Droge. Wagner. Parsifal!
Jay Scheibs „Parsifal“ zwischen Gralsmysterium und Wunderdroge – szenisch nicht immer erhellend, musikalisch ein berauschendes Fest, das süchtig macht

Andreas Schager. Copyright: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele
Bayreuther Festspiele 2026 – Vorstellung vom 10. August 2026
„Weißt du, was du sahst?“, fragt Gurnemanz Parsifal am Ende des ersten Aufzugs. Und so ähnlich wie Parsifal ging es mir an diesem Nachmittag im Bayreuther Festspielhaus stellenweise auch. Man sieht in Jay Scheibs „Parsifal“ so einiges – und weiß doch nicht immer genau, was man da eigentlich gesehen hat.
Parsifal hat gerade das Mysterium des Grals erlebt. Er hat Amfortas leiden sehen, die Enthüllung des Grals und jene merkwürdige Zeremonie, die der Gemeinschaft neue Lebenskraft spendet, für den verwundeten Gralskönig jedoch zur Qual wird. Als Gurnemanz ihn fragt, was er gesehen habe, antwortet Parsifal nicht. Er greift sich an die Brust. Er hat offenbar etwas begriffen, nur nicht mit dem Kopf.
Doch Gurnemanz reicht das nicht. Gurnemanz ist hier der Gelehrte, Historiker, Lehrer, vielleicht auch der typisch protestantische, wissenschaftlich-akademische Mensch, der sich die Welt über Wissen, Worte, Ordnung und Verstand erschließt. Er führt die jüngeren Brüder in die Geschichte der Gemeinschaft ein und übersieht dabei ausgerechnet das, was in Parsifal längst angelegt ist.
Denn dieser junge Mann hat zwar gerade mit Pfeil und Bogen einen Schwan erschossen – „Im Fluge treff‘ ich, was fliegt!“ -, zeigt aber schon früh erstaunliche Empathie. Als er ein junges Gemeindemitglied versehentlich umstößt, umarmt er es. Auch dem verwundeten Amfortas nähert er sich mit sichtbarem Mitgefühl. Gurnemanz erkennt dieses Potenzial nicht. Weil Parsifal nicht mit Worten erklären kann, was er gesehen hat, hält er ihn für einen Toren und wirft ihn hinaus: „Lass du hier künftig die Schwäne in Ruh‘ und suche dir, Gänser, die Gans!“
Ein durchaus bornierter Moment – und vielleicht auch die Arroganz eines Denkens, das nur gelten lässt, was sich in Worte fassen lässt. Und vielleicht versteht man angesichts dieser exklusiven, selbstgewissen Gralsgemeinschaft sogar ein wenig besser, warum Klingsor auf sie nicht besonders gut zu sprechen ist.
Mimi Lien siedelt diese Gemeinschaft in ihrem Bühnenbild an einem kargen, zeitlosen und doch gegenwärtig wirkenden Ort an. Links steht der Stumpf eines gefällten Baumes, aus dem ein silbriger Strom wie Harz oder Blut hervortritt. Skulptur, Denkmal, Memento mori – und möglicherweise ein Hinweis auf die Zerstörung der Natur. Ob das für „Parsifal“ wirklich trägt, sei dahingestellt; mit dem von Parsifal getöteten Schwan gibt es zumindest eine Verbindung.
Der Schwan ist ohnehin das Wappentier dieser Gemeinschaft. Sein silbriges Emblem findet sich auf den Oberteilen der Gralsritter, die sämtlich männlich sind. Frauen erscheinen eher als Bedienstete, Helferinnen, Staffage. Ganz so keusch ist diese asketische Männerwelt allerdings nicht. Schon während des Vorspiels deutet Scheib ein kleines Techtelmechtel zwischen Gurnemanz und einer Bediensteten an, die Kundry auffällig ähnelt. Selbst der akademisch-protestantische Körper scheint gegen sinnliche Verlockungen nicht vollständig immun zu sein.
Georg Zeppenfeld verkörpert diesen Gurnemanz beinahe idealtypisch: schlank, asketisch, kontrolliert. Und er singt ihn so kultiviert, dass ich manchmal denke: schöner geht es nicht –
vielleicht sogar ein wenig zu schön. Seine sonore Bassstimme ist technisch nahezu makellos geführt, die Textverständlichkeit frappierend, jede Phrase modelliert. Zeppenfeld ist auf dieser Bühne eine selbstverständliche Autorität. Ein akademisch kultivierterer Gurnemanz ist derzeit schwer vorstellbar.
