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BEETHOVEN UND STRAUSS – SINFONISCHES AM KLAVIER MIT OPERNEXPERTEN STEFAN MICKISCH

05.03.2021 | cd

Beethoven und Strauss: Sinfonisches am Klavier mit Opernexperte Stefan Mickisch

Klavier-Aufnahmen mit Orchestermusik boomen im Lockdown. Da passt es, dass der kürzlich tragisch früh verstorbene Stefan Mickisch zuletzt noch Live-Mitschnitte von sechs pianistischen Vortragsabenden zu sinfonischer Musik veröffentlicht hat. Der anerkannt konkurrenzlose „Werkerklärer“, bekannt geworden mit seinen Opern-Einführungen in Bayreuth und auf der ganzen Welt, beschließt also hier sein Vermächtnis von unglaublichen 140 CDs. Zwei der neuen Doppel-Alben befassen sich mit Beethoven (die ganzen Bühnenmusiken zu Egmont und Die Geschöpfe des Prometheus sowie „Tonarten und Sternzeichen“), die vier anderen mit Tondichtungen von Richard Strauss. Don Juan und Till Eulenspiegel, Tod und Verklärung, Ein Heldenleben, Also sprach Zarathustra und als Dreingabe die Vier letzten Lieder werden jeweils zuerst vorgestellt mit einem kenntnisreichen, launig-unterhaltenden rund viertelstündigen Vortrag. Es folgen sorgsam ausgewählte Musikbeispiele am Klavier, mal offensichtlich wie die einzelnen Eulenspiegel-Streiche, mal staunen machend wie die Erläuterung einer harmonischen Wendung in den Liedern. Der dritte Abschnitt ist dann der Vortrag des ganzen Werkes am Klavier – nur das Heldenleben ist zu lang dafür, und der Zarathustra wird zweigeteilt. Hier blitzt die ganze Leidenschaft Mickischs für „seine“ Musik auf, die Partituren sind durchhörbar, farbenfroh und klangsatt. An manchen Stellen (die unendlichen Wiederholungen in der zweiten Hälfte von Tod und Verklärung!) vermisst man das Orchester, Till Eulenspiegel oder auch Zarathustra sind pianistisches Feuerwerk und zugleich vollwertiger Musikgenuss auch ohne 120 Instrumentalisten. Die Beethoven-Einführungen widmen sich weniger beliebten Werken des im letzten Jahr verhinderten Jubilars; die Bühnenmusiken sind, solange sie keine Schauspiel respektive Ballett kommentieren, eben Stückwerk. Mickisch hat sich aber die Mühe gemacht, den ganzen philosophischen Hintergrund der als „Gelegenheitswerke“ einschubladierten Auftragsarbeiten zu erarbeiten – und plötzlich erleben wir Beethoven doch wieder als großen Geist. Die „Tonarten und Sternzeichen bei Beethoven“ bleiben derweil wohl etwas für spezielle Fans. Wer nur eine der Doppel-CDs aus dem Wiener Konzerthaus hören will, findet Esprit und Brillanz beim Album Don Juan/Eulenspiegel oder große, in pianistische Überwältigung gepackte Philosophie im Zarathustra.

Beethoven: Tonarten und Sternzeichen               Fafnerphon FAF20201
Beethoven: Egmont und Prometheus                   Fafnerphon FAF20202
Strauss: Also sprach Zarathustra                          Fafnerphon FAF20203
Strauss: Vier letzte Lieder/Tod und Verklärung  Fafnerphon FAF20204
Strauss: Don Juan/Till Eulenspiegel                       Fafnerphon FAF20205
Strauss: Ein Heldenleben                                         Fafnerphon FAF20206

Alle CDs sind erhältlich unter www.mickisch.de

Rezension ALLE CDs

Beethoven und Strauss: Sinfonisches am Klavier mit Opernexperte Stefan Mickisch

Klavier-Aufnahmen mit Orchestermusik boomen im Lockdown. Da passt es, dass der kürzlich tragisch früh verstorbene Stefan Mickisch zuletzt noch Live-Mitschnitte von sechs pianistischen Vortragsabenden zu sinfonischer Musik veröffentlicht hat. Bekannt geworden ist er ja mit seinen Opern-Einführungen in Bayreuth und auf der ganzen Welt; die sinfonische Orchestermusik war ihm aber eigentlich ursprünglich näher. Diese ist nun ganz überwiegend Gegenstand der vier Richard Strauss gewidmeten Doppel-CDs und der beiden Beethoven-Alben – diese sind also gewissermaßen eine letzte Reise „back to the roots“ für den Pianisten und Werkerklärer.

