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BERLIN/ Deutsche Oper: TOSCA-Wiederaufnahme. Dio mio perdona. Egli vede ch’io piango! 

11.01.2023 | Oper international

 

Dio mio perdona. Egli vede ch’io piango! Wiederaufnahme von Giacomo Puccinis “Tosca” an der Deutschen Oper Berlin, am 8.1.2023

Die Qualität der Libretti zu Puccinis Opern liegt zweifelsohne darin, daß sie einem recht stringenten Inhalt folgen. Einerseits um das Publikum zu packen. Puccini hatte erkannt, daß die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums sank und es gleichzeitig intensivere, emotionalere Abende erleben, ja spüren wollte. Seine entsprechenden Libretti unterstützen das, frei nach Don Draper „Make it simple but significant“. Andererseits gaben ihm diese direkten Geschichten die Möglichkeit, voll auf seine Musik zu fokussieren. Stark beeinflusst von Wagner, arbeitet er stark mit Leitmotiven und baut gleichzeitig hochkomplexe musikalische Strukturen in seine Werke ein, so daß diese einen mit sich reißen, ohne zu begreifen wie einem wirklich Geschieht.

In Tosca ist dies gleich mit dem Beginn des Stückes erlebbar, die Scarpia Akkorde (B-Dur, As-Dur und E-Dur – gewaltig! Wir nutzen diesen Akkord ja nicht umsonst als Erkennungsmelodie des Opera Blogs), eröffnen das Stück, begleiten es den ganzen Abend und zeigen schließlich, unter welchem Stern die Geschichte steht – was für ein Beginn für eine Oper! An diesem, zweiten Abend in Berlin durften wir dann auch eine Besetzung erleben, die der Gewaltigkeit von Tosca mehr als würdig war: Sondra Radvanovsky als Floria Tosca, Vittorio Grigòlo als Mario Cavaradossi und Roman Burdenko als Barone Scarpia. Das auch noch in der legendären Inszenierung von Boleslaw Barlog von 1969, die einen vergleichbaren Kultstatus genießt wie die Wiener Inszenierung von Margarete Wallmann aus dem Jahr 1958. Kein „Regietheater“, in dem sich als Regisseur titulierte Staatskünstler selbst in Szene setzen, den Bezug zum Stück jedoch nicht kennen. Keine hochgelobten Sänger, deren Zenith nie auf der Höhe war und längst überschritten ist. Keine Fanboys und -girls, die nichts weiter als die Anbetung ihrer Sing-Ikonen dulden. Einfach Oper der allerfeinsten Extraklasse und tatsächlich übertraf der Abend unsere ohnehin schon hohen Erwartungen noch um ein Vielfaches. Ja, das möchten wir!

Nun gibt es bei der Einfachheit des Librettos von Tosca, dennoch die Möglichkeit mehrere Lesarten und in ihrer Auslegung zeigt sich dann die wahre Klasse von Regie, Darstellern und des gesamten Teams. Oftmals erscheint Tosca als selbstsüchtige, übertrieben eifersüchtige Drama Queen, die durch ihr unüberlegtes und impulsives Verhalten alle in den Tod zieht. An diesem Abend ist es klar anders: Alle sterben natürlich. Doch warum? Alle sterben, weil alle lieben! Nur stellt sich die Frage: Wer liebt denn hier eigentlich wen?

Beginnen wir mit Floria Tosca: Wenn eines klar ist, dann die Tatsache, daß diese Tosca mitnichten ein selbstverliebtes Miststück ist. Diese Tosca hat ein großes, viel zu großes Herz, voller bedingungsloser Liebe. Und diese Liebe gehört der Kunst und den Menschen: Vissi d’arte, vissi d’amore, non feci mai male ad anima viva! Con man furtiva quante miserie conobbi, aiutai. Einen Menschen liebt sie natürlich ganz besonders, Mario Cavardossi und für diese Liebe ist sie bereit über Leichen zu gehen. Ganz gleich, ob es die vermeintliche Geliebte Cavaradossis, Angelottis Schwester Attavanti ist (Tu non l’avrai stasera. Giuro!) oder eben Scarpia, der seine Intrige mit dem Leben bezahlen muss (Ti soffoca il sangue?

