BERLIN / Deutsche Oper GIULIO CESARE IN EGITTO – Premiere; 25.4.2026
Ein Fest der Stimmen: Übernahme der legendären Produktion des Glyndebourne Festivals 2005 in der Regie von David McVicar

Foto: Nancy Jesse
Händel-Traum an der Bismarckstrasse! Wer hätte das gedacht? Die Deutsche Oper Berlin programmiert Händels bestes Stück, nämlich „Giulio Cesare in Egitto“ in einer nicht mehr taufrischen, dafür nach wie vor funktionierenden, keck das Streben nach Macht, Erotikspielchen und Opportunismus ironisierenden Inszenierung. Und siehe da, das für Schweres bis Superschweres aus dem deutschen und italienischen romantischen bis spätromantischen Fach und moderat Zeitgenössisches spezialisierte Haus fährt einen riesigen Publikumserfolg ein.
Der britische Regisseur David McVicar, bekannt für seine in den Beziehungen und Konstellationen der handelnden Charaktere untereinander präzisen, ästhetisch stets ansprechenden Arbeiten, hat sich für Glyndebournes Sommersaison 2005 für Händels Politcomedy „Giulio Cesare in Egitto“ ein barocke Maschinerien und Kulissen nutzendes, modern aufgepepptes Setting einfallen lassen. Er verlegte die Handlung von antiken römischen Stätten ins koloniale Ägypten des 19. Jahrhunderts.
Das Wichtigste: McVicar gelang es, mittels einer ausgetüftelten Personen- und humorvollen Bewegungsregie samt Bollywood-Tanzschrägem sowie slapstickartig ausinszenierten Arien das mit Lohengrin-Länge uferlose Dramma per musica auf ein Libretto des tapferen Nicola Francesco Haym mit seinen so glänzend schönen da capo Arien und wenigen Ensembles unterhaltsam-frech abschnurren zu lassen. Dabei gestalteten sich die meisten Szenen als harmlos, ausgenommen die sadistisch-grauslichen Zumutungen der Pompeo Mörder Tolomeo und Achilla, die beide der Witwe Cornelia hinterher, deren trauernden Stolz negierend sich an der Wehrlosigkeit der Gefangenen weideten, überwog darstellerisch Komödiantisches.
Aber genug der Inszenierung, die vielen altbekannt ist und per Streaming (Glyndebourne Encore) bzw. auf Konserve (Georg Friedrich Händel: 3 Gesamtaufnahmen aus Glyndebourne: Rinaldo, Giulio Cesare, Saul auf 5 DVDs, Opus Arte) jederzeit angeschaut werden kann.
Musikalisch ist von einer ganz wunderbar ausgehorchten Interpretation durch Dirigent, Orchester und Solisten zu berichten. Gespielt, wurde nämlich nicht mit einem Barock-Spezialensemble, sondern gescheiterweise mit dem auf modernen Instrumenten aufgeigenden Orchester des Hauses. Freilich verstärkt durch Laute, Theorbe, Viola da Gamba, Cembalo und Blockflöten, ist für den barocken Swing und Sound ja nicht nur ein historisches Instrumentarium maßgeblich, sondern Artikulation, Dynamik, Phrasierung und Strichtechniken.
Um diese letztlich an Emotionen orientierten Praktiken mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin zu erarbeiten, hat man sich den italienischen Spezialisten Alessandro Quarta ans Haus geholt. Gut getan. Denn Quarta wusste offenbar, die Musiker und Musikerinnen des Orchesters gehörig zu motivieren, die vielgestaltigen Affekte zum Vibrieren zu bringen sowie den Draht zwischen Bühne und dem diesmal erheblich höher gelegenen Graben glühen zu lassen.
Außerdem steht für die sieben Aufführungen („Giulio Cesare“ steht noch am 28.4., 1.5., 3.5., 10.5., 5.7. und 8.7. auf dem Programm) ein spielfreudiges und den Charakteren des Stücks entsprechend vokal passgenau gecastetes Ensemble zur Verfügung.
Allen voran die russische Sopranistin Elena Tsallagova, die mit ihrem Charisma, ihren Tanzkünsten als ausgebildete Ballerina und mit ihrer in allen Lagen sattelfesten wie golddurchwirkten Stimme der Opern-Cleopatra zu glitzerndem Glamour verhalf. Unterstützt von den nach wie vor filmreifen Kostümen der Brigitte Reiffenstuel zeichnete Tsallagova ein vielschichtiges Porträt der pragmatisch machthungrigen, verführerischen, am Ende wirklich liebesfähigen Frau. Dass Tsallagova sowohl die langen Legatobögen des Händel-Hits „Piangero la sorte mia“ als auch die raschesten Verzierungen und Koloraturen (z.B. in „Da tempeste il legno infranto“) mit phänomenaler Bravour servierte und noch dazu schauspielerisch brillierte, wie es nur wenige auf der Opernbühne zustande bringen, war mehr als erfreulich und bescherte mir den gewissen „Dessay-Moment.“ Den gab es beim Debüt der jungen französischen Koloratursopranistin an der Wiener Staatsoper als Olympia in Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ am 20.12.1993. Mit ihrer stupenden Leistung avancierte sie über Nacht zum Superstar. Auch für Tsallagova gilt: Die richtige Rolle zur richtigen Zeit.

