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BERLIN/ Deutsche Oper/Staatsballett: LA SYLPHIDE mit Polina Semionova

04.03.2019 | Ballett/Tanz


La Sylphide mit Polina Semionova und Alejandro Virelles, Foto Yan Revazov 

Berlin / Staatsballett Berlin: „LA SYLPHIDE“ mit Polina Semionova, 03.03.2019

Ja, so kann’s kommen. Bei der Premiere von „La Sylphide“ am 1. März in der Deutschen Oper Berlin war ich nicht daheim. Habe ich etwas verpasst? Bei dieser sollte eigentlich ein „Neuer“ die männliche Hauptrolle – den schottischen Landjunker James – tanzen: der vorab als Ballett-Star hoch gelobte  Daniil Simkin, seit dieser Spielzeit Erster Solotänzer beim Staatsballett Berlin.

Wohl speziell für ihn wurde als Sylphide die zierliche Russin Maria Kochetkova als Gast engagiert, denn Berlins Star-Ballerina und „Principal Guest“ Polina Semionova ist für Simkin zu groß. Der aber hat sich verletzt, und so übernahm Berlins Kammertänzer Marian Walter, der erst am 26. April als James starten sollte, diese Partie schon bei der Premiere. Indessen hofft Simkin, noch einige der folgenden Termine wahrnehmen zu können.

Am 03.03 ist nun planmäßig ein anderes Paar an der Reihe: Polina Semionova mit ihrem neuen Partner, dem Kubaner Alejandro Virelles. Die beiden sind, was Perfektion und Ausdruck betrifft, bereits das neue Traumpaar. Wie gut sie harmonieren, haben sie schon in „Schwanensee“, in „La Bayadère“ sowie in „Romeo und Julia“ bewiesen.

Mit diesen beiden Top-Tänzern wird die zweite Aufführung von „La Sylphide“ zu einem Glückstreffer. Auch die übrigen Hauptpartien sind anders als bei der Premiere, aber sehr überzeugend besetzt. Alle Beteiligten führen diese hochromantische Choreographie von August Bournonville aus dem Jahr 1836 zum Erfolg, und zwar in der Rekonstruktion durch Frank Andersen, lange Zeit künstlerischer Leiter des Königlich Dänischen Balletts.

„August Bournonville, selbst ein phantastischer Tänzer, zugleich Ballettmeister und Choreograph, der seine Profession in Paris gelernt hatte, legte den Grundstein für einen eigenen Ballettstil, der bis heute im Prinzip unverändert an der Königlich Dänischen Ballettschule gelehrt wird. Neben der Entwicklung einer stupenden Technik geht es dabei zugleich um die Intensität der künstlerischen Darstellung“, informiert das Staatsballett Berlin.

„La Sylphide“ hatte Bournonville speziell für seine Tochter, ebenfalls eine Tänzerin, geschaffen, doch bald wurde dieses zauberhafte Ballett vielerorts aufgeführt. Seine Ideen machten Schule. Die außerirdischen Sylphiden in ihren weißen Feengewändern fanden ihre Fortsetzung in „Giselle“ (1841) und auch in den weißen Schwänen von „Schwanensee“, uraufgeführt 1877.

Andersen studiert den Zweiakter „La Sylphide“, diesen Prototyp des weißen Balletts, inzwischen weltweit ein. In Berlin hat er es – zusammen mit Eva Kloborg und Anne Marie Vessel Schlüter – relativ schlicht getan und erzählt ohne unnötige Umschweife diese Geschichte. Auch fügt er angenehmerweise keine Tanznummern hinzu, um das netto einstündige Stück in die Länge zu ziehen.  

Zu Beginn sehen wir James (Alejandro Virelles) schlafend im Sessel im Saal seines Herrenhauses. Es ist sein Hochzeitstag, doch er gibt sich seinen Träumen und Sehnsüchten hin. Eigentlich liebt er seine Verlobte Effie, und die ist in Gestalt von Alizée Sicre nicht nur ein ganz entzückendes Mädchen.

Diese junge Frau aus dem Ensemble zeigt sich auch als fitte und ausdrucksfreudige Tänzerin, der bald ein Hinaufklettern in höhere Ränge zu wünschen ist. Die Liebe zu James glaubt man/frau ihr genau so wie das Entsetzen über sein schockierendes Verhalten am Hochzeitstag.  