Der körperliche und musikalische Gegenentwurf steht unmittelbar daneben: Michael Volle als Amfortas. Wenn Zeppenfeld den apollinisch-protestantischen Körper verkörpert, dann
besitzt Volle geradezu einen dionysisch-katholischen: voller, sinnlicher, diesseitiger, lukullischer. Und auch das passt zu einer Figur, deren Empfänglichkeit für erotische Verlockungen die Gralsgemeinschaft überhaupt erst in ihre gegenwärtige Krise gestürzt hat.
Volles Amfortas lebt. Da ist Schmerz, Verzweiflung, Überdruss, Leidenschaft. Seine Töne besitzen vielleicht nicht immer die akademische Makellosigkeit Zeppenfelds, dafür hört man dieser Stimme die Figur an. Amfortas leidet an jener Wunde, die Klingsor ihm mit dem geraubten Speer zugefügt hat und die sich seither nicht schließen will. Kundrys Kräuter aus aller Welt helfen nicht, Bäder helfen nicht. Amfortas will nur noch eines: das Ende. Doch mgenau das verweigert ihm die Zeremonie: Jede neue Einnahme der Wunderdroge verlängert auch sein Leiden.
Scheib macht aus dem Gralsmysterium eine Art religiöses Drogenritual. Im Zentrum steht dabei ein großer pinkfarbener Kristall, der mit einer blutähnlichen Flüssigkeit übergossen wird. Daraus entsteht eine Art Zaubertrank, Lebenselixier, Wunderdroge. Unter einem aus kreisförmig angeordneten Neonröhren gebildeten Strahlenkranz versammelt sich die Gemeinschaft zur Liturgie. Die Brüder steigen zuvor aus einer dampfenden Grube empor, gelbliche Rauchschwaden erinnern an Schwefelnebel.
Und die Droge wirkt. Vitalij Kowaljow als Titurel erscheint zunächst als greiser alter Mann mit langem grauem Haar und Wuschelbart. Nach der Zeremonie ist er wie verwandelt: Bart weg,
Haare weg, Jahrzehnte jünger. Quietschfidel hüpft er durch die Gegend und planscht im Wasserbecken. Der Gral als Verjüngungsmittel. Longevity avant la lettre.
Parsifal beobachtet all das mit Interesse und sichtbarer Anteilnahme am Leiden Amfortas‘. Er fühlt, was dort geschieht, kann es mit Worten aber nicht erklären. Gurnemanz reicht das nicht. Dass Scheibs „Parsifal“ ursprünglich als Augmented-Reality-Projekt konzipiert wurde, merkt man dieser ersten Verwandlung besonders deutlich an. Ein Teil des Publikums konnte in früheren Spielzeiten mit speziellen AR-Brillen zusätzliche Bildebenen sehen. In diesem Jahr wird darauf verzichtet.
Ganz verschwunden ist die mediale Erweiterung des Bühnenraums allerdings nicht. Auf einer großen Leinwand im Hintergrund erscheinen immer wieder Live-Bilder und Videoimpressionen von Joshua Higgason: Wasserflächen, Nahaufnahmen, schlafende Körper. So entsteht auch ohne AR eine zweite visuelle Ebene, die den realen Bühnenraum überlagert und erweitert. Ich gehörte damals nicht zu dem privilegierten Teil des Publikums und kann deshalb nicht beurteilen, wie spektakulär die Verwandlung mit Brille tatsächlich wirkte.
Ohne sie wirkt ausgerechnet einer der berühmtesten Momente des Werkes unfreiwillig komisch. Gurnemanz verkündet sinngemäß, man schreite kaum und sehe doch alles sich verwandeln, „zum Raum wird hier die Zeit“. Und es passiert: nichts.

Klingsors Zaubergarten. Copyright: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele
Das künstliche Paradies
Umso spektakulärer ist der Wechsel in Klingsors Reich. Nach der Kargheit der Gralswelt öffnet sich im zweiten Aufzug ein üppiges, farbgesättigtes künstliches Paradies. Riesige exotische Pflanzen und Blumen überwuchern die Bühne. Plötzlich versteht man sehr gut, warum diese Parallelwelt eine gewisse Attraktivität besitzt.
Selbst Klingsors Architektur erzählt davon. Einer Ecke seines Hauses fehlt gewissermaßen ein Stück; die Aussparung erinnert auffällig an die Form jenes Kristalls, der bei den Gralsrittern verehrt wird. Klingsors Sehnsucht nach der Gemeinschaft, aus der er ausgeschlossen wurde, ist in sein Haus hineingebaut.
Die Puppenleichen auf der Bühne erzählen zugleich vom Preis dieses Paradieses: Männer, die den Blumenmädchen bereits erlegen sind.
Jordan Shanahan gibt Klingsor mit markanter Schärfe, kräftiger Stimme und ausgezeichneter Textverständlichkeit. Vor allem darstellerisch besitzt er jene gefährliche Energie, die diese Gegenwelt benötigt.