Muori dannato! Muori! Muori! Muori!).

Es wäre nun zu einfach zu sagen, naja nun, man soll halt Frauen nicht provozieren und nicht mit ihren Emotionen spielen. Doch so einfach ist es wiederum nicht, der Kern in Toscas Verhalten scheint viel tiefer zu liegen. Denn wenn wir genau ins Libretto schauen, sehen wir: Tosca vergibt Scarpia letztlich: „È morto! Or gli perdono! E avanti a lui tremava tutta Roma!” – Toscas Herz ist also so groß, daß sie selbst diesem Tyrannen und Folterknecht, der Fleischwerdung des Bösen vergibt. Gleichzeitig wird auch klar, daß Tosca selbst um Vergebung für Ihr Verhalten bittet, wenn Sie es als falsch erkennt – und es dann trotzdem nicht beendet: „Dio mio perdona. Egli vede ch’io piango!“- Fleht sie noch im 1. Akt, nachdem sie beschließt, die Attavanti und Cavaradossi auf frischer Tat zu stellen.

Was treibt Tosca also an? Was bringt sie dazu, ihren Impulsen so reflexartig zu folgen? Floria Tosca legt hier deutliche Verlustängste an den Tag, sie ist also ganz offensichtlich ein gebranntes Kind. Ist es vielleicht eine Erfahrung, die sie mit Mario in der Vergangenheit gemacht hat? Es gibt einige Indizien, die darauf hinweisen: Cavaradossi hat sich in die still betende Attavanti verguckt und zwar so sehr, daß er sie als Modell seines Altarbildes gewählt hat, nicht Floria Tosca. Es scheint also, als hielte es Cavaradossi nicht ganz so mit der Treue, wie es sich für einen aufrechten Partner gehört. Angenommen Tosca hat dies in der Vergangenheit bereits bemerkt, ihn vielleicht sogar auf frischer Tat ertappt, so sind die Verlustängste, die sie an den Tag legt mehr als erklärbar. Wie wir in „Vissi d’arte“ sehen, handelt es sich bei Floria Tosca um eine höchst sensitive, empathische eben herzliche Frau, die – vielleicht oft auch etwas zu naiv – ihre Liebe schenkt und ihr Herz leicht öffnet. Dadurch ist sie leicht verletzbar und genau dieses erzeugt einen um so größeren Schmerz, da sie diese Verletzung als Ergebnis ihrer Offenheit und Liebe empfindet: „Nell’ora del dolore perché, perché, Signore, perché me ne rimuneri cosi?“.

Sondra Radvanovsky bringt das Leid dieser feinfühligen Frau umwerfend auf die Bühne. Unter allen Toscas, die wir bislang erleben durften, war Frau Radvanovsky diejenige, die uns am meisten berührte. Nicht nur, daß der Klang ihrer Stimme zur Grandezza dieser Diva hervorragend passt. Vielmehr erlebt, ja durchlebt sie das Leiden der Diva selbst, ist mit Gänze von den Emotionen der Frau erfüllt. Es wird oft behauptet, daß man Tosca nicht spielen könne, sondern sie sein müsse. Ab und an wird auch von manch einer Sängerin gesagt, daß sie da schon sehr nah herankomme. Frau Radvanovsky ließ an diesem Abend keinen Zweifel daran: Hier steht Floria Tosca in Fleisch und Blut! Verbunden mit einer gewaltigen Stimme, die fein und leise eine immense Eindringlichkeit und Verletzlichkeit an den Tag legt, gleichzeitig in den intensiven Passagen in einer Selbstverständlichkeit das Haus mit ihrer Stimme vollkommen zu füllen versteht. Spätestens nach dem 2. Akt raubt es uns den Verstand über eine so beeindruckende und wirklich unvergessliche Tosca und auch das restliche Publikum schließt sich dieser Darstellung an. Brava, brava, brava la diva! Sandra Radvanovsky ist Floria Tosca! Brava!