Foto: Nancy Jesse
Ihr zuerst politisch im Machtkampf um den Thron gegen ihren dekadenten Bruder Tolomeo als Cleopatras Hofdame Lidia opportunistisch angeschmachteter sowie später realo angebeteter Cesare wurde von dem mittlerweile auf die Rolle abonnierten französischen Countertenor Christophe Dumaux verkörpert. Dumaux, lange Zeit weltweit als Tolomeo besetzt, bringt für die Rolle des verliebten Feldherrn und römischen Kaisers genügend Metall und Fokus in der nicht sonderlich farbenreichen Stimme mit. Was aber wirklich irre ist, mit welch technischer Vollendung Dumaux die gefährlichsten Klippen der Partitur in stupender Agilität und dynamischer Feinjustierung absolviert. Ein sängerisches Ereignis, insbesondere in der von der Solovioline begleiteten, witzig als Duett der Eitelkeiten inszenierten Vogelgezwitscher-Arie „Se in fiorito ameno prato“.
Cleopatras verhaltensorigineller Bruder Tolomeo wurde vom kanadischen Countertenor Cameron Shahbazi in aller schwindelerregenden Exzentrik und grellen Verrücktheit ganz und gar köstlich dargestellt und mit warmem farbenreichem Tenor porträtiert. Wunderbar, wie Shahbazi als königliche Karikatur hüftschwingend mit dem Gewehr fuchtelte, hysterisch lachend seine zynischen Absichten untermalte, bis er den eigenen Intrigen und der Untreue Sinem Untergebenen Achilla gegenüber zum Opfer fiel.
Die Rolle des Pompeo Mörders und Tolomeo Beraters Achilla wiederum wurde vom US-amerikanischen Bassbariton Michael Sumuel mit mächtigen vokalen Mitteln und beeindruckender Bühnenpräsenz erfüllt. Der in die schöne Cornelia Verliebte schlägt seinem Chef einen Deal vor: Er tötet Giulio Cesare; dafür bekommt er die Pompeo Witwe. Wie wir aber wissen, ist auf politische Deals nicht immer Verlass. Also bekommt Achilla Cornelia nicht, wechselt die Seiten und übergibt sterbend ein Siegel mit Befehlsgewalt über Tolomeos Truppen an Sesto.
Dieser um den Vater gebrachte Sohn des Pompeo wurde von der italienischen, jugendlich hellsamtleuchtend timbrierten Mezzosopranistin Martina Baroni ganz großartig und berührend gesungen. Wir gehen mit dem Dirigenten Alessandro Quarta konform, der auf die Frage nach der Lieblingsarie auf das „fremere“, d.h. das spezielle „seelische Kribbeln“ der Sesto-Solonummern verweist.
Seine Mutter Cornelia, Hauptbetrogene und Tragödin im Drama, wurde von der Britin Stephanie Wake-Edwards mit kontraaltsatter Tiefe und betörenden Rubens-Klangfarben charakterisiert. Besonders packend und zu Herzen gehend gelang das Duett mit Sesto an Ende des ersten Akts „Son nata a lagrimar“.
Nicht nur der Vollständigkeit halber ist der nur mit einer Arie vertretene Diener der Cleopatra Nireno des hinreißend agierenden chilenischen Countertenors Edu Rojas zu nennen. Er kann zwar nicht auf eine voluminös auffallende Stimme bauen, überzeugte jedoch durch schauspielerischen Charme und ein beherztes Rollenprofil. Was die enthusiastische Publikumszustimmung anlangte, kann der junge Mann zweifelsohne auf einen persönlichen Triumph verweisen.
Was sonst noch wichtig scheint: Die Aufführung hat, was ich so rechts und links von mir bzw. in der Pause erlauscht habe und auch selber meine, in ihrer musikalischen Qualität und der britisch humorigen Gangart der Inszenierung gefallen und wurde einhellig mit Begeisterung angenommen. Der Regisseur samt im Programmheft aufgeführten Leading Team zeigte sich nicht.
Macht auch nix. „Giulio Cesare in Egitto“ wurde mehrerer Umbesetzungen (Dirigent, Giulio Cesare, Cornelia) zum Trotz sängerisch fantastisch, atmosphärisch dicht, werkgetreu, ästhetisch top und handlungsstringent geboten. Was will das oftmals regiegeplagte Opernherz mehr?
Dr. Ingobert Waltenberger