Und dann Kundry. Mit Spannung hatte ich Miina-Liisa Väreläs Rollendebüt erwartet, nachdem ich sie bereits als jugendlich-lyrische Brünnhilde in Tobias Kratzers „Walküre“ an der Bayerischen Staatsoper erlebt hatte. Auch als Kundry bestätigt sie für mich ihren Ausnahmestatus. Die Stimme besitzt Fülle und eine strahlende Höhe, zugleich Wärme, Tiefe und Zartheit. Sie kommt nicht aus dem hochdramatischen Fach, verfügt aber über genügend Kraft und vor allem über eine enorme Ausdrucksfähigkeit. In der großen Verführungsszene spannt sie einen beeindruckenden Bogen zwischen erotischer Attacke, Verzweiflung und Verletzlichkeit.
Und unter den Blumenmädchen leuchtet Evelin Novak mit ihrem unverwechselbaren, wunderschönen Sopran hervor – eine kleine Partie, aber an diesem Abend eine sehr feine vokale Kostbarkeit.
Parsifal widersteht den Blumenmädchen. Auch Kundry vermag ihn nicht zu verführen. Aber ihr Kuss verändert alles.
Ausgerechnet durch diese sinnliche Berührung und Erfahrung wird der Tor wissend. Er erkennt Amfortas‘ Schmerz, begreift seine eigene Bestimmung, gewinnt den Speer zurück und besiegelt Klingsors Untergang. Kundry schleudert ihm zum Abschied noch ihren Fluch hinterher: Er soll den Weg zurück zur Gralsgemeinschaft nicht finden. Und er findet ihn tatsächlich lange nicht.
Jahre später
Als Parsifal im dritten Aufzug zurückkehrt, sind Jahre vergangen. Von der einstigen Gralsgemeinschaft ist nicht mehr viel übrig. Aus ihr ist eine Art Goldgräbergesellschaft geworden. Schweres Gerät beherrscht die Bühne, ein Schürfbagger frisst sich durch den ohnehin zerstörten Boden. Vielleicht sind wir inzwischen bei seltenen Erden, Lithium, Kobalt angekommen – der Gral als Energiequelle einer Gesellschaft, die ohne ihren Stoff nicht mehr leben kann.
Auch die Kostüme haben sich verändert. Aus den früheren, fast nachthemdartigen Gewändern sind prachtvolle, seidig glänzende, militaryartige Uniformen geworden. Merkwürdig ist nur, dass diese auffällig neu und ungetragen aussehen. In einer Welt, in der alles zerfällt, wirken ausgerechnet die Kostüme wie frisch aus der Schneiderei. Solche handwerklichen Inkonsistenzen irritieren mich an Scheibs Inszenierung mehr als manche ihrer großen konzeptionellen Setzungen.
Denn ansonsten ist der Zerfall unübersehbar. Amfortas hat seit Jahren die Enthüllung des Grals verweigert. Damit entzieht er der Gemeinschaft ihre lebensspendende Droge. Die Männer sind erschöpft, geschwächt, am Ende ihrer Kräfte. Titurel ist jüngst verstorben.
Im ersten Aufzug hat ihn der Gral wundersam verjüngt. Nun steht seine Beerdigung bevor. Offenbar muss man diese Droge regelmäßig einnehmen. Auch Gurnemanz hat seine frühere Funktion als Lehrer und Hüter der Gemeinschaft weitgehend verloren. In diese desolate Welt kehrt Parsifal zurück, im Hoodie, nach jahrelanger Wanderschaft – erstaunlicherweise noch immer in denselben ziemlich gut erhaltenen Schuhen. Kundry wäscht ihm die Füße, Gurnemanz salbt ihn zum neuen König. Parsifal wiederum erlöst Kundry von dem Fluch, der auf ihr liegt.
Aus dem großen Wasserbecken steigt schließlich erneut jener kreisförmige Strahlenkranz empor, der zuvor schon über der Gralszeremonie schwebte. Das Ritual wiederholt sich, aber
nicht unverändert. Denn Parsifal heilt zwar Amfortas mit dem zurückgebrachten Speer und enthüllt den Gral, aber anschließend zerstört er den Kristall. Er wirft ihn zu Boden, das Heiligtum zerbricht.
Kundry darf endlich schlafen. Und Gurnemanz darf seine Beziehung zu jener Kundry ähnelnden Frau nun offenbar offen leben. Die Inszenierung endet mit einem Hauch von Utopie. Der Gral ist zerbrochen, die alte Ordnung auch.
