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BAYREUTH / Schlosskirche VIAGGIO IN EUROPA – PETR NEKORANEC mit Arien von Lambert, Charpentier, Lully, Rameau, Vivaldi und Händel

13.09.2026 | Konzert/Liederabende

BAYREUTH / Schlosskirche VIAGGIO IN EUROPA – PETR NEKORANEC mit Arien von Lambert, Charpentier, Lully, Rameau, Vivaldi und Händel; 12.9.2026

Auf dem goldenen Pfad zum Haute-Contre de grâce

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Foto: Ingo Waltenberger

Sein Bayreuth Baroque Debüt machte der junge tschechische Tenor bereits im ersten Jahr des Bestehens des Festivals in der Produktion von Nicola Porporas „Carlo il Calvo“ im September 2020. Immerhin hatte er damals als Partner Franco Fagioli, Julias Lezhneva, Bruno de Sá und Max Emanuel Cencic. Jetzt ist er zurück mit einem speziellen Ariennachmittag in der Bayreuther Schlosskirche. Und siehe da: Die Wandlung, die dieser Sänger seither vollzogen hat, ist gewaltig.

Denn in dem abwechselnden Arienreigen aus elaborierten französischen Haute-Contre Nummern und da capo Arien italienischer Provenienz zeigte sich ganz klar. Petr Nekoranec ist auf dem besten Wege, einer der besten Haute Contres seiner Generation zu werden. Die Beherrschung der berühmten voix mixte, die Noblesse in Phrasierung und der Zug zur deklamatarischen Dramatik sind bereits großartig ausgebildet. Die letzte Raffinesse in der Kunst der Verzierung ist da vielleicht noch ausständig, um das Niveau eines van Mechelen zu erreichen. Jedenfalls erwiesen sich die Hits aus „David et Jonathas“ von Marc -Antoine Charpentier,Ciel! Quel triste combat‘‘, ‚Bois epais‘ aus Jean Baptiste Lullys Oper „Amadis“, ‚Règne, Amour‘ aus Jean-Philippes „Pygmalion“ und ‚Vos mépris chaque jour‘ von Michel Lambert als die musikalisch ausgereiftesten und stilistisch delikatesten des Programms. Kein Wunder, dass der Künstler mittlerweile mehr in Frankreich beschäftigt ist als in seiner Heimat.

Im italienischen Fach verfügt Petr Nekoranec über einen erdig granulierten Tenor, in harzig-würzigem Kolorit. Man meint, die Wälder auf den granitenen Hochebenen Böhmens zu riechen, ihrer lässigen Heroik und ihren kühl fließenden Gewässern zu lauschen. In Titeln wie ‚La fatal sentenza‘ aus Antonio Vivaldis „Tito Manlio“ und erst recht im hypnotisch wirkenden ‚Gelido in ogni vena‘ aus Vivaldis „Farnace“ (Cecilia Bartoli machte dieses elegische Stück zur Glanznummer in der Barrie Kosky Produktion „Hotel Metamorphosis“ bei den Salzburger Festspielen), überzeugte Nekoranec mit einem artikulatorisch virilen, beinahe baritonalen Stimmkern und einer emotionalen Unmittelbarkeit, die direkt unter die Haut ging.

Natürlich durfte der diesjährig mit der szenischen „Floridante“-Produktion prominent im Mittelpunkt stehende Opernkomponist Georg Friedrich Händel im Programm nicht fehlen. Er war mit ‚Waft her, angels, through the sky‘ aus dem Oratorium „Jephta“ sowie den beiden Arien ‚Urne voi‘ sowie ‚Folle, dunque tu sola presumi‘ aus „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“ des 17-jährigen Komponisten abwechslungsreich vertreten. Sein Tenor überwältigte auch hier mit Biss und Attacke, perlenden Koloraturen und Raffinement im Wechsel der Lagen.

Petr Nekoranec liebt den Kontakt zum Publikum. Das ist erfreulich und kommt als Ausfluss seines natürlichen Charmes im Auftritt äußerst erfrischend an. Da erzählte der ohne Pause seine elf Arien (mit Zugaben 13) stimmlich und ausdrucksmäßig intensiv gestaltende Sänger, ohne dass je der Eindruck von Routine entstünde, frei von der Leber weg von seinem unbequemen Hemd, oder wie anspruchsvoll der Wechsel von Haute Contre Partien zu klassischen italienischen Tenorarien barocker Provenienz sei.

Begleitet wurde Petr Nekoranec von der Pianistin Katerina Ochmanova. Da sie erst seit drei Monaten versucht, ihr Können auf das doch völlig anders zu spielende Cembalo zu übertragen, sei ihr manche Treffungenauigkeit verziehen.

Fazit: Ein in seiner völligen künstlerischen Lockerheit wie Ernsthaftigkeit, stimmlichen Präsenz und humorvollen Präsentation ereignishafter Nachmittag. Was Nekoranec im ‚akademischen‘ Feinschliff im Umgang mit dem Publikum eventuell noch abgehen mag, wurde durch sein kreatürliches Engagement und seine herzergreifende Direktheit mehr als wett gemacht. Das Publikum dankte ihm und der Pianistin mit begeisterten Ovationen.

Foto: Ingo Waltenberger

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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