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BAYREUTH: TRISTAN UND ISOLDE. Neuinszenierung

14.08.2015 | Oper

Bayreuth: Tristan & Isolde  13.8.2015

Unbenannt
1. Akt – Labyrinth. Foto: Bayreuther Festspiele/ Enrico Nawrath

Mit dieser Tristan-Inszenierung stößt Katharina Wagner neue Sicht- und Interpretationsweisen, die bisher wohl kaum derartig angedacht waren, bei Wagners Opus Metaphysicum an.  Im 1.Akt wird ein vertikales Labyrinth mit vielen Treppen  und plötzlich abbrechendenden Gängen als ominöse Stahlkonstruktion gezeigt (Frank Philipp Schlößmann, Matthias Lippert), die von einem Gemälde „Erfundene Kerker“ (1761) von Giovanni Battista Piranesi inspiriert ist. Hier irren die Protagonisten herum. Das erscheint auch als ein adäquates Bild für die Verfahrenheit dieser Liebe. Natürlich ist es auch meist ganz dunkel gehalten, und die Kostüme blau für Tristan & Isolde, grün und braun für Brangäne und Kurwenal lassen auch an tuchartig dezente Häftlingskleidung denken (Kost.: Thomas Kaiser).

Ein etwas gegenteiliges Bild vermittelt hier die Musik. Dirigent Christian Thielemann läßt das Orchester natürlich partiturgemäß heftig aufrauschen, und die Protagonisten werfen sich gesanglich entsprechend ins Zeug, auch mit Schärfen, etwa bei Brangäne. Daraus ergibt sich manchmal ein inhomogenes, etwas diffuses Klangbild. Wenn Tristan & Isolde nun zu einer Art ‚Kommandobrücke‘ hochgefahren sind und Isolde den Todestrank anbietet, reichen sie ihn sich zeremoniös hin und her, um ihn dann mit beiderseits abgespreizten Armen gut sichtbar auszschütten. Trotzdem gehen sie danach in eine Umarmung über.- Der 2.Akt bewegt sich eher an der Vorlage Christoph von Eschenbachs. In der Höhe eine ovale Brüstung, von der aus die beiden ‚Delinquenten‘ immer unter Beobachtung Markes bzw. seiner Leute stehen. Tristan und Isolde werden beim Stelldichein „zusammen geschlossen“, wobei sich im bühnenfüllenden Zellenraum nur einige parallele Stahlringe befinden, die auch ‚bespielt‘ werden können. Kurwenal klettert an ihnen hoch, um vielleicht einen Ausgang zu finden. Rührend wie sich das Paar ein Zelt aus Decken drapiert und daran kleine Leuchterchen appliziert. Später schneiden sie sich im Dunkeln die Handgelenke mit Messern (,was wohl einige an Sado-Maso Handlungen hat denken lassen), bevor sie zu ‚Sink hernieder‘ nebeneinander langsam und zivil zur Bühnenwand hin abschreiten. Trotzdem werden sie von Markes Leuten niedergestoßen, auch Kurwenal bekommt einen Sonderbewacher (alle gelb!), während Melot Tristan eine schwarze Augenbinde verpaßt. Nach dem ‚Verhör‘ wird er rücklings mit Messer niedergestochen. Im 3.Akt ist er aber wieder lebendig im Kreise seiner Restfamilie auf Careol, die wie eine Nazarenergruppe rechts auf der nun ganz leeren Bühne wirkt. Während seiner Gesänge und Ausbrüche hat er mehrere Visionen von Isolde, die jeweils in einem nach oben spitzen Dreieck  wie eine blaue Madonna erscheint und winkt. Als sie dann wirklich auftaucht, ist Tristan wieder tot und wird mit der schwarzen Flagge, seinem Schwert und zwei weißen Lilien bedeckt. Marke, Brangäne und Melot kommen, es gibt die vorgesehenen Leichen, und Isolde singt den Liebestod mit dem wieder aufgedeckten Tristan. Als sie geendigt hat, lässt sie sich von Marke wieder final abführen.

Den Hirt und den jungen Seemann singt Tansel Akzeybek, letzteren leider hinter der Bühne, eher indiskutabel. Ein Tenorino mit nicht einmal jugendlicher Ausstrahlung. Raimund Nolte bringt seinen Kurzgesang als Melot mit beachtlichen Baritonmitteln zu Gehör. Kay Stiefermann ergänzt als Steuermann. Iain Paterson kann sein Lied bei durchschnittlicher Gesangsleistung, aber mit Hang zu frecher Aufdringlichkeit gegenüber Isolde/regiebedingt, vortragen.

Im 2.Akt wirkt Thielemann und das Orchester wie ausgetauscht. Plötzlich rauscht und fließt wieder alles ungehemmt und mit unstillbarer Neugier aufgeladen, die, nur durch die heftigen Implosionen bei der Wagner verfolgenden ominösen Lichtauslöschung unterbrochen, die ‚Liebesmetastasen‘ immer vorantreibt. Da ist pure Leidenschaft im Spiel, in der sich Thielemann samt Orchester subtilst verausgabt.

Die Brangäne der Christa Mayer kommt im ‚Liebesakt‘ bei den Wachgesängen hinter der Szene naturgemäß viel angenehmer und mit farbigem Timbre zur Geltung, weite samtene Bögen spannend und in flüssigem Duktus singend. Auch im Schlussakt kann sie noch einmal mit leuchtenden Tönen einen aufblühenden Schlussgesang plazieren. So sensibel, sonor und abgeklärt Georg Zeppenfeld singt und eigentlich bescheiden da steht, so grausam, bzw. psychisch grausam hat er zu blicken und auch physisch abgefeimt zu agieren. Er kann beides auf nachdrückliche Weise in seinem Marke vereinigen. Dagegen kann leider Stephen Gould, nach S.Jerusalem, Peter Hofmann und auch dem letzten Bayreuther Tristan Smith vom Timbre her nicht mithalten. Zu eindimensional, geradlinig und streckenweise einfach laut kommt er herüber, wenn er sich auch um eine Art Belcanto-Linienführung in den Langgesängen bemüht. Die eigentliche Einspringerin Evelyn Herlitzius (für Anja Kampe) singt einen tollen Part. So gegensätzlich kann ein Paar kaum sein. Mit grandiosen Schwell-und Brusttönen, dabei das Vibrato noch dosiert, bringt sie ihre Furor-Rache ein, im Liebesduett kann sie ganz auf lyrisch umschalten und herrliche Phrasen ausgestalten. Auch ihr Liebestod begeistert mit gemeißelter Textdeutlichkeit. Dazu hält sie sich an an die Detailregie ohne Hang zu egozentrischer Bühnendominanz.                                                     
Friedeon Rosén

 

 

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