reihen ausgebaut wurden.

Corona macht’s möglich, dass wir nicht mehr wie die Ölsardinen in der Dose neben- und hintereinander sitzen. Alle gewinnen durch den aus Abstandsgründen geschaffenen Raum zwischen den Reihen einen freien Blick auf die Bühne und können außerdem die Beine strecken. 

Abgesehen vom Finanziellen für dieses Traditionshaus, könnte das gerne so bleiben. 

Doch nur zum Relaxen geht wohl niemand ins Deutsche Theater und schon gar nicht zu einem Stück von René Pollesch. Am 29. August wurde sein neues Werk, das vierte fürs Deutsche Theater, „Melissa kriegt alles“ hier uraufgeführt. Die erbt ganz allein, wie ein Brief mitteilt, ein großes Vermögen, sehr zur Enttäuschung der proletarischen Crew, die nichts abbekommt. In einem Kabuff mit revolutionärem Ambiente plus Nebenraum (Bühne Nina von Mechow) kommen sie zusammen und reden und reden.

Bertolt Brechts Episches Theater, hier auch Theater der Form genannt,  hat bei diesem neuen Pollesch-Stück ebenso Pate gestanden wie Brechts „Die Mutter“, das er im Jahr 1905 angesiedelt hatte, als die Aufstände der  extrem unterbezahlten Arbeiter begannen.

Pollesch führt auch Regie und hält seine Leute – Kathrin Angerer, Franz Beil, Jeremy Mockridge, Bernd Moss, Katrin Wichmann und speziell Martin Wuttke – in Bewegung und gedanklich auf Trab. Das Publikum aber ebenso. Eine durchaus gesunde Pandemie der Gedankensprünge erobert den Saal. Genau Hinhören und Mitdenken, vielleicht auch eigene Gedanken spinnen, ist Pflicht und Spaß zugleich.  

Martin Wuttke – offensichtlich ist es gerade Winter – erscheint mit Pelzkappe und zerfranstem, bodenlangen  Pelzmantel, darunter ein Nachthemd bedruckt mit einer Zeitungsseite in  kyrillischer Schrift (Kostüme: Tabea Braun).  Er will mal wieder eine Bank knacken, um Geld in die Kasse zu kriegen. Darin hat er Routine, beschäftigt sich aber zunächst  mit der baulichen Form von Theatern.

Am liebsten möchte er von oben auf solch ein (angebliches) Amphitheater draufgucken. Er beschreibt es mit einem Arm rudernd und ständig Zigaretten rauchend. Doch kein Qualm ist zu riechen, die Saal-Lüftung funktioniert offenbar genau so gut wie die der Gehirne. Franz Beil ist der erste, der sich sportlich an der Pole-Stange emporzieht, und Martin Wuttke schafft es später auch noch.

Zustimmung erhält der als Chef agierende Wuttke von seinen Mitbewohnern, doch geschwind gehen alle gedanklich wieder ihre eigenen Wege, ob sie nun an das Vorherige anknüpfen oder nicht. Jeder denkt und handelt für sich allein, wendet sich mit alltagstauglichen Gedankengirlanden, mitunter auch Brecht gemäß,  zum Publikum.

Laut Brecht sollen die Schauspieler nicht mit der Schilderung ihres eigenen Schicksals beeindrucken oder dem einer anderen Person. Sie sollen die Zuhörenden in die revolutionäre Wirklichkeit mit hineinziehen. Vom „Theater der Trance“ ist wiederholt die Rede. Die Schauspieler sollen das eine darstellen und gleichzeitig das Gegenteil, sollen darüber hinaus den Tod mit dem Leben verbinden.    

Ist aber nicht auch Bertolt Brecht inzwischen irgendwie ein Gestriger? Wenn frau sich die Äußerungen der Schauspielenden, die Pollesch ihnen in den Mund gelegt hat, anhört, scheint auch er die Brechtschen Weisungen nicht unbedingt als weiterhin gültiges Maß und Muss fürs Theatermachen zu halten. Es wirkt an diesem Abend nur so. Ein kurzer Seitenhieb irgendwann auf Heiner Müller fehlt auch nicht.

Eine junge Frau im roten hochsommerlichen Kleidchen und güldenen High Heels – Kathrin Angerer – versucht mitzumischen. Nein, sie will sich nicht von einem schicken Ankömmling in seinen wärmenden Pelzmantel wickeln lassen. Auch über Wuttkes sofortiges  „Du siehst wirklich toll aus“, ist sie keineswegs glücklich. Darauf will sie, eine Kämpferin, nicht reduziert werden.

Vielmehr entwickelt sie eigene Gedankengänge, die von einer weiteren Frau – Katrin Wichmann – irgendwie unterstützt werden, Von den vier Männern werden die Überlegungen der Kleinen zwar akzeptiert, aber nicht weiter beachtet.

Sowieso quasseln alle vor sich hin, erhalten von einander eher knappe Zustimmung als Widerspruch, sind aber sofort bei einem ganz anderen Thema. Smalltalk mit Brecht-Touch und Anspruch, aber ohne tiefere Bedeutung und oft echt lustig.

Dass Wuttke irgendwann mit einem Napfkuchen anrückt, als wäre er die Mutter der Kompanie, erinnert an Helene Weigel, die einst die Rolle der Mutter im gleichnamigen Theaterstück spielte und außerdem die Brecht-Compagnie als mütterlich strenge Prinzipalin im Griff hatte.

Gut gelungen sind die Videos von Ute Schall. Mal tauchen die  Gesichter von Schauspielern in groß über der Bretterbudenbehausung auf, sprechen aber mit ihren normalen Stimmen. Mal ist ein prall gefüllter Zuschauersaal zu sehen. „Ach, unser Publikum ist wieder da“, rufen die sechs Interpreten glücklich, und das Glück gilt auch für die im Saal, die nun wieder ins Theater dürfen.

Und sie kriegen nur einen kleinen Schreck, wenn ab und zu die Wände dieser Billigbude krachend zur Seite fallen. Bühnenarbeiter, natürlich mit Gesichtsmasken, sammeln sie ein, um sie später wieder aufzurichten, so als würden Lebenstrümmer doch wieder geeignet fürs Weiterleben.

Schließlich sind sie alle recht fesch gekleidet. Auch die Männer zeigen mit sichtlichem Stolz ihr neues Outfit. „Du siehst ja aus wie Anna Karenina“, darf Katrin Wichmann als Kompliment hören. Die Revolution kleidet hier also ihre Kinder.

Zuletzt baut sich Kathrin Angerer, nun recht damenhaft im längeren geblümten Kleid, tapfer ihr eigenes Umfeld wieder auf. Ihr Liebster ist verschwunden, Sofa und Bett tragen noch seine Spuren. Doch sie stellt sich nun vor, er wäre nie dagewesen, und das scheint sie zu trösten. Ja, was nie da war, dem kann niemand nachtrauern. Ein dennoch betrübliches Fazit.

Melissa, die angeblich alles gekriegt hat, war nie anwesend. Müssen wir uns also vorstellen, auch die prall gefüllten Theater, Konzertsäle und Opernhäuser wären nie dagewesen?

Nein, das wollen wir auf Dauer garantiert nicht. Die anhaltend kräftigen Beifallspender versuchen, den Applaus der Fehlenden zu kompensieren. Das großartige Team hat ihn mehr als verdient.

  Ursula Wiegand

Weitere Aufführungen am 5., 6., 7. 10., 11., 12., 21. und 22. September, doch alle sind ausverkauft. Wer Glück hat, ergattert vielleicht noch eine Restkarte an der Abendkasse (U.W.)

 

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