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BERLIN/ Deutsche Oper: OCEANE von Detlev Glanert

03.05.2019 | Oper


Nikolai Schukoff, Maria Bengtsson, Albert Pesendorfer. Foto: Bernd Uhlig

Berlin/ Deutsche Oper: „OCEANE“ von Detlev Glanert, 2. Aufführung, 03.05.2019

Eine Stimme erklingt, ein ferner, engelsgleicher Gesang ohne Worte. Auf den noch geschlossenen Vorhang wirft ein Video (von Robert Pflanz) das Gesicht einer Frau, mal verschwommen, mal klarer. Der Ostseewind weht in ihren blonden Haaren.

Der Chor gesellt sich ebenso wortlos zu diesem klaren Sopran von Maria Bengtsson und wird allmählich stärker, scheint schon einen Sturm anzukündigen. Ein poetischer Beginn der von Detlev Glanert (geb. 1960) komponierten Theodor-Fontane-Oper „Oceane“ in der Deutschen Oper Berlin, vom Chefdirigenten Donald Runnicles, zusammen mit dem Orchester des Hauses in dieser Szene feinfühlig musiziert.

Ein Textfragment Fontanes hatte Glanert animiert, daraus eine Oper zu machen. Schon jahrelang beschäftigte er sich damit, auch in Form anderer Kompositionen. Ein Schnellschuss zu Fontanes 200. Geburtstag, der nun vielerorts begangen wird, ist „Oceane“ also nicht, aber sicherlich ein Höhepunkt inmitten der zahlreichen Veranstaltungen. Am 28. April 2019 wurde „Oceane“ im Haus an der Bismarckstraße uraufgeführt. Aus Termingründen erlebe ich die zweite Vorstellung.

Als sich der Vorhang öffnet, fällt der Blick in ein heruntergekommenes Hotel am Ostseestrand (Bühne: Luis F. Carvalho). Die Eignerin Madame Louise, jahrelang eine Powerfrau, ist durch Arbeit und Geldmangel ermüdet. Während der Kellner Georg – Stephen Bronk mit kräftigem Bass-Bariton – alle Mängel des einst schicken Hotels schonungslos aufzählt, hofft sie noch immer auf einen Kredit in letzter Minute.


Doris Soffel,  Maria Bengtsson, Albert Pesendorfer. Foto: Bernd Uhlig

Madame Luise – Doris Soffel mit Wagner-gestähltem Mezzo – hat selbst auch schon bessere Tage erlebt – in ihrer Jugend in Paris mit zahlreichen Liebschaften. An der Ostsee hat sie, ein Single, dann dieses Hotel gekauft, hat hart gearbeitet, sich dort wohl gefühlt und eine neue Heimat gefunden.

Nun weiß sie, dass das bevorstehende Sommerfest das letzte Ereignis in ihrem Hotel sein wird, falls nicht ein Wunder geschieht. Das erhofft sie sich von der rätselhaften Oceane van Parceval, die hier ein Zimmer gemietet hat und ihren kostbaren Schmuck achtlos herumliegen lässt.

Die Kellner, die nun geschwind Speisen und Getränke auf die Tische stellen, kommen ebenso bekannt vor, wie die ans Buffet drängende Gästeschar, die Sommerfrischler jener Zeit, die nach wochenlangem Ostseeurlaub hier ihr Abschiedsfest feiern. Der bekannte kanadische Regisseur Robert Carsen schafft in diesen Szenen (mit Komparsen und den von Jeremy Bines einstudiertem Chor) sehr realistische, anfangs erheiternde, später auch erschütternde, zum Geschehen passende Bilder.

Unterstützt wird er darin von Dorothea Katzer, die für die Kostüme zuständig ist. Wie damals üblich, sind die Gäste selbst beim Sommerfest dezent grau oder schwarz gekleidet.  Dagegen erscheint Oceane van Parceval in einem weißen perlenbestickten Sommerdress und wird sogleich der strahlende Stern unter all’ den grauschwarzen „Mäusen“.  Mit perfektem Gesang in allen Tonhöhen und ihrer Schauspielkunst ist sie die Idealbesetzung und trägt bis zum Schluss die gesamte Oper. 