Zum Klangraum wird hier die Zeit
So fragwürdig manche szenische Entscheidung für mich ausfällt, so sehr ist dieser „Parsifal“ musikalisch über alle Zweifel erhaben. Was Pablo Heras-Casado mit dem Bayreuther
Festspielorchester macht, gehört für mich zu den schönsten Wagner-Erfahrungen der vergangenen Jahre. Schon nach wenigen Takten war ich überwältigt. Schöner, leichter, feiner, raffinierter, verführerischer und zugleich beglückender habe ich „Parsifal“ kaum gehört.
Heras-Casado hat sich für mich endgültig als einer der großen Wagner-Dirigenten unserer Zeit etabliert. Er nimmt dieser Musik jede falsche Schwere, ohne ihr das Gewicht zu nehmen. Das Orchester bleibt transparent, atmend, in den stillen Momenten beinahe kammermusikalisch und entwickelt im großen Tutti dennoch eine überwältigende Kraft. Besonders der Karfreitagszauber besitzt unter seiner Leitung jene schwebende Leuchtkraft, bei der sich Zeit tatsächlich in Klang aufzulösen scheint.
Und dann dieser Chor. Unter der Leitung von Thomas Eitler-de Lint erreicht der Bayreuther Festspielchor einmal mehr jenes Niveau, bei dem man sich ernsthaft fragt, wie ein
Opernchor eigentlich noch besser klingen soll: machtvoll und geschlossen im großen Klang, zugleich differenziert, präzise und von einer geradezu selbstverständlichen Homogenität.
Und dieses Niveau setzt sich bei den Sängern fort. Zeppenfelds Gurnemanz ist in seiner Kultiviertheit eine Klasse für sich, Volles Amfortas sein leidenschaftlicher Gegenpol, Väreläs Kundry eine fulminante Überraschung. Und Andreas Schager als Parsifal? Zwei Tage zuvor hatte ich ihn als Rienzi erlebt und mir ernsthaft Sorgen gemacht. Der scheinbar unermüdliche Marathonmann unter den Heldentenören hatte früh enorm viel Kraft investiert, überpaced und sich schließlich nur dank seiner ganzen Erfahrung gerade noch ins Ziel gerettet. Stellenweise schien er die Kontrolle über seine Stimme zu verlieren.
Nun, zwei Tage später: Auferstehung. Schager wirkt beinahe vollständig regeneriert. Die Stimme besitzt wieder ihre bekannte Strahlkraft, ihre dynamische Energie und heldische
Durchschlagsfähigkeit. Zugleich findet er für den anfänglichen Toren eine erstaunliche Unmittelbarkeit und für den wissenden Parsifal des dritten Aufzugs die nötige Innigkeit. „Nur eine Waffe taugt“ verbindet Kraft und Wärme auf beeindruckende Weise. Schager singt diesen Parsifal nicht nur. Er lebt ihn.
Für mich ist das eine „Parsifal“-Besetzung auf absolutem Referenzniveau.
An Jay Scheibs Regie scheiden sich weiterhin die Geister. Ich sehe darin durchaus starke Gedanken: den Gral als Wunderdroge, die erschöpfte Gemeinschaft, das künstliche Paradies Klingsors, die zerstörte Natur und schließlich die seltsame Verwandlung der Gralsritter in eine Goldgräbergesellschaft. Der Zusammenhang zwischen Gral, Energie,Rohstoffen und seltenen Erden ist dabei durchaus interessant.
Nur sieht man ihn nicht unbedingt auf den ersten Blick. Manche Ideen bleiben Behauptungen, anderes wirkt handwerklich erstaunlich nachlässig. Und der Verlust der Augmented-Reality-Ebene scheint an einigen Stellen Lücken hinterlassen zu haben, die auch durch die verbliebene Videoebene nicht vollständig geschlossen werden.
Im kommenden Jahr wird Ersan Mondtag einen neuen „Parsifal“ für Bayreuth inszenieren. Nach seiner jüngsten „Ariadne auf Naxos“ in Salzburg bin ich sehr gespannt, was er mit
Wagners „Bühnenweihfestspiel“ anfangen wird. Vielleicht wird man sich dann sogar nach Jay Scheib zurücksehnen.
Bei Titurel und der gesamten Gralsgemeinschaft führt die Einnahme des Grals zur wundersamen Verjüngung. Mir geht es nach fünf Stunden „Parsifal“ ähnlich. Auch ich verlasse das Festspielhaus mit mehr Energie und mit dem dringenden Wunsch nach der nächsten Dosis.
Die Drogen Wagner und Parsifal wirken. Für mich ist der Gral am Ende Musik, von der man nicht genug bekommen kann und die süchtig macht.
Berauschend. Beglückend. Da capo
Dr. Eric Alexander Hoffmann

