Berlin/Deutsches Theater: „DIE KATZE AUF DEM HEISSEN BLECHDACH“, Premiere am 08.12.2023

Maggie (Lorena Handschi) und Brick (Jeremy Mockridge). Foto: Konrad Fersterer
Diese Frau hat aber Mut, kann einem in den Kopf kommen, Gemeint ist viel beschäftigte Regisseurin Anne Lenk, die gerne Stücke von Klassikern inszeniert, auch am Deutschen Theater. Der 1955 veröffentlichte Roman von Tennessee Williams – „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ – der alsbald mit Elizabeth Taylor in der Hauptrolle verfilmt wurde, kann ebenfalls als Klassiker gelten, schon wegen seiner Besetzung.
Gute Schauspieler/innen besitzt auch das Deutsche Theater, doch die Möglichkeiten des Kinos können auf einer Theaterbühne, nun gestaltet von Judith Oswald, nicht geboten werden. Müsste auch nicht unbedingt sein. Doch den ständigen Diskussionen der Familienmitglieder fehlt doch einiges an Spannung und Lebendigkeit. Selbst die Kostüme, die im Film getragen wurden, würden eher ins heutige Berlin passen als das cremefarbige, teils mit Rüschen verzierte Outfit, das Sibylle Wallum den Damen angepasst hat.
Allerdings will Anne Lenk nach eigenen Worten dieses Stück gar nicht in die Gegenwart holen. Okay. Immerhin entwickelt sich auch manch heutiges Familientreffen zu einer Wörterschlacht oder gar mehr. Die einen fühlen sich missverstanden, die anderen nicht ausreichend beachtet oder untergebuttert. Das Weihnachtsfest artet in manchen Familien ähnlich oder noch schlimmer aus. Insofern hat Tennessee Williams ein unkaputtbares Stück kreiert, das mit nur wenigen Zutaten nachgestellt werden kann. Das sind hier die Musikeinlagen von Ingo Schröder, die Lichtführung von Cornelia Gloth und das mehrfache Auftauchen eines Bilderrahmens an der Wand mit Familienporträts in verschiedenen Altersstufen. Was in den 1950’er Jahren zur Sensation wurde, möchte heute erneut das Publikum in den Saal locken, und es funktioniert. Die Premiere war ausverkauft, die nächsten Vorstellungen sind es ebenfalls. Dem DT und den kompetenten Schauspiern/innen ist das zu gönnen, müssen die doch pausenlose zwei Stunden insbesondere mit dem Text das Publikum fesseln und wachhalten.
Harsche Diskussionen und Schuldzuweisungen prägen hier nun den Geburtstag des Großvaters, Big Daddy genannt. Ulrich Matthes, zwar schlank und mit einer hellen Glatze „geschmückt“, ist eine ideale Besetzung und schafft es, diesem autoritären und superreich gewordenen Familienbeherrscher Aufmerksamkeit und im Verlauf sogar einige Sympathie zu verschaffen. Zur Feier angereist sind sein älterer Sohn Gooper (Jonas Hien), ein erfolgreicher Anwalt, mit seiner Frau Mae (Julischka Eichel) und ihren fünf Kindern, damals ein familiäres Qualitätsmerkmal. Damit kann jedoch das andere Paar, Maggie (Lorena Handschi) und Brick (Jeremy Mockridge), nicht dienen. Um diesen beiden dreht sich – ausgenommen der Großvater – nun alles. Von Mae werden sie nächtlich belauscht. Ja, in diesem Zimmer bleibt es ruhig, da tut sich nichts, so das Fazit. Erfolglos betont Maggie, dass sie ein modernes Paar sind und legt, offenbar Kampfsport trainiert, den Pastor auf den Rücken. Dass ihr Mann, deprimiert vom Tod seines langjähriges Freundes, zum Alkoholiker geworden ist und ständig eine Whiskyflasche herumträgt, sieht die ganze Familie.
Doch plötzlich bestimmt nun eine Hiobsbotschat das weitere Geschehen: Big Daddy hat Krebs und ist nicht mehr zu retten. Big Mama (Mariam Maertens), vor kurzem von ihrem Mann übel angefaucht, heult laut und ist untröstlich.
Big Daddy kennt das Resultat der Untersuchung noch nicht. Man hat es ihm verheimlicht, um die Geburtstagsfeier zu retten. Aber er ahnt es, markiert jedoch zunächst den Starken, der die anderen noch um Jahre überleben wird.
Dennoch widmet er sich nun ganz Brick, seinem Lieblingssohn, der die Firma nach seinem Tod weiterführen soll, obwohl der dem Whysky verfallen ist. Das werden die einprägsamsten Szenen des Stücks, das zuvor bei all’ dem hin- und Her-Gerede doch etwas langweilig geworden war. Gegenseitig beschuldigen sich zunächst Vater und Sohn, es hätte an Zuneigung und Verständnis gefehlt. Nun aber versucht dieser Daddy, doch noch die Liebe seines Sohnes zu winnen. Aber auf des Vaters Frage, ob er schwul sei, reagiert Brick aufgeregt und bezeichnet dieses Verhältnis nur als eine ganz tiefe Freundschaft, die niemand verstehen könnte. Schwulsein war damals in den USA verboten oder zumindest ein Makel. Mit seiner Neigung ist Brick wohl nicht fertig und im nachhinein zum Trinker geworden. Nun will er in eine Entziehungsanstalt, um von seiner Trunksucht geheilt zu werden.
Doch Maggie, die schon länger in diesem Familien- und Ehechaos wie eine Katze auf dem heißen Blechdach balanciert und ausgeharrt hat, lehnt das ab. Sie umarmt Brick, versichert, dass sie ihn liebt und ihn retten wird, und das Publikum jubelt.
Ursula Wiegand

