BERLIN / Deutsche Oper ZAR UND ZIMMERMANN, Musik und Libretto von Albert Lortzing in einer Sprechtextfassung von Martin G. Berger – Premiere; 20.6.2026
„Ich bin ein Zar, holt mich hier raus.“ – So wird es nichts mit Lortzing!

Nadja Mchantaf als Marie. Copyright: Thomas Aurin
Komische Opern des Berliner Allround-Künstlers Albert Lortzing heute in Deutschland aufzuführen, ist ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Die jetzige Premiere des Stücks ist deshalb nicht grundlos die erste Neuinszenierung hierzulande seit 25 Jahren. Das sagt viel darüber aus, wie sehr die deutsche Spieloper trotz vieler kompositorisch und dramaturgisch geschickter Schachzüge des auch als Schauspieler, Sänger und Cellist erfolgreichen Musikers Lortzing im sich wandelnden Publikumsgeschmack doch biedermeierlich arg zeitgebunden gibt und schwer aktualisierbar scheint. Da helfen auch die einzelnen Hits, die flotten Aktschlüsse nach Rossini-Art sowie das Libretto auf eine französische Vorlage nicht viel.
Und gerade eine deutsche Komödie mit Arien, Ensembles, Chören und gesprochenen Dialogen, formal wie später eine Operette konzipiert, bedarf, um stilistisch zu funktionieren, der Tradition und permanenten Übung. Selbstverständlich können und sollen die gesprochenen Texte modernisiert, ja vielleicht auch unter Einbindung des Genius loci aktualisiert werden, um auch im Hier und Jetzt verstanden und als witzig rüberkommen zu können. Dennoch: ein heikles Unterfangen, eine Gratwanderung.
Regisseur Martin G. Berger hat Lotzings erfolgreichste, 1837 am Stadtheater Leipzig uraufgeführte dreiaktige Komödie pop-politagitatorisch und schräg burlesk aufgepimpt. Mal musicallike mit Mikros für die Texte und revuehaftem Gezappele des Balletts, mal nach Art einer Slapstick Crime-Fernsehserie mit herumballernden Maschinenpistolen und Razzien nach Tatort-Manier.
In der Komischen Oper hätte das – mit eingedampftem und konzentrierterem Ansatz – vielleicht etwas werden können. Nur dass schon die schiere Größe des Hauses an der Bismarckstrasse und der pompöse Wagnersound der Chöre jegliche Intimität und Nähe zum Publikum, die das Stück eben auch bräuchte, vermissen lassen.