BEETHOVEN: EGMONT / DIE GESCHÖPFE DES PROMETHEUS

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Beide, die Bühnenmusiken zu Goethes Trauerspiel Egmont und dem Ballett Die Geschöpfe des Prometheus sind ja weniger populäre Werke des im letzten Jahr meist verhinderten Jubilars; sie sind eben, solange ihr musikalischer Kommentar keine Bühnenhandlung zum Gegenpart hat, Stückwerk. Mickisch hat sich aber die Mühe gemacht, den philosophischen Hintergrund der als „Gelegenheitswerke“ einschubladierten Auftragskompositionen auszugraben – und plötzlich erleben wir Beethoven doch wieder als großen Geist, hochbelesen, idealistisch, mit humanistischer Mission. Goethe höchstselbst hat die Egmont-Musik für Theateraufführungen seines Trauerspiels verwendet. Zwar handelt es sich hier im Gegensatz zur Pastorale eben um reine Programmmusik und nicht um Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei. Doch wenn die jeweils aus einzelnen Nummern zusammengestellten Werke mit dem Hintergrund aus Heldengeschichte, Skizzierung der Entstehung und Geisteshaltung des Komponisten erklingen, sind sie eben doch nicht banal, sondern gewissermaßen ein Gesamtkunstwerk suis generis. Die Egmont-Ouvertüre funktioniert als grandioses und durch Mickisch hochmusikalisch auf dem Klavier gespieltes eigenständiges Werk auch ohne die Zuweisung des Sarabanden-Rhythmus an den im Drama wichtigen König Philipp II. von Spanien; für den Rest der Darbietung sind die Details der Story und der genaue Bezug des musikalischen Materials auf das Schauspiel ein großer Gewinn. Die Geschöpfe des Prometheus, die vollständige Ballettmusik zu einem leider verschollenen Libretto, erfordern Detektivarbeit: „Man muss viel Zeug lesen, um das Programm rauszufinden, manchmal ergibt sich´s nicht so ganz aus der Musik – aber dann ist es ganz klar“ (Mickisch). Derart erhellt begreifen wir tatsächlich „ganz klar“ den mythologische Hintergrund und den Inhalt im Fortgang der Prometheus-Geschichte zur jeweils dazu komponierten Tanz-Nummer, samt Querverweisen zur 1.,3. und 6. Sinfonie. Eine höchst lohnenden Sache. Fafnerphon FAF20202

TONARTEN UND STERNZEICHEN BEI BEETHOVEN
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Die Tonarten sind für Stefan Mickisch im Laufe seiner Arbeit zum immer zentraleren Schlüssel für das Verständnis großer Musik geworden. Bereits vor Jahren hat er eine allgemeine Version dieses Vortrags vorgelegt, damals ohne die Beschränkung auf einen einzigen Komponisten. Ausgehend von einer Stelle in Haydns Jahreszeiten, an der die Textstelle der „Sonne im Widder“ in C-Dur steht wie auch die berühmten Sonnenaufgänge in der Schöpfung und in Strauss´ Also sprach Zarathustra, hat er eine Systematik der Tonarten entworfen, die Tonarten, Tageszeiten und Sternzeichen kombiniert: C-Dur/a-moll=Widder=6-8 Uhr morgens, oder A-Dur/fis-moll=Krebs=12-2 Uhr mittags. Dafür hat er Kepler und Pythagoras, Rudolf Steiner und andere studiert und bittet Wissenschaft und Philosophie zur Zeugenschaft. Und es gibt durchaus Tonarten, die in diesem Konstrukt überzeugend dargestellt werden, zum Beispiel Es-Dur als Tonart der Heldenkraft mit Beispielen aus der Eroica und den Geschöpfen des Prometheus sowie dem Emperor-Klavierkonzert. Immer wieder trägt das alles aber nicht: Was hat Des-Dur, außer, dass es jetzt „dran“ ist, mit dem Sternzeichen Skorpion und der Uhrzeit 20-22 Uhr zu tun, und wieso sollte eine kurze Passage aus der Eroica in Verbindung mit ausführlichen Ausflügen zum Walhall-Motiv in Wagners Ring ein Beleg für „Schöpferkraft“ sein, wo es doch Beethoven an jener sicher nicht gefehlt hat? Es war das Schicksal aller bis jetzt „gefundenen“ Weltformeln, dass sie viel Überzeugendes enthalten, als Ganzes aber nicht funktionieren. Dem ist auch dieser Versuch nicht entkommen. Entstanden ist aber ein interessantes Panoptikum mit vielen assoziativ eingestreuten Ideen und Wissensbrocken. Und: Die Liveaufnahme ist wie immer unterhaltend moderiert und überzeugend gespielt.   Fafnerphon FAF20201

STRAUSS: DON JUAN/TILL EULENSPIEGELS LUSTIGE STREICHE

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Einen furiosen Ritt auf der Rasierklinge hat Stefan Mickisch in Wiener Konzerthaus hingelegt mit Strauss´ frühen Tondichtungen Don Juan und Till Eulenspiegels lustige Streiche. Der Prototyp des Verführers wird in schnellem Sprechtempo seziert und mit Witz und Charme serviert. Natürlich hat Mickisch alles über das Werk gelesen und nennt dem geneigten Hörer neben der Don-Juan-Geschichte des allgegenwärtigen Lorenzo Da Ponte auch die unbekannten von Moliére, Lenau und anderen. Seine besondere Stärke ist mal wieder, ein musikalisches Thema in die einzelnen Bestandteile zu zerlegen, diesen eine stücktragenden Bedeutung abzuringen und damit zu zeigen, dass jeder Akkord und jeder Klangschnipsel der großen Werke nur so und nicht anders komponiert sein kann – das macht dem berühmten Werk-Erklärer einfach niemand nach. Bei der konzertanten Wiedergabe gebietet er über ein sagenhaftes Spektrum an Klangfarben auf dem Klavier. Sie erscheint konzentrierter und thematisch geschlossener als jede Orchester-Aufnahme: da kann man was lernen und genießen. Daran ändert auch nichts, dass die berüchtigten Anfangstakte ein paar Patzer enthalten; dass diese Darbietung live und ungeschnitten erscheint, ist für den Charakter dieses Vortrags unabdingbar.
Die gute Laune mehrt sich noch mit dem Till Eulenspiegel, denn hier kommt die Lust an der Derbheit obendrauf, ist ausdrücklich „Null Transzendenz“ im Spiel, und „weil´s eh schon wurscht ist, nehmen wir auch noch den Tristanakkord“ mit in die Partitur. Der Lump als Held, ein instrumentaler Furz, Humor als Weltanschauung – und das Publikum und Mickisch sind mittendrin. Das Feuerwerk gipfelt wieder in der konzertanten Wiedergabe der Tondichtung. Die jazzigen Passagen sind so biegsam nur am Klavier zu bekommen, wenn nicht gerade Carlos Kleiber dirigiert. Mickisch spielt wie der Teufel und liefert hier die witzigste und pianistisch brillanteste Leistung aller sechs Neuerscheinungen ab. Fafnerphon FAF20205

STRAUSS: VIER LETZTE LIEDER/TOD UND VERKLÄRUNG

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Dass man bei Stefan Mickischs Gesprächskonzerten etwas lernen kann, ist nicht neu. Seine Beschäftigung mit den Vier letzten Liedern treibt das auf die Spitze, freilich nicht nur hoch konzentriert, sondern auch hoch unterhaltsam. Wir hören Interessantes über die Biografie des Komponisten (hätten Sie gewusst, wofür Dr. Richard Strauss seinen akademischen Titel erhalten hat?), die Gründung der GEMA, schnell mal eben einen Abriss über das gesamte Liedschaffen, eine kleine wie komplexe Modulationskunde über eine wichtige Wendung im ersten Lied „Frühling“… das ist wie eine konzentrierte Vorlesung, nur besser und unterhaltsamer. Zitate aus dem Tristan und dem Ring des Komponistenkollegen Wagner sowie aus eigenen Werken belegen, dass der Liedkomponist Strauss stets auch den Operndirigenten Strauss im Sinn hatte. Das alles ist erhellend und unbezahlbar – bei der pianistischen Aufführung hätten wir uns aber doch einen verbündeten Sänger gewünscht. Nur am Klavier werden die Lieder eben doch „nur“ als sinfonisches Gewebe wahrgenommen, die Texte und auch viele der Erklärungen sind oft nicht zuzuordnen. Da hilft nur eins: Sofort hintendrauf eine tolle Lied-Aufnahme anhören! Und dann gerne nochmal die Erläuterungen dazu.
Mickischs hier kristalliner Klavierklang lässt bei Tod und Verklärung die originale Version hingegen lange nicht vermissen. Die Einführung ist solide, die Klangbeispiele sind klug gewählt, und auf dem Flügel klingen Verlauf und Struktur des Todeskampfes noch deutlicher heraus als im Orchester. Dessen Farbigkeit vermisst man dann etwas gegen Ende, wenn das immer gleiche Thema zwecks Verklärung immer und immer wieder kehrt… Das schmälert aber keinesfalls die künstlerische Leistung auf dieser Live-Aufnahme, die pianistische ist, einmal mehr, über alle Zweifel erhaben.  Fafnerphon FAF20204

RICHARD STRAUSS: EIN HELDENLEBEN/ALSO SPRACH ZARATHUSTRA

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Zwei riesenhafte Orchesterwerke hat sich Stefan Mickisch auf diesen zwei Doppel-CDs vor seinem  Stammpublikum im Wiener Konzerthaus vorgenommen. Und er tritt leidenschaftlich ein für die Weltwahrnehmung seines „Helden“ Richard Strauss, begleitet uns mit viel Empathie in dessen Erlebnisse mit ahnungslosen Kritikern, der ebenso zickigen wie liebevollen Gefährtin und dem schlussendlichen Frieden mit der Welt. Eine Lebens-Wahrnehmung, die des Helden Darbringung der eigenen Werke als Geschenk an die Welt versteht, findet er offenkundig sympathisch… Aber wir bekommen das Genie auch erklärt: Mehrere Male lässt Mickisch Tonbeispiele aus dem Heldenleben so klingen, wie ein „Durchschnittskomponist“ sie geschrieben hätte – um dann im Original zu zeigen, welch großes Genie der junge Strauss war, der sich mit diesem Stück anschickte, berühmt zu werden. Als einzige Strauss-Tondichtung ist es für eine Erläuterung samt konzertanter Aufführung am Flügel zu lang und wird deshalb „nur“ erklärt.

Dass die Werkeinführung zur philosophischsten aller Kompositionen viel Philosophie enthält, kann niemanden verwundern. Und so stellt Stefan Mickisch zu Beginn seiner Aufnahme eine interessante kleine Paar-Reihe von Philosophen und Komponisten vor: Die Vertreter der Rationalität Leibnitz und Descartes seien Bach und Händel nahe, Kant mit dem Kategorischen Imperativ und Hegel mit der Maxime des pflichtbewussten Handelns gehörten zu Beethoven, Fichte und Schumann wären in ihrer Ich-Bezogenheit vereint, und, wen wundert´s, Nietzsche, der endgültig mit der Religion brach, muss mit Richard Strauss zusammen genannt werden. Der Komponist habe sich mit den Tondichtungen zu den beiden Antipoden, dem geistigen Weisen Zarathustra und dem Narr Till Eulenspiegel, von der Kleinlichkeit und Missgunst seiner Umwelt befreit. Während Letzterer die witzige und rotzfreche wie intelligente Nebenfigur ist, so wird die Vertonung von Nietzsches Hauptwerk zum „Lebensroman“, zur „komponierten Philosophie“. Nicht nur im berühmtesten aller Strauss-Motive, dem Sonnenaufgangs-Beginn, hören wir die klare Stimmenverteilung im Klavier; der Vortrag des gesamten Werkes gerät pianistisch und dabei opulent und orchestral. Bei Zarathustras Tanz wird zum Zwecke einer Konzertpause unterbrochen, hier baut Mickisch einen dem Wiener Publikum zugedachten Walzer-Gag ein. Die 45-sekündige beeindruckte Stille vor dem Schlussapplaus lässt die große Bühnenpräsenz des im Februar zu früh verstorbenen Künstlers auch auf CD erahnen.  Fafnerphon FAF20203 (Zarathustra), Fafnerphon FAF20206 (Heldenleben)

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Stephan Knies

 

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