BERLIN / Deutsche Oper EIN SOMMERNACHTSTRAUM – fünfte Vorstellung der Wiederaufnahme des Balletts von Edward Clug nach William Shakespeare, Musik von Milko Lazar; 1.7.2026
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Foto: Yan Revazov (aus der Premiere)
Das Beste, was Sie derzeit in Berlin sehen können! Fiona McGee, Martin ten Kortenaar und Polina Semionova an der Spitze eines tänzerisch und szenisch atemberaubend schönen Theaterabends
Laue Sommernächte, Feen, Elfen, Trolle und sonstige Waldgeister, Grillengezirpe. Paare huschen im dämmrigen Grün. Die Fantasie schweift von tropischer Luft umwoben ins schwül Erotische, in den Traum, märchenhaft und grotesk zugleich. Shakespeare wusste aus dem satirischen Götter-, Feen- und Liebesreigen ein Welttheater zu bauen rund um die Fragen: Was oder wen begehren wir? Sind wir in unserer Wahl frei oder gesellschaftlich gefesselt? Treffen die Richtigen aufeinander? Ist die Liebe eine leicht dahin schwebende Feder, unbeständig und launisch, die mal da, mal dort landet? Vielleicht aber eine gar ernste Angelegenheit, die Kummer schafft? Oder ist doch sowieso alles Erleben nur ein kurz aufblitzender flüchtiger Schein, eine lächerliche Komödie? Theater um des Theaters willen?
Das seit 2008 gerne kooperierende Duo Edward Clug, Ballettdirektor des Slowenischen Nationaltheaters Maribor, von dem Konzept, Libretto und Choreographie der am 21.2.2025 uraufgeführten Produktion stammen und sein bevorzugter Komponist, Milko Lazar, kreierte mit dem narrativen Ballett „Ein Sommernachtstraum“ eine großartig poetische, mit surrealen Fantastereien und hinreißenden Slapstick-Szenen das Publikum zum Jauchzen ermunternde Aktion. Dazu trugen märchenhafte Bilder, fantasievolle Kostüme/Trikots im (Farben)Rausch einer das Selbst in Beziehung zum ersehnten Vis a vis variantenreich durchdeklinierenden Abend bei.
Der Dreiklang, aus dem sich die traumumwobene und zugleich so humorvolle Auseinandersetzung Edward Clugs mit Shakespeares zeitlosem Stoff rund um Chaos und Ordnung, Irrationalität und Unbeständigkeit der Liebe, dem Streben nach Harmonie, der sich aber auch aus dem elisabethanischen Volksglauben an das Übernatürliche speist, sind modernes Bewegungstheater, Musik und Kostüme/Licht. Als Bühnenbild reichen Felsen, als Requisiten ein Surfbrett und ein Massagetisch. Auch eine kleine Alptraumvision mit einer Gottesanbeterin, die sich anschickt, den armen Handwerker-Schauspieler Nick Bottom zu verspeisen, bringt Pfeffer in den Abend.
Choreografisch schuf Clug eine ganz spezifische Körpersprache mit zahlreichen „Unterdialekten“. Tänzerisch klassische Tradition mischte und mixte er mit insektenartig eckigen Bewegungen von Humanoiden, fernöstliche Techniken mit puppenmaschinen- bis roboterähnlichen Science-Fiction-Aufmärschen. Als besonderes Markenzeichen bedient sich Clug, die Arme und Hände spannungsreich ausgestreckt, einer gestisch skulptural wirkenden Expressivität. Aber auch Elemente der Pantomime, des Stummfilms (köstlich und schrill witzig, wie die Handwerker „Pyramus und Thisbe“ mit englischsprachigen Übertiteln proben) bis revuehaften Corps de Ballett Großnummern á la „César Paris“ fehlen nicht, um die spektakuläre Produktion als Gesamtkunstwerk zu vollenden.
Denn von einem solchen kann schon prozessual gesprochen werden. Wenn da Edward Clug, Milko Lazar und der überaus geniale Kostümbildner Leo Kulaš im slowenischen Karst beieinander hocken, kann man sicher sein, dass was kreativ Einzigartiges dabei herauskommt. Da gehen die interdisziplinäre Erkundung von Musik, Tanz und Optik Hand in Hand. Lazar schlägt Klänge, Rhythmen und musikalisch filmisch Atmosphärisches vor, während Clug mosaikartig sein choreografisches Szenario entwickelt, stofflich bis ins Letzte durchdacht und in Improvisationen theatralisch auf den Punkt gebracht.
Dem Pianisten, Saxophonisten und Komponisten Milko Lazar ist eine Partitur geglückt, die mit erstklassigen Ballettmusiken des 19. oder 20. Jahrhunderts locker mithalten kann. Natürlich knüpft er eklektisch geschickt an historische Vorlagen an. Lazar zeigt ganz offen, dass er Bach und Stravinsky, Khachaturian und Prokofiev, Minimal Music und elektronischen Sound kann und daraus spielerisch was Neues schöpfen kann.

Foto: Yan Revazov (aus der Premiere)
Die charaktervollen, sich zankenden, zwischendurch sich verlierenden und wieder aussöhnenden Figuren aus dem frühen 16./17. Jahrhundert mit ihren Spleens, imaginierten Projektionen, ihren liebenswerten Schwächen und lebensfrohen Stärken finden so auch im Heute ihre Entsprechung, ihre Spiegelbilder. Kein Wunder, dass dank Edward Clug und der sensationellen Truppe des Staatsballetts Berlin im ausverkauften Haus so viele junge Gesichter zu sehen sind wie sonst nie. Dabei vertraut Clug auf die Persönlichkeiten und Charaktere der Kompanie und generiert so haarscharf gezeichnete Typen, die sich ins Gedächtnis prägen.