Copyright: Thomas Aurin
Noch dazu gab es ein Pech mit der Besetzung der Hauptrolle. Beide Sänger, die die Inszenierung geprobt hatten, fielen krankheitsbedingt aus. Also holte die Deutsche Oper kurzerhand Daniel Schmutzhard aus Wien, der die Rolle schon an der Wiener Volksoper verkörpert hatte. Mit dem Klavierauszug bewaffnet, sang er den Peter Michaleow alias den inkognito reisenden, in einem Einhornkanu geborenen Barby-Spielzeugzaren Peter von der Seite aus sehr passabel, während Regisseur Martin G. Berger die Darstellung und gesprochenen Texte übernahm. Dass ein solches Notarrangement einigermaßen hölzern wirkt, versteht sich von selbst.
Da ein von einem durchaus gewaltbereiten Zaren geleitetes Russland aktuell in Berlin nicht vorkommen darf, verlegte der Regisseur die Handlung in ein an der Grenze von Litauen zu Russland (!) gelegenes Mini-Operettenregime mit Namen Tschirikistan. Soll sein. Auch der während der Ouvertüre gezeigte Film (Vincent Stefan) als animierte Propagandaparodie in der Kinderästhetik einer aufmerksamkeitshechelnden Hochglanz PR funktioniert recht gut und zieht zahlreiche Lacher auf sich.
Peter heuerte in der von Lortzing erdachten Version als Zimmermannsgeselle auf der Schiffswerft in Saardam unter dem Namen Peter Michailow an, um sich mit den Techniken des Schiffbaus vertraut zu machen. Bei Berger, der das Stück als eine Ideenkomödie ins 21. Jahrhundert verlegt, reist der Herrscher aus Zwecken der Industriespionage nach Saardam zu Browes, robotergesteuerter Kanu High Tech Werft.
Schließlich will man zum Wohle des Volkes eines wirtschaftlich herabgekommenen Regimes (von Ökonomie verstanden Salonkommunisten noch nie etwas) abkupfern, wie man am besten moderne Kanus baut und damit Reibach macht. In der mit viel Aufwand konstruierten Bühne aus beweglichen Metallgerüsten (Sarah-Katharina Karl) in moderner Industriearchitekturmanier trifft der „Zar“ auf den Deserteur Peter Iwanow, wird aber auf Schritt und Tritt von seinem Onkel Raul (Fabian Gerhardt) und einem Geheimdienstmitarbeiter (Katharina Brehl) überwacht. Die plagen sich derweil mit Aufständigen zu Hause. Fazit: Ist ja doch nicht so toll, was Herrscher und seine Entourage den Leuten zu bieten haben.
Berger überfrachtet die Verwechslungskomödie um den „echten Peter“ mit Glitter, Flitter, unfasslichem Hollywoodkitsch in der Hochzeitsszene, Ballettsatire und unzähligen politischen Anspielungen. Das reicht von Angela Merkel-Zitaten, Korrektem aus Flüchtlings- und Rohstoffpolitik, G7-Verhohnepipelung und Stereotypen englischer bis französischer (Diplomaten-)Provenienz. Lefort (Jared Werlein) darf als russischer Gesandter nur seine Stimme erheben, weil Lortzing blöderweise ein Sextett geschrieben hat.
Ich habe mich immer wieder gefragt, ob dem auch für den neuen Text verantwortliche Berger hier ein genialer Allthemen-Coup gelungen ist, der zwar mit Lortzing nicht viel zu tun hat, aber wirkt, oder ob er einfach einen Slapstick Schmarrn produziert hat? Das Publikum war jedenfalls gespalten. Schon nach dem ersten Teil gab es Buhs für das Leading Team, am Schluss erst recht.
Meiner Meinung nach wollte da einer einfach des „Guten“ zu viel. Diese bürgerliche, volkstümlich bodenständige musikalische Komödie als einen irgendwie giftigen Mix aus Klamauk, Kritik an maschineller Industrieproduktion, an Kapitalismus generell (Nicole Piccolomini darf als Witwe Browe eine Karikatur einer Kapitalistin auf die Bühne wuchten, dass es nur so kracht), bei kabarettistisch-plakativem Darüberwischen über Systemfragen sowie allerlei eher Berlinern zugänglichen politischen Kalauern anzurühren, ergibt alles Mögliche, nur keinen Lortzing. Ergo ist diese Produktion nicht Fisch, noch Fleisch.
Die Kostüme, überwiegend Sportjogger in Polyesterpink und Himmelblau (Esther Bialas) im Retro 80-er Style, die man heute vielleicht noch auf diversen Campingplätzen sieht und die sich bei der Generation Z erneut einiger Beliebtheit erfreuen, trugen zur Verwirrung über das Wollen der Produktion bei. Was denn nun? High Tech oder Retro, Politik oder Schnurre? Alles zusammen geht irgendwie nicht, außer beim Fantasyrenner „Charlie und die Schokoladenfabrik“.
Gut gelungen sind bei aller Kritik die Ummünzung des berühmten Holzschuhtanzes zu einer virtuosen, lärmenden Steptanzshoweinlage sowie die von van Bett geleitete, realistisch humorvolle Chorprobe der Kantate „Heil sei dem Tag, an welchem ihr bei uns erschienen“.

Patrick Zielke als Bürgermeister van Bett.
Copyright: Thomas Aurin
Drei Ausnahmekomiker mit Timing und prägnanten Stimmen ragen aus der stilistisch ihre gewundenen Pfade suchenden Besetzung auffällig positiv heraus. Der um seine Wiederwahl bangende Bürgermeister van Bett, optisch eine ‚Horst Schlämmer‘ Parodie, gibt dem grandiosen Patrick Zielke Gelegenheit zu einer ungeheuer köstlichen Persiflage eines schwer überforderten, bauernschlauen Mandatars. Zielke bot an diesem Abend mit Abstand die herausragendste schauspielerische und gesangliche Leistung. Zudem lieferte der formidable Padraic Rowan als schaumrollentoupierter Marquis von Chateauneuf sowie Kieran Carrel als Lord Syndham mit seinem bestens fokussierten, wunderbar timbrierten Tenor treffliche Charakterstudien schlitzohriger diplomatischer Drahtzieher vom Allerfeinsten.
Nadja Mchantaf als Marie und Philipp Kapeller als Peter Iwanov blieben als Paar und als Figuren schablonenhaft blass sowie stimmlich kleinkalibrig.
Antonello Manacorda, von mir äußerst geschätzter Spezialist historisch informierter Aufführungspraktiken, sorgte im Graben zwar für Zunder und irres Tempo (Chöre), ein frühromantisches Melos und Idiom wollte sich jedenfalls meinem Dafürhalten nach nicht einstellen.
Dr. Ingobert Waltenberger

