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BERLIN/ Deutsches Theater: GOODYEAR von Rene Pollesch. Uraufführung

28.05.2021 | Theater

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Christine Groß, Astrid Meyerfeldt, Katrin Wichmann, Sophie Rois, Jeremy Mockridge. Foto: Arno Declair

Berlin/ Deutsches Theater: „GOODYEAR“ von René Pollesch, Uraufführung, 2. Vorstellung am 27.05.2021

 Nanu, warum sitzen denn eine Handvoll Personen in schwarzer Trauerkleidung auf der Bühnenrampe? Diesmal aber nicht draußen in frischer Luft, sondern drinnen im Großen Saal des Deutschen Theaters. Es ist die zweite Vorstellung in der ebenfalls zweiten Wiedereröffnung und findet im Rahmen des Projekts „Perspektive Kultur – Pilotprojekt Testing“ statt.

Alle Besucherinnen und Besucher müssen am Eingang einen frischen Test bzw. den Impfpass mit der erfolgten Impfung oder eine Bescheinigung über die Genesung von Corona vorweisen. Der Ausweis und das personifizierte, ausgedruckte Ticket werden ebenfalls kontrolliert. Die Maske muss während der 75minütigen Spielphase ständig Nase und Mund bedecken. Dass wir mal so in einer Vorstellung sitzen würden, hätten wir Anfang 2020 noch als schlechten Witz abgetan. Doch was tut man/frau inzwischen nicht alles, um endlich wieder Theater live und im Saal zu erleben.

Aber bitte nichts Trauriges, Corona war und ist immer noch schlimm genug. Doch diese vier Frauen auf der Rampe – Christine Groß, Astrid Meyerfeldt, Sophie Rois und Katrin Wichmann – sind keine gefährlichen „schwarzen Spinnen“, erinnern aber an das Schicksal so mancher Rennfahrer-Witwen. Die hatten angeblich stets Trauerkleidung dabei, um sie im Fall der Fälle sogleich anziehen zu können.

Der einzige Mann in diesem Frauen-Team ist der sich eher ruhig und besinnlich gebende Jeremy Mockridge. Womöglich ist er der Trainer dieser Ladys, die nun selbst Rennen fahren. Gezeigt wird das aber nicht.  

Immerhin schlüpfen sie in dem neuen Stück von René Pollesch namens „Goodyear“, das er wie stets selbst inszeniert hat, in Rennfahrer-Overalls. Schick sehen die Mädels darin aus (Kostüme Tabea Braun) und fahren nun zumindest im Vokabular einen flotten Reifen. Andererseits sind sie keine harten Rivalinnen und stehen einander eher tröstend bei.  

Das einzige fahrende Vehikel auf der von Barbara Steiner gestalteten Bühne ist ein riesiger Pumps mit Glitzerlämpchen wie auf dem Jahrmarkt. Der enthält ein geräumiges Doppelbett, in dem anfangs ein unsichtbares Baby quäkt. „Du sollst Schauspielerin werden“, ruft ihm die Mama zu und sagt klipp und klar: „Ein Baby ist schöner als ein Mann.“

Danach ist von dem Kindlein nichts mehr zu hören oder zu sehen. Stattdessen sind die Rennfahrerinnen mit ihrem Kollegen unter sich und plaudern gelassen beim angeblichen Boxenstop. Vor allem eine – der Star Sophie Rois mit zerzaustem Haar – scheint deprimiert zu sein. Sie empfinde gar nichts mehr, sagt sie und schreit fast ständig ihren Frust schrill aus sich heraus.

Den Rennanzug, in dem sie sich vermutlich geschützt fühlt, will sie gar nicht mehr ausziehen. Den Nasen der anderen fällt das offenbar auf, so dass sie ihr empfehlen, mal ein heißes Bad zu nehmen. Fährt sie überhaupt Rennen? „Du hast ja noch nicht einmal einen Führerschein“, rufen die anderen, wenn die Rede darauf kommt.

Auch die übrigen Mädels scheinen keineswegs auf der Piste zu trainieren. Polleschs Texte lassen immer dem Publikum genügend Raum für eigene Interpretationen und Schlussfolgerungen. Wie so oft, geht es wohl um die Schauspielerei und hier vor allem um die Schwierigkeit, die Rennfahrer-Rolle in einem Theaterstück überzeugend zu spielen.

Das macht ihnen offenbar Mühe. „Man muss immer einen Fuß in der Figur drinhaben“, formuliert der Mann. Noch viel besser gefällt mir seine Feststellung: „Eine Geste ist schöner als ein ganzer Satz“. Vielleicht sollten sich einige Autoren das im Plural ins Stammbuch schreiben.

Mit dem Sex ist es natürlich auch schwierig. Man müsse anders denken, eine sexuelle Beziehung sei komplett unmöglich, betont der Trainer. Seiner rabiaten Partnerin (Sophie Rois) kann er es eh nicht recht machen. Die knallt dem Softi öfter mal eine, stilisiert sich als Führungskraft und überschreit oft die anderen.

Das Schreien hilft aber nicht mehr, als plötzlich richtige Formel 1 – Geräusche zu hören sind. Nun heulen die Motoren auf, quietschen Reifen und Bremsen. Doch kein Rennauto ist zu sehen, nur der Riesen-Pumps auf Rädern. Die Stille danach tut gut.  

Jeremy kommt schließlich aufs Rauchen zu sprechen, das eigentlich nicht gesund sei. Danach erzählt eine der Damen, dass die Rennfahrer-Frauen, wenn sie irgendwo ein schickes schwarzes Kleid im Laden sahen, das gleich gekauft hätten, da sie wussten, sie könnten es mal brauchen. Makaber, aber realistisch.  

Mit solchen Gedanken hält sich die Partnerin des Mannes, weiterhin Sophie Rois, gar nicht auf. Vielmehr schreitet sie zur Tat, klatscht ihm eine Sahnetorte ins Gesicht und schreit: „Ich will Musik, ich will Liebe, ich will Schönheit.“

Jetzt ist der Bann gebrochen, nun machen sie alle bei heißer Musik eine Slapstick-Party. Sie überkugeln sich auf dem Boden, machen Handstand mit Überschlag und hüpfen happy umher. Nach dem langen Lockdown fahren sie wieder einen flotten Reifen. Danach starker Beifall.

Noch eine schon weitgehend ausverkaufte Vorstellung gibt es am 30. Mai. Ohnehin ist es René Polleschs letztes Stück fürs Deutsche Theater, geht er doch zurück an die Volksbühne, die er _ als dort Ex-Museumsdirektor Chris Dercon als Intendant agierte – verlassen hatte. In diesem Herbst wird er dort selbst Intendant.  

Ursula Wiegand

 

 

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