Entsprechend könnte man sich keinen besseren Cavaradossi an diesem Abend vorstellen als Vittorio Grigòlo! Bereits am 3. März 2022 durften wir ihn an der Wiener Staatsoper dieser Rolle erleben und zu Recht haben wir darauf hingewiesen, dass er von allen Cavaradossis, die wir bislang gesehen haben, der italienischste ist, was bei dieser Rolle genau das Passende ist. An diesem Abend in Berlin ist er noch einmal besser und das liegt nicht zuletzt am Zusammenspiel mit seiner Tosca, das harmoniert wunderbar und lässt uns den Gedanken weiterspinnen, woher Toscas Eifersucht denn nun tatsächlich kommt? Das Schwärmen für die blauen Augen der Attavanti, bringt Herr Grigòlo mit dem wunderbar geschmeidigen Klang seiner Stimme bereits zur Geltung, bevor er im Recondita armonia dann auch seine Tosca anpreist. Freilich, Cavaradossi sagt, daß er seine Tosca liebt. Doch scheint das Herz dieser Version zunächst sehr groß zu sein und dort auch ein Platz für die Attavanti zu sein: „E tanto ell’era infervorata nella sua preghiera ch’io ne pinsi, non visto, il bel sembiante“. Das Recondita kommt entsprechend fabelhaft über die Lippen Herrn Grigòlos und erntet zu Recht zahlreiche Bravi.

Wenn dieser Cavaradossi also mehrere Frauen liebt, welche hat dann die Priorität? Verschreibt sich Cavaradaossi der Hilfe Angelottis wegen seiner Weltanschauung und riskiert sein Leben, um für Freiheit und Gerechtigkeit einzutreten? Oder entschließt er sich dazu, um über Angelotti näher an seine Schwester, die Attavanti zu gelangen? Wenn wir genau hinschauen, bemerken wir, daß durchaus nicht alles ideal zwischen Tosca und Cavaradossi ist: “È buona la mia Tosca, ma, credente al confessor, nulla tiene celato, ond’io mi tacqui. È cosa più prudente.” Cavaradossi ein Schürzenjäger? Möglich. An diesem Abend sind wir uns darüber genauso sicher wie die Tatsache, dass Cavaradossi durchaus stur ist, wie der zweite Akt ja bekanntlich zeigt. Um keinen Preis will dieser Angelotti an Scarpia verraten, auch nicht durch Folter. Auch hier leistet Herr Grigòlo Großartiges, denn im zweiten Akt erleben wir eine Transformation dieses Cavaradossis, in gewisser Weise auch eine Art des Erwachsenwerdens dieses jungen Malers, er reift durch die Erfahrung der Folter und des Widerstandes. Noch brillanter als das Recondita im ersten Akt schmettert Herr Grigòlo dann auch das Vittoria Baron Scarpia entgegen. Triumphierend, trotzig, hämisch, siegesgewiss und alles übertönend – das sitzt und reißt uns vollumfänglich von den Beinen. Ist das der Punkt, wo der Schürzenjäger Mario zum reifen Mann Cavaradossi wird?

Im dritten Akt sehen wir dann auch einen ganz anderen Mario, der erkennt, daß nur eine Frau wirklich eine Rolle spielt in seinem Leben, denn diese ist es, die ihn bedingungslos liebt und alles für ihn gibt: Floria Tosca! Vergessen sind die blauen Augen der Attavanti und vor seinen Augen zieht im Anblick der Sterne jener Moment vorbei, an dem er sich schon vor langer Zeit der Tosca verschrieben hat, ohne es damals selbst zu realisieren: E lucevan le stelle…

Herr Grigòlo ist durch und durch echt, authentisch und der wahrscheinlich beste Cavaradossi, denn wir bislang erleben durften. Das Publikum feiert auch dieses Auftritt mit Jubel, wir stimmen mit ein: Bravo, bravissimo – Vittoria Vittorio Grigòlo!

