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BERLIN / CHAMÄLEON „BELLO!“ – Die italienische Kompanie FABBRICA C mit einer poetisch-witzigen bewegungs- sprech- und musiktheatralischen Erkundung des Schönen; Premiere

20.03.2026 | Ballett/Performance

BERLIN / CHAMÄLEON „BELLO!“ – Die italienische Kompanie FABBRICA C mit einer poetisch-witzigen bewegungs- sprech- und musiktheatralischen Erkundung des Schönen; Premiere 19.3.

Bella Italia: Moderner Zirkus kreativ vielschichtig, innovativ gedeutet

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Foto:  Luca Quaia

Die Italiener kommen! Cicero sagte „dum spiro, spero“. „Solange wir atmen, dürfen wir hoffen“. Im heutigen Italien drückt das Sprichwort Finché c’è vita, c’è speranza“ (=“Solange es Leben gibt, gibt es Hoffnung“) in etwa dasselbe aus. Von genau diesem vitalen Lebensgefühl durchdrungen, präsentierte gestern zum ersten Mal eine italienische Kompanie ihre Kunst im legendären Berliner Chamäleon. Gründer und Regisseur von Fabbrica C, Francesco Sgrò, hat es in kurzen Dankesworten nach dem tosenden Schlussapplaus auf den Punkt gebracht, als er sagte: „The show is the revolutionary act of being together.“ So einfach kann ein künstlerisches Ziel gesteckt sein, so kunstfertig und berührend seine Ausführung.

Ja, Zusammensein und nicht gegeneinander, nicht eindimensional polarisieren, sondern neugierig das Wesen und die Vielgestaltigkeit im anderen erkunden, ist das Motto von „Bello!“ Nicht in schwarz-weiß Kategorien denken, sondern das Wunder der Schöpfung und des Menschseins in unendlichen Zwischentönen und fließend organischer Wandlung freudig, stets unvoreingenommen, zu begreifen.

Bello! bedient sich der Mittel der Akrobatik, des Ausdruckstanzes, der Slapstick Comedy. Dabei geht es im ersten Teil feinfühlig poetisch zur Sache, im zweiten Teil herrschen Situationskomik, Klamauk und physische Aktionen mitten im und mit dem Publikum vor.

Kleine Geschichten durchziehen locker den Abend, erzählt in englischer Sprache von der Schauspielerin Judith Shoemaker. Aber wir dürfen uns dabei keine Moderation als Art steriler Zwischentexte vorstellen. Text und Bewegung überschneiden sich, überlagern und durchdringen einander. Die Schauspielerin wird nolens volens zur Mitakteurin und ist selber mittendrin über die Wirkung von gestischen Worten, übersetzt in sehnsuchtsvolle bis virtuos akklamierte Körpersprache, verblüfft.

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Foto:  Luca Quaia

Die an dem Abend aus zwei Frauen (Camille Guichard, Natalia Koskela) und vier Männern (Francesco Gemini, Antonio Panaro, Lucas Chacon Rodriguez, Mario Kunzi) bestehende Truppe gibt sich ungeachtet ihrer italienischen Verwurzelung und künstlerischen Identität wahrlich international. Dennoch ist es eine universelle Sprache des Zueinander und Miteinander, die die „Glorreichen Sieben“ auf der Bühne so hinreißend nah mit kleinen ironischen Seitenblicken verkörpern. Das Publikum erlebt eine frohe Feier der Leichtigkeit des Seins, forsch und frech, scheinbar unangestrengt und erfindungssprudelnd.

Banale Alltagssituationen – wie Schlangestehen, Im Kaffeehaus oder Alte Filme wiedersehen – skurrile Momente in der Art von ‚Was, wäre wenn?‘, Laufstegkapriolen, knisternde Nachtcluberotik à la Toyboy werden durch Regisseur Sgrò auf ihren melancholischen bis überwiegend humorigen Urgrund in körperskulpturalen Formationen abgetastet. Dabei gleitet der lose Handlungsstrang immer mehr ins befreiende Absurde und köstliche Schrille.

Natürlich wäre es nicht Italien, wenn sich nicht auch noch das wüsteste Grimassieren, Beschimpfungen („Du siehst widerlich aus, wenn Du isst“), clowneske „Körperbesteigungen“ bzw. die ständige Suche nach Körperkontakt sich in Wohlgefallen, Lächeln und Harmonie auflösen wollten.

„Altezza mezza bellezza“ = „Größe ist die halbe Schönheit“ darf als eine der augenzwinkernden Postulate an diesem Abend gelten. Denn auch Äußerliches wird auf die Schippe genommen, persifliert und komisch verwurstet. Natürlich werden im Hintergrund in ständigen Versuchsanordnungen existenzielle Fragen wie die Bedürfnisse nach Distanz und Nähe, Zuneigung und Zugewandtheit, das Spannungsverhältnis von Gruppe zum Einzelnen oder Behutsamkeit versus Aggression erörtert.

Sgrò schafft dazu kinetisch-akrobatische Wunderkammern, er lässt Konstellationen gefrieren und taut sie wieder auf. Erhitzt die Gemüter mit der Lava des Lachens und kühlt sie behutsam wieder ab. Auf die Schnauze fliegt dabei keiner und keine.

Die ästhetische Lebensauf- und anfassung ist von essenzieller Bedeutung der Produktion. Schönheit – in all ihrer umfassenden metaphorischen Tiefe begriffen – als Elixier und Freudenspender, als Grundprinzip und Leitfaden hat schon so manches Problem relativiert.

Der Melomane erfreut sich zudem, wenn er zwischen elektronischen Sounds von Max Richter, Sato Somei, Niklas Paschburg oder Angiuli Giorgia Maria Callas als Lauretta in Giacomo Puccinis „Gianni Schichhi“ und Casta Diva aus Vincenzo Bellinis „Norma“ hört oder zu den Klängen von Pergolesis Stabat Mater (Dolorosa) bzw. Jean-Philippe Rameaus „Les Indes galantes“, ‚Forêts paisibles‘ atemberaubende Akrobatik vom Feinsten erleben darf.

Jubel und Dankbarkeit nach einem grandiosen, im Verhältnis zu den oftmaligen Ensembles aus Australien und Kanada sensitiveren multidisziplinären Abend. Respektvoll sei angemerkt, dass Regisseur und die tolle Kompanie in nur wenigen Tagen die Aufführungsdauer von 67 auf 90 Minuten ausbauen konnten. Vielleicht ist es auch ein wenig das dadurch improvisatorisch Kirschblütenduftige und Zartkecke, das den positiven Eindruck noch einmal multiplizierte. Zeitgenössischer Zirkus in seiner besten und elementarsten Form!

Gespielt wird in den Hackeschen Höfen; Rosenthaler Straße 40/41, 10178 Berlin bis 31. Mai 2026.

Nähere Informationen: chamaeleonberlin.com/de/shows/bello/

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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