Der berauschenden Magie der Shakespeare’schen Vorlage samt quick wandelbaren Emotionen auf allen „hierarchischen“ Ebenen entsprechen die zauberhaften Begegnungen, quick und flüchtig, am Ende treu Gefühlen und Neigungen folgend. Identitäten fließen und transformieren sich dabei ebenso wie Trugbilder, die ihren Platz in der realen Welt suchen.
Was machen mutige junge Leute, wenn ihnen „von oben“ (Hermias Vater Egeus – Alexej Orlenco – hat für seine Tochter an Demetrius als Gatten gedacht) ihr privates Glück verwehrt wird? Sie hauen ab. Also entfliehen Herma und Lysander (Emma Antrobus und Loïck Pireaux), um den vom Athener herzoglichen Paar Theseus und Hippolyte, das in vier Tagen während des Vollmonds heiraten will, angedrohten Tod zu entgehen, in den Wald.
Nicht wie Hänsel und Gretel, um was Essbares zu sammeln, sondern ihrer Liebe frönen zu können. Unheimlich ist es auch ohne kinderverschmausende Hexe, wenn sich das Gefolge des Königs der Elfen, Oberon und seiner gerade gar nicht friedlichen Titania ihr Stelldichein geben. Da tummeln sich Erbsenblüte, Spinnweb, Motte, Senfsamen, Hirschkäfer, Gitterwanze, Schmetterling und Libelle in sagenhaft schillernden Kostümen. Disney hätte das auch nicht besser hinbekommen. Apropos: Auf Disney+ läuft derzeit die zweite Staffel von „Rivals“, in der nicht nur die berühmte ‚Liebesszene‘ aus „Ein Sommernachstraum“, Esel-Titania für Lacher und Wirbel sorgt.
Aber da gibt’s ja noch ein zweites Paar, Helena und Demetrius (Michelle Willems und Jan Casier). Sie will, er nicht. Also greift Oberon zu einer List und beauftragt den Geist Puck (drollig, Publikumsliebling Fiona McGee), mit der Suche nach der magischen Blume. Deren zauberischer Nektar bewirkt, dass sich alle, die davon benetzt werden, sich nach Erwachen in das erstbeste Wesen, das sie erblicken, verlieben.
Der überforderte Kleine verwechselt aber Lysander mit Demetrius und so nimmt die Verwechslungskomödie ihren Lauf. Als deren Höhepunkte natürlich neben der plötzlichen Rivalität der nektarisierten Männer um Helena die plötzlich erwachte „Liebe“ der Titania zu dem eselköpfigen Nick Bottom gelten darf.
Oberon merkt rasch, was da alles aus dem Ufer gelaufen ist und organisiert einen dichten Nebel, aus dem heraus sich alles lichten soll. Entzaubert sind nun Titania und Oberon, Lysander und Hermia, Demetrius und Helena alte und neue Paare. Nach den Hochzeitsglocken, die Clug wirkungsvoll als eine Parade Melkeimer wie Weihrauchgefässe schwingende Priesterschaft ablaufen lässt, dürfen die Handwerker endlich ihr skurriles „Pyramus und Thisbe“ aufführen.
Es handelt sich um eine dankbare Szene Theater im Theater, genauer die Geschichte eines Liebespaars, das wegen der Feindschaft ihrer Eltern nur durch einen Spalt in einer Wand miteinander kommunizieren darf. Löwe und ein blutgetränkter Schleier sorgen in der Originalvorlage nach Ovids Metamorphosen für einen tragischen Ausgang, der dank Shakespeare und Clugs großartig humoristischer Adaption zu einer vergnüglich schrägen Farce mutiert. Am Ende ist auch der spitzohrige Puck mit der endlich herrschenden Harmonie glücklich.
Besonders zu erwähnen aus dem Ensemble sind die beiden Superstars Martin ten Kortenaar und Polina Semionova in den Doppelrollen Theseus/Oberon und Hippolyta/Titania. Direkt aus dem Ballettolymp auf die Bühne der Deutschen Oper niedergestiegen, bewiesen die beiden neben tänzerischer Bravour auch ihr schauspielerisches Talent und ihre enorme Wandlungsfähigkeit.
Das Tolle an dem Abend ist nicht zuletzt, dass die gesamte Kompanie gefordert ist, sei es als Gefolge des Theseus, Bürger Athens, als Elfen des Waldes oder Hochzeitsgäste. Und sichtlich mit Riesenfreude an den gestellten Aufgaben wächst. So motiviert man ein Ensemble, so verschmilzt die Aktion auf der Bühne mit der Begeisterung eines Publikums, die an diesem Abend grenzenlos scheint. Einen Sonderauftritt hat Renée Spaltenstein als spektakuläre Gottesanbeterin.
Robert Reimer und das Orchester der Deutschen Oper Berlin setzten die wirkungsvolle, musikalisch spannende Partitur mit flirrendem Klang und bestechender Präzision um. Besonders hervorzuheben sind Klavier, Solovioline und Perkussion.
Fazit: Einer der besten und ästhetisch vollendetsten Ballettabende meines Lebens: Lyrisch poetisch zum Träumen, atmosphärisch zum Bersten packend und witzig zum Schieflachen. Tänzerische Neigung vorausgesetzt: Verpassen Sie nach Möglichkeit die weiteren Termine nicht!
Dr. Ingobert Waltenberger
Weitere Aufführungen am 7., 10. und 12. Juli