Tosca liebt Cavaradossi. Dieser weiß gar nicht, wen er wirklich liebt, am Ende aber doch definitiv Tosca. Und wen liebt Scarpia? Nur sich selbst und die eigene Macht! Die Art und Weise, wie sich dieser Charakter an seiner eigenen Macht ergötzt, ja sich regelrecht daran aufgeilt, ist schon ein Meisterstück der Charakterzeichnung und immer wieder beeindruckend, wenn sie gekonnt auf die Bühne gebracht wird. Roman Burdenko gelingt genau das und die Widerwärtigkeit des Scarpia wird in voller Breitseite, stimmlich gewaltig und mit einem Te deum der Extraklasse dargestellt. Einfach eine Wucht!

Herrn Burdenko gelingt darüber hinaus noch etwas Weiteres ins einer wirklich brillanten Charakterführung, was uns erstmal an diesem Abend so richtig bewußt wird: So verachtenswert Scarpia auch dargestellt ist, ist Angelotti ihm doch unglaublich ähnlicher als man denkt. Auch dieser liebt die Macht, ist immer noch seiner Funktion als Konsul der römischen Republik verhaftet. Wie würde es sein, wenn Napoleon nach seinem Sieg Rom säubert? Würde auch Scarpia in der Engelsburg eingekerkert sein? Selbstmord begehen? Wie sehr hat er sich vom Leben und der Liebe abgewandt? Will er Tosca deshalb besitzen, damit ihm die Liebe nicht gefährlich werden kann? „Bramo. La cosa bramata perseguo, me ne sazio e via la getto. Volto a nuova esca.“ Nein, diesen Scarpia treibt nicht nur das Begehren an. Er ist so hoffnungslos in Tosca verliebt, daß er es gar nicht bemerkt. Scarpias Besessenheit führt in dazu, Fehler zu begehen, welche ihm schließlich das Leben kosten. Bravo, bravissimo Roman Burdenko!

Und dann gibt es da noch einen weiteren Darsteller an diesem Abend, der diese Tosca so unvergesslich macht: Den Deutschen Klang!
Da ist er also wieder und noch etwas deutlicher, können wir ihn heute spüren, ja greifen. Mit sorgfältiger Präzision zerteilt das Orchester der Deutschen Oper fein säuberlich Puccinis Musik, um sie auf Hochglanz zu polieren und in einem atemberaubenden Klangerlebnis wieder zusammenzusetzen. Hier hören wir jeden einzelnen Ton in atemberaubender Klarheit, spüren jeden Trommelschlag in endloser Tiefe, erleben jeden Strich der Geigen durch alle Poren des Körpers. Noch unterstützt von der atemberaubenden Akustik des Hauses ist das unverkennbar, welche Meister hier gewirkt haben und diesen einzigartigen Klang geschaffen haben, den Puccini bei Tosca noch mehr braucht als vielleicht bei all seinen anderen Werken. Valerio Galli gelingt es mit seinem Dirigat dabei jene italienische Lebendigkeit hineinzubringen, die aus diesem Erlebnis schließlich eine wirklich ideale Tosca machen. Daß Maestro Galli eingesprungen ist, will man gar nicht glauben, hier ist einfach alles so natürlich, als könne es gar nicht sein und wäre es schon immer so gewesen. Bravo, bravissimo Maestro Galli, bravi, bravissmi an des Orchester der Deutschen Oper und sowieso bravi, bravissimi an alle Beteiligten dieses Abends.

Eric A. Leuer

 

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