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BEETHOVEN auf dem HAMMERKLAVIER  interpretiert – zwei hervorragende CD-Neuveröffentlichungen

19.04.2020 | cd

BEETHOVEN auf dem HAMMERKLAVIER  interpretiert – zwei hervorragende CD-Neuveröffentlichungen

 

CD „EIN NEUER WEG“ – ANDREAS STAIER spielt die drei Sonaten Op. 31 und  Variationenzyklen Opp. 34 und 35; harmonia mundi

 

Die Karten auf den Tisch: Zum Klang des Fortepiano im Vergleich zu modernen Klavieren hatte ich ein zwiespältiges Verhältnis. Auch und gerade für Mozart, Schubert, Beethoven. Manchmal klingt hier vertraute Musik ganz einfach ein ,bissl‘ neben dem Ton, dann wiederum fehlt es an dynamischer Breite bzw. Mark und Bein aufwühlendem Volumen. Aber das kleinere Tasteninstrument, dessen Saiten von einem Holzrahmen getragen werden, hat auch seine Meriten: Der Klang ist sanglich-weicher, modulationsfähiger, obertöniger, der Bass ist heller und klarer. Die Dämpfer würgen den Klang nicht unvermittelt ab, sondern lassen ihn wie eine kleine Reminiszenz versonnen nachklingen. 

 

Die vorliegende Einspielung der Beethoven Werke vom legendären deutschen Cembalisten und Pianisten Andreas Staier begeistert mich ohne Wenn und Aber. Auf einem Fortepiano Mathias Müller, Wien 1810, aus der Sammlung Edwin Beunk, pflegt Staier seine Vortragskunst mit allergrößter Finesse und Differenzierungskunst, aber auch diabolischem Hintersinn und Humor. 

 

In der Serie „Beethoven lebt!“ sind auf zwei CDs Werke zu hören, die direkt nach der Wende vom 18. zum 19l Jahrhundert entstanden sind. 1802 wurden sie gedruckt, das war das Jahr, in dem Beethoven sein „Heiligenstädter Testament“ verfasst hat, jenen verzweifelten Brief an seine Brüder Kaspar Karl und Johann, in dem er das Bewusstsein auf seine fortschreitende Ertaubung und einen nahe geglaubten Tod konzentriert. Ein gravierender Einschnitt in Beethovens Biografie, an den sich auch künstlerische Konsequenzen und Fortschritte knüpften. 

 

Andreas Staier spielt die drei Sonaten Op. 31 in G-Dur, in d-Moll („Der Sturm”) und in Es-Dur, aber auch die Sechs Variationen in F-Dur Op. 34 und die unter der Bezeichnung „Eroica Variationen“ bekannt gewordenen 15 Variationen und Fuge auf ein Originalthema Op. 35. Andreas Staier kenne ich seit seinen furiosen, epochalen  Domenico Scarlatti-Sonaten Alben aus den späten Achtziger und frühen Neunziger Jahren. Jetzt ist er mit derselben Unbedingtheit bei Beethoven zu Werke. Staier macht die Radikalität dieser Beethoven Sonaten und Variationen überdeutlich, immer das Dahinter zwischen Tabubruch und ästhetischer Konvention auffächernd. Dass Staier vom Cembalo kommt, ist zu hören, aber auch, dass er dem Hammerklavier alles an Expressivität abverlangt, was auch einem modernen Flügel zumutbar ist. Beethoven wird hier nicht aus der spätbarock-klassischen Perspektive heraus auf einem Instrument der Zeit gesehen, sondern als revolutionärer Wegbereiter der Romantik, der freien Fantasterei, alle Grenzen sprengender musikalisch poetischer Invention. Das ist das Umwerfende an diesen CDs. Andreas Staier geht mit den wie ein klingender Suspense Thriller gespielten “Eroica Variationen” etwa wie ein dionysischer Faun um und trifft damit die launische Musik lustvoll ins Mark. Der Hörer hat den Eindruck, dem höchst komplexen Seelen- und Gedankenleben des Komponisten, seinem grotesk schillernden Humor auf den Fersen zu sein. Das erhebt diese Aufnahme über so viele andere, weil die Musik hier ihre Flügel als existenzieller Kompass, die Sinne multiplizierendes Rauschmittel oder “virtuos gedrehtes Kaleidoskop” (P. Gülke) weit gespreizt ausbreiten darf. Andreas Staier ist hier eine Referenzeinspielung geglückt. 