Denn für James gibt es plötzlich eine noch Schönere und Geheimnisvollere: Polina Semionova als Sylphide. Schwebend leicht, neugierig und mit leuchtenden Augen umtanzt und verzaubert sie den schlafenden James. Sie hat sich in ihn verliebt und er, als er erwacht, verliebt sich sofort in sie.

Nun hat er nichts anderes im Sinn hat, als sie einzufangen. Doch mit geschwinden Körperdrehungen entzieht sie sich stets seinen Händen. Als Waldfee darf sie keinem Mann gehören, und der Kummer darüber ist ihr ebenfalls deutlich anzumerken. Sie entschwebt durch den Kamin.

Nach diesem Ausflug ins Außerirdische muss James zurück zu den bereits feiernden Hochzeitsgästen. Beim lebhaften Tanz von James und Effie mit der Compagnie fliegen die vielfarbigen Schottenröcke (Bühne / Kostüme: Marie i Dali). Ein munteres Kontrastprogramm zu der ebenso munteren Musik von Herman Severin Løvenskjold, mit der Dirigent Henrik Vagn Christensen und das Orchester der Deutschen Oper Berlin für ausgelassene Stimmung sorgen.

Nur einer ist traurig, Effies Freund Gurn (Olaf Kollmannsberger). Der liebt sie wirklich und möchte sie heiraten, doch James’ resolute Mutter (Elena Pris) duldet ihn nicht in Effies Nähe. Da er keine Partnerin hat, muss er mit einem kleinen Mädchen tanzen. Sofia Zubkova von der Staatlichen Ballettschule Berlin macht das gekonnt und mit sichtlichem Vergnügen. Für diese vergnügliche Tanzerei gibt es den ersten Zwischenbeifall.

Auch die Hexe Madge erscheint zum Fest und lässt sich von James nicht wegscheuchen. An diesem Abend ist die Rolle mit einem Mann besetzt, mit dem ausdrucksstarken Tänzer  Arshak Ghalumyan, was sich als gute Idee erweist. Der/ die weissagt der Effie, dass sie nicht James heiraten wird, was alle entsetzt, und tut das Seine /Ihre, dass dieses genau so geschieht. Eigentlich ist Ghalumyan derjenige, der auf Seiten von Gurn steht, der ihm zur richtigen Frau und ihr etwas wider Willen zum passenden Mann verhilft.

James’ sonderbares Verhalten kommt dem Hexenmeister entgegen. Gerade als James der Effie den Hochzeitsring an den Finger stecken will, schwebt die Sylphide durch den Raum und stiebitzt den Ring. James lässt seine Braut stehen und rennt ihr nach in den Wald. Ein Schock für alle. Tatsächlich muss Alejandro Virelles in dieser Inszenierung viel rennen. Er macht es locker und leichtfüßig, brilliert dann später mit exakter Beinarbeit und gekonnter Sprungtechnik. Seit seinem ersten Auftritt in Berlin hat er in seinen Leistungen noch zugelegt.

Der zweite Akt spielt im Wald, charakterisiert durch ein hochromantisches Bühnenbild. Hier vergiftet nun der Hexenmeister über einem großen dampfenden Topf einen Schleier, mit dem James die stets flüchtige Sylphide einfangen soll. Doch zwischen den plötzlich vielen umhertanzenden Sylphiden, sucht er die Seine zunächst vergeblich.

Wie eine Königin schwebt dann seine Angebetete über die Bühne. Nach einer einzigen Berührung wirft er den Schleier, nichts ahnend von dessen Vergiftung, über sie. Sie, ihrer Freiheit beraubt, wankt und bricht sterbend zusammen. Ergreifend tanzt Polina das Ende dieser Sylphide. Entsetzt und voller Reue taumelt nun auch James und bricht ebenfalls zusammen. Währenddessen heiratet Effie bereits den Jugendfreund Gurn. Das reale Leben siegt.

Anschließend herzlicher Beifall, Gekiekse und einige Bravi vor allem für Polina Semionova und Alejandro Virelles. An den vehementen Jubel für die modernen Tanzstücke, die das Staatsballett endlich ebenso bietet, hat dieser Applaus jedoch nicht herangereicht. Wollen viele Besucher doch etwas, das eher in die heutige Zeit passt?  

Ursula Wiegand

Weitere Termine in unterschiedlicher Besetzung: 12.03., 22.03., 04.04., 20.04., 26.04. 26.05. und 31.05.

 

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