BAYREUTH/ Markgräfliches Opernhaus Galakonzert THE SOPRANOS mit MAAYAN LICHT, FEDERICO FIORIO und DENNIS ORELLANA; 11.9.2026
Junge Stimmakrobaten im Rampenlicht des Festivals Bayreuth baroque

Foto: Schlussapplaus: Ingo Waltenberger
Die Atmosphäre letzte Woche bei den Bayreuther „Die Toten Hosen“ Konzerten könnte nicht ausgelassener gewesen sein. Und wer den Titel „The Sopranos“ nicht mit der US-amerikanischen Fernsehserie über das Wirken und Treiben einer italo-amerikanischen Mafiafamilie in New Jersey verwechselte, wusste auch, was sie oder ihn erwartete.
Wenn es in der Welt der Oper so etwas wie Pop- oder Rockstars gäbe, wären es die legitimen Nachfahren der Kastraten des 18. Jahrhunderts, konkret die jüngste Generation an hohen Countertenören oder männlichen Sopranen. Gestern gab es nach der wahrlich spektakulär schön gesungenen Zugabe – die drei „Sopranos“ Maayan Licht, Federico Fiorio und Dennis Orellana sangen das berühmte Schlussduett ‚Pur ti miro‘ aus Claudio Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ in einer Version für drei Stimmen – kein Halten auf den Sitzen mehr. Synchronklatschen, Bravos und eine aufgeheizte Stimmung beendeten einen Opernarienabend, der die Künstler untereinander und zumindest Teile des Publikums passend zum Text einte: „Dich allen schaue ich an, an dir allein erfreue ich mich, dich allein umarme ich…“
Das, was die Päpste Sixtus V. und Clemens XI. mit ihren Dekreten der Verbannung aller Frauen von den Bühnen Roms auslösten, hatte weitreichende Konsequenzen und nicht immer derart, wie sich das die Urheber der Idee ausgedacht haben mögen. Ein Zitat des Charles de Brosses gibt hierüber offenherzig Aufschluss: “Die Kirche ist nämlich sittsam und lässt in Frauenrollen nur hübsche Bürschchen in Mädchenkleidern auftreten, denen teuflische Kesselflicker durch ein arges Mittelchen Flötenstimmen verschafft haben. Mit Hüften, rundem Hinterteil, weiblicher Brust und vollem rundlichen Hals kann man sie wirklich für Mädchen halten. Und verzeih mir Gott, vernarrt, wie die Welt nun einmal allenthalben in die Mädchen vom Theater ist, fürchte ich, dass es auch so nicht ganz ohne Unzucht abgeht. Es wird behauptet, dass Leute vom Lande sich bisweilen bis zum letzten Moment täuschen lassen.“
Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Was blieb, sind unzählige da capo Arien u.a. von Hasse, Porpora, Händel, Albinoni oder Broschi, die für die beweglichsten Gurgeln geschrieben, von den Stars in den Verzierungen nach Belieben und Abendverfassung abgewandelt oder mit zusätzlichen halsbrecherischen Koloraturen, Fiorituren und Trillern gespickt werden können. Vokale Zirkusabende? Ein wenig kann man sich das so vorstellen. Das, was über den Eindruck in einem Opernhaus auch heute entscheidet, ist der Obertonreichtum, die Tragfähigkeit und Projektion des Tons. Wobei historische Zeugen von der stupenden Atemtechnik und der atemberaubenden messa di voce Beherrschung der im 18. Jahrhundert angehimmelten Paradieswesen schwärmten.
Der gestrige Galaabend zeigte, begleitet von dem stehend spielenden Wroclaw Baroque Orchestra unter der Leitung des Geigers Jaroslaw Thiel, welch unterschiedliche Temperamente und Stimmcharaktere das Fach umfasst.
Beginnen wir deshalb mit der letzten Arie des Konzerts, der von Riccardo Broschi für seinen Bruder Farinelli geschriebenen Arie ‚Son qual nave‘ aus der Oper „Artaserse“, die auch das vokalartistische Prunkstück im Filmporträt des Sängers von Gérard Corbiau bildete.
Der für seine extravaganten, mal schon tief dekolltierten Outfits und theatralisch schrill inszenierten Auftritte bekannte Maayan Licht, eine nicht gerade durch Volumen protzende, dafür überaus flink bewegliche Stimme, vermittelte eine Ahnung davon, wie das damals gewesen sein könnte. Mit allen Attributen eines primo uomo gesegnet, ließ er die berühmte Bravourarie mit einer Leichtigkeit und vor allem wirklich eindrücklichen Trillerketten abschnurren, als wäre es das Einfachste der Welt. Licht fädelte mit enormer Energie Intervallsprünge, rasante Koloraturkaskaden und im da capo Teil weitere Ornamente wie Perle an Perle einer endlosen Kette an souveräner Demonstration stimmtechnischer Möglichkeiten. Ausgeprägte messa di voce Phrasen mit an und abschwellenden langen Noten sind hingegen seine Sache nicht.
Völlig andere Qualitäten brachte Dennis Orellana auf die Bühne. In Georg Friedrich Händels Arie ‚Non son sempre vane larve‘ aus „Arminio“ baute der sympathische Sänger vor allem auf eine seelenvolle Tongebung und ein farbig üppiges, ruhig dahinfließendes Legato bei besonders substanzreicher Mittellage. Auf der anderen Seite war Dennis Orellana derjenige der drei, der die Stimme am besten dramatisch steigern und dynamisch am weitesten expandieren konnte. Orellana vermochte ein irisierendes Timbre mit hochmusikalischer Gestaltung zu einer höheren Dimension zu verschmelzen.
Der dritte im Bunde, der attraktive Italiener Federico Fiorio, wirkte hingegen als der profilierte Stilist dezenten Zuschnitts. Elegant im Auftritt, trug seine angenehm klingende und sehr gut fokussierte Stimme perfekt in den Bühnenraum. Die Verzierungen etwa in ‚Spesso tra vaghe rose‘ aus Johann Adolph Hasses opera seria „Siroe, re di Persia“ sang er intonationssauber, technisch sicher, aber auch ein wenig mechanisch. Die Durchdringung von Ton und Emotion hätte intensiver sein können. Insgesamt ergänzte Fiorio das gloriose Dreigespann jedoch ganz großartig.
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass das Wrozlaw Baroque Orchestra rein instrumental die Sinfonia aus Hasses „Marc’Antonio e Cleopatra“ sowie das „Concerto á piu istrumenti“, op. 5/6 von Evaristo Felice Dall’Abaco zum Besten gaben.
Genaues Programm des Konzerts: https://www.bayreuthbaroque.de/events/federico-fiorio-maayan-licht-dennis-orellana-de/
Und der vierte im Bunde der glänzenden Goldkehlchen des diesjährigen Bayreuther Baroque Festivals? Bruno de Sá schob in der Pause des Galakonzerts ganz gemächlich sein Fahrrad durch die Publikumsmenge vor dem markgräflichen Opernhaus, hie und da durch ein kleines Schwätzchen gemütlich innehaltend. Morgen wird er wieder als Timante in Cencic‘ szenischer Version von Händels „Floridante“ auf der Bühne stehen….
Dr. Ingobert Waltenberger