 

Die Aufnahmen entstanden im Juni 2017 und Mai 2018 in den Teldec Studios Berlin.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

CD BEETHOVEN: SECHS KLAVIERKONZERTE, RONDO WoO6 – GOTTLIEB WALLISCH, ORCHESTER WIENER AKADEMIE unter MARTIN HASELBÖCK; cpo

 

Diese neue 3 CD Box fesselt in ihrer wienerischen Verortung ebenso vom ersten Ton an und hält bis zum Schluss die jubelnde Frische und musikalische Leidenschaft vor. Die Gesamtaufnahme wurde auf Originalinstrumenten des frühen 19. Jahrhunderts realisiert und ist eng mit deren Aufführung an historischen Originalschauplätzen in Wien verbunden. Unter dem klingenden Namen „Resound Beethoven“ hat Martin Haselböck mit dem Orchester Wiener Akademie nicht nur die Klavierkonzerte Beethovens, sondern auch alle Symphonien in Konzerten präsentiert. Musiziert wurde im Eroica Saal des Palais Lobkowitz, im Festsaal der Akademie der Wissenschaften, im Niederösterreichischen Landhaussaal und im Casino Baumgarten in Wien.

 

Für die verschiedenen Klavierkonzerte hat sich Gottlieb Wallisch Hammerflügel aus der Zeit um 1820 mit im Vergleich zu denjenigen aus den Uraufführungsjahren besseren „Kraft und Fülle” gewählt. Für die ersten beiden Klavierkonzerte und das “Rondo für Klavier und Orchester” in B-Dur hat sich Wallisch für einen Hammerflügel Conrad Graf (ca. 1818) aus dem Beethovenhaus Baden, für die Konzerte 3 und 5 für einen Hammerflügel Conrad Graf 1823/24 aus der Sammlung Gerd Hecher entschieden. Das vierte Klavierkonzert sowie das Konzert für Klavier und Orchester in D-Dur, Op. 61a nach dem Violinkonzert Op. 61, spielt Wallisch auf einem Hammerflügel Franz Bayer, ca. 1825, ebenfalls aus der Sammlung Hecher Wien.   

 

Wichtig waren Walfisch generell die spezielle Farbigkeit in den verschiedenen Registern und die elegante Reinheit im Fortepiano-Klang sowie die textgetreue Einhaltung der Beethovenschen Pedal-Anweisungen. Als Hauptcharakteristikum im Zusammenspiel mit dem Orchester sieht er die bestechende Durchhörbarkeit aller Stimmen, besonders im Dialog von Klavier und Holzblasinstrumenten. 

 

Dynamische Extreme werden in den durch ihre lyrische Intensität bestechenden, detailreich leuchtenden Wiedergaben ausgespart. Die Box erfreut durch pure klangliche Schönheit, liebevoll organisches Phrasieren, und ein respektvoll (verschmelzendes) Miteinander von Orchester und Solist. Das Kräftemessen, falls nötig, erfolgt verständig im Augenkontakt. Gottlieb Wallisch legt eine vor allem den poetischen Gehalt seines Parts in höchster Anschlags-Sensibilität auslotenden Meisterleistung vor. Aufnahmen zum Träumen, sich Fallenlassen, Wegtauchen. 

 

Tipp: Das Label harmonia mundi erarbeitet ebenfalls einen neuen Zyklus aller Beethoven Klavierkonzerte mit dem auf historischen Instrumenten spielenden Freiburger Barockorchester unter der musikalischen Leitung von Pablo Heras-Casado. Solist ist Kristian Bezuidenhout. Die Konzerte Nr. 2 Op. 19 und 5 Op. 73 sind schon erhältlich.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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