Ihr edles Kleid erweckt große Verwunderung, doch Pastor Baltzer, der zunächst zum Genuss der guten Gottesgaben aufruft, schürt sofort Neid und Misstrauen, um bald das Volk gnadenlos gegen die Fremde aufzuhetzen.

Anlass ist ihr wilder, enthemmter Tanz, der alle schockiert. (Auch das macht Maria Bengtsson bewundernswert). Der Bass Albert Pesendorfer als religiöser Fundamentalist gerät in Fahrt, und überzeugt mit Stimme und Körperpräsenz. Die empörte Menschenmenge verfolgt die  erschreckt Flüchtenden (!), das Sommerfest ist geplatzt.

Einer hat sich sofort in die schöne Oceane verliebt: der Adlige Martin von Dircksen. Mit warmem, angenehm kräftigem Tenor legt Nikolai Schukoff  der schönen Fremden bald sein Herz und seinen gesamten Besitz zu Füßen. Der hält auch nach diesem „Sommerfest-Skandal“ zu ihr. Glanert unterstreicht das mit sanften Klängen.

Als er seine Liebe körperlich beweisen will, stößt Oceane ihn zurück. Allein am Strand geblieben, wünscht sie sich ein Messer. „Ich schneide mich aus diesem Bild“, singt sie. Klar hat sie erkannt, dass sie nicht zu diesen Menschen passt. Die aus der kühlen Ostsee stammende Meeresfrau ist keine Schaum geborene Liebesgöttin Aphrodite, die angeblich einst dem sommerlich warmen Mittelmeer entstieg. Oceane kann nicht lieben und auch nicht einen jungen toten Fischer betrauern.

Beim letzten Strandpicknick kommt wieder Hoffnung auf. Eigentlich will Oceane nicht einsam sein, sehnt sich nach den Menschen. Plötzlich fällt sie Martin um den Hals, empfindet dabei aber gar nichts. Der aber kündet sogleich begeistert seine Verlobung an, schwärmt sehr von Oceane als Mutter seiner Kinder.

Das andere Paar in den Dünen, die kesse Kristine (Nicole Haslett!!), die sich schnell Martins Freund Dr. Felgentreu (Christoph Pohl) geangelt hat, macht sofort mit der eigenen Verlobung mit.  Beide Paare eilen ins Hotel und Madame Luise lässt den erneut gekommenen Gästen den letzten Champagner servieren.

Der „Gottesmann“ zieht nun alle Register, singt donnernd von künftiger Teufelsbrut in Oceanes Leib und warnt das Volk vor dieser Unglück bringenden Hexe. Die Aufgeputschten hetzen Oceane erneut, in dem Durcheinander versucht Madame Luise noch, ihr eine Kreditzusage fürs Hotel abzuringen. Nur der alte Kellner Georg sieht in ihr den unschuldig leidenden Menschen.

Die einen Sturm ankündenden Wellen (Video) schäumen nun genauso auf wie die Musik. In ihr Element kehrt jetzt Oceane leer und glücklich zurück. Das wird nicht gezeigt. Wie am Anfang ist nur der leiser werdende Gesang der Ertrinkenden zu hören.

Mit ihrem Abschiedsbrief in der Hand steht schließlich Martin allein am Strand, Auch sein Freund hat sich von ihm abgewendet. Der warme Sommer ist vorbei, nun drohen Winter und Tod. – „Oceane“ ist keine Sommeroper, aber – nach Zemlinkys „Zwerg“ – ein weiterer Gewinn für die Deutsche Oper Berlin und ihr Publikum.

Das bejubelt alle Beteiligten und feiert vor allem die großartige Maria Bengtsson und fast ebenso Doris Soffel.

Weitere Termine am 15., 17. und 24. Mai.  

Ursula Wiegand

 

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