BAYREUTH/ Markgräfliches Opernhaus FLORIDANTE – Regie und Titelrolle MAX EMANUEL CENCIC; 10.9.2026
Keine Gnade für Gewalt: Von antikem persischen Kriegs-, Herrschafts- und Machtpoker in die angloländliche georgianisch patriarchalische Scheinidylle Jane Austens

Foto: copyright Clemens Manser
In barocken Opern geht es den Usancen des damaligen Musikbetriebes gemäß oftmals um die Diskrepanz zwischen politischer Pflicht, echter und vorgetäuschter Legitimation, Arrogation von Herrscherposition versus Liebe bis zu individuellen Leidenschaften jeglicher Art. Solche Konstellationen eignen sich labormäßig dazu, aufgrund ihrer zähen Unauflöslichkeit in heftige Gewalt umzuschlagen.
Dann ist jedes Mittel recht, um die unwillige Angebetete zu erobern bzw. sich körperliche Besitzansprüche zu sichern, sei es durch Ausschalten des unliebsamen Nebenbuhlers, Erpressung, oder eben sexuell motivierte Übergriffe bis zur Vergewaltigung.
Genau um solche prototypischen gesellschaftlichen Missstände geht es dem künstlerischen Leiter, Regisseur und Countertenor Max Emanuel Cencic in seiner Hauptproduktion von Bayreuth baroque 2026. Cencic will in seiner Inszenierung zeigen, dass man für seine persönliche Freiheit und Wahl, für sein privates Ich kämpfen, aber auch Opfer bringen muss.
Als Vehikel dient Cencic für diese Koproduktion des Bayreuth baroque Opera Festivals mit den internationalen Händel-Festspielen Karlsruhe Georg Friedrich Händels 1721 im Londoner King’s Theatre uraufgeführte Oper Floridante. Weniger verzierungswütige Akrobatenshow bzw. in zartestem Melos sich offenbarende Schlagerparade wie „Giulio Cesare“ oder „Alcina“, gibt es dafür in einigen Nummern Floridantes eine klanglich profunde Psychologisierung seelischer Extremzustände wie dunkelste Existenzangst, Verlorensein, erotisch latente Seismik aber auch das Besingen unverstellter Lebensfreude.
Im Mittelpunkt der Handlung stehen Floridante, der gerade für seinen Herrn Oronte einen Auftrag positiv erledigt hat und die Liebe zu Elmira, der vermeintlichen Tochter Orontes. Als zweites Paar haben es Rossane, Orontes leibliche Tochter und der als Diener mit Sonnenschirm auftretende Prinz Timante wesentlich einfacher, zueinander im Einklang mit dem abgeschlossenen Heiratsvertrag zu finden.

Foto: copyright Clemens Manser
Oronte, der die vorherigen Landbesitzer offenbar abgemurkst hat und – wie während einer Pantomime im Vorspiel angedeutet, seine eigene Ehefrau misshandelt – hat das kleine überlebende Mädchen, Elmira, aufgezogen. Als erwachsene junge Frau will Oronte sie nun selber zur Frau haben, obwohl er sie Floridante versprochen hatte.
Optisch hat der 2025 verstorbene Bühnenbildners Helmut Stürmer manuell bewegliche Paraventwände mit Tür- sowie Fensterelementen konzipiert, die es in kürzester Zeit erlauben, Raumkonstellationen zu verändern, einen Schauplatz salonhaft intimer zu machen oder repräsentativ zu erweitern.
Musikalisch ist von einer ausgeglichenen und professionellen Ensembleleistung zu berichten. Als Glücksfall erwies sich das Engagement des Dirigenten und Cembalisten Markellos Chryssicos, der das Wrozlaw Baroque Orchestra zu einer rasanten Fahrt durch Gewitter und Sturm menschlicher Passionen, Macht und Ohnmacht, düsterer Triebe und aufgeklärter moralischer Botschaft von einer gerechten Welt animiert. Präzision und kalt-warm aufpeitschende Affekte. Die emotionalen Kontraste in den Arien und Duetten vermag er mit den klar artikulierten Rhythmen instrumental bis in die hintersten Seelenwinkel der Protagonisten prismatisch fokussiert auszuleuchten und musikantisch furios funkeln zu lassen.
Manch dramaturgischer Schwäche des Stücks im ersten Akt zum Trotz gelingt es dem Regisseur Max Emanuel Cencic, durch eine ausgeklügelte Personenführung in real dargestellten Beziehungsgeflechten dank eines spielfreudigen Ensembles, den mit vier Stunden nicht gerade kurzen Opernabend als eine Mischung aus Historiendrama, Familientragödie bis zum gar nicht so glücklichen Ausgang (in der Inszenierung wird Oronte zu Tode geprügelt) zu erzählen. Oberflächlicher Aktionismus ist Cencic fremd. Trotz der Drastik einiger Szenen lässt der Regisseur auch einmal gut sein und die Sänger einfach ihre Arien absolvieren, ohne dauernd mit Regieeinfällen dazwischenzufunken.

Foto: copyright Clemens Manser
Sängerisch treffen mit Max Emanuel Cencic als Floridante und Sonja Runje zwei hoch erfahrene Interpreten barocker Vokalkünste auf das junge Paar Bruno de Sá (Timante) und Eva Zalenga (Rossane). Genau diese Besetzungsfinesse ist es, die den Abend so ungemein anregend und lehrreich macht. Zwei Typen an Sängerpaaren geben jeweils das Beste ihres Könnens. Cencic und Runje reüssieren als ausgesprochene Stilisten, kunstfertig in den Verzierungen und im mezza voce, frei strömend in den weit gesponnenen, umsichtig gestalteten Legatobögen. Ihre dunkelherb timbrierten Stimmen harmonieren aufs treffllichste in den intimen Duetten.
Der aktuell unüberbietbare Sopranist Bruno de Sá und die ein Koloraturfeuerwerk nach dem anderen zündende lyrische Sopranistin Eva Zalenga sprudeln hingegen nur so über vor vokal moussierendem Dom Perignon. Welche himmlische Freude ist es doch, so sonnenlichten, unverbrauchten jungen Stimmen in technischer Perfektion und wundervoll charakterstarken Farben lauschen zu dürfen. Auf der Baritonseite geben der kernig virile, auf der Bühne expressiv charismatische Gerrit Illenberger einen brutal herrischen Oronte und der in Guadeloupe geborene, französisch schweizerische Bassbariton Yannis Francois einen eleganten Coralbo.
Hinweis: Das BR/ARD Radiofestival sendet Floridante am 15.9. um 20h03, ARTE will eine TV-Ausstrahlung für Dezember dieses Jahres in Aussicht genommen haben.
Dr. Ingobert Waltenberger

