Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BAYREUTH/ Festspielhaus: GÖTTERDÄMMERUNG Ring 10010110)“

02.08.2026 | Oper international

Bayreuth: „GÖTTERDÄMMERUNG (Ring 10010110)“ – Premiere im Festspielhaus Bayreuth, 01. 08.2026

Oper in drei Akten von Richard Wagner

ba1
Foto: Enrico Nawrath für Bayreuther Festspiele

Bildlich wieder ein zunächst relativ friedlicher, schließlich jedoch trügerischer Beginn erwartete uns beim finalen Abend der Tetralogie – wieder eine nostalgisch-rotbraunstichige Bühnenskizze aus dem Uraufführungsjahr, dann gefolgt von einem s/w-Bild wohl aus der Wieland-Wagner-Ära, in dem sogar das Schicksalsseil zu sehen ist. Und obwohl manche Bilder seitens der KI noch länger als an den bisherigen drei Abenden auf dem Gazeschirm verweilen – meist reicht es doch nicht, diese und ihre Beziehung zur Handlung oder Musik ausreichend betrachten, begreifen und bedenken zu können. Weil ja auch oft recht wahllos zu Historienikonen gegriffen wird, ohne näheren Bayreuth- oder „Ring“-Bezug bzw. ohne klaren Bezug zu einer früheren, jetzt wieder zitierten Inszenierungsidee – Ronald Reagan und Michail Gorbatschow, Frank Sinatra, Die Deutsche Einheit, der Euro, die brennenden WTC-Türme vom 9/11, ein überfülltes (Flüchtlings-)Schlauchboot wohl im Mittelmeer oder eine Ortstafel von Schengen. Zu Beginn des dritten Aktes blickt uns ein Portrait von Valentin Schwarz an, der den letzten szenischen „Ring“ (2022 – 2025) verantwortet hat. War jetzt auch nicht die große Freude. Dafür kommt das eine oder andere Feuerinferno irgendwann auf den Projektionsschirm, aber eher weniger davon im Finale…

Immerhin gibt’s diesmal nicht nur überwiegend Stehgesang, sondern auch Interaktionen zwischen den nach wie vor verwechslungsträchtig verhüllten Charakteren – so der innige Abschied Brünnhilde/Siegfried vor der Rheinfahrt, die gewaltsame Verschleppung der Ex-Walküre mit dem (freilich nicht szenisch ausgeführten) Tarnhelmtrick, ums Haar sogar einen Verschwörungshandschlag zum Ende des zweiten Aktes und ein doch recht eindrücklicher Mord Hagens an Siegfried; die Lanze dazu muß man sich freilich denken, wie zuvor schon Wotans Speer und Notung – nur Grane kommt einmal (im ersten Akt) kurz in den Projektionen vor. Und die Rheintöchter greifen wegen ihres dem der Nornen (und im Grunde aller anderen) recht ähnlichen Erscheinungsbildes beim Applaus zu einem Identifikationsgag: Wellgunde & Co. machen Unterarm-la ola, was aus dem Saal natürlich mit Heiterkeit quittiert wird; ob Pia Maria Mackert (Kostüme) mitgelacht hat?

ba2
Foto: Enrico Nawrath für Bayreuther Festspiele

Christian Thielemann hat erneut die musikalische Seite beispielhaft im Griff: die vielfältig wallenden Emotionen schon des ersten und zweiten Aktes blühen eindrücklich. Der dritte Akt ist dann einfach nur mehr unüberbietbar an – innerlich logisch und organisch eingesetzter – Dynamik und Agogik, die Stimmungen und Situationen direkt in die Ohren und Gehirne des Publikums projizieren: die Bühne und das, was Solistinnen und Solisten tun dürfen, geben das ja nicht her. Ob der Dirigent auch dafür verantwortlich ist, daß beim Trauermarsch der Vorhang geschlossen bleibt? Angesichts des immer wieder zu verzeichnenden (und anscheinend nicht von außen beeinflußbaren) visuellen Kuddelmuddel kunterbunt eine Idee, die dem Abend sehr gut tut.

Unter Thielemanns Leitung und Einstudierung geriert sich des Festspielorchester als wahre „Wunderharfe“ Dresdner Zuschnittes, das die Umsetzung des Vorbeschriebenen in makellosester Technik und Musikalität besorgt. Ähnliches ist auch über den Festspielchor (Leitung: Thomas Eitler-de Lint) zu vermelden: stabiler, rhythmisch und dynamisch felsenfest mit dem Dirigenten verbundener, artikulationsdeutlicher Gesang, alleine für sich schon ein Erlebnis!

Klaus Florian Vogt (Siegfried) ist nun schon den vierten Ring-Abend (in seiner dritten Rolle) ein Muster an stimmlicher Stabilität und Qualität: auch ohne baritonales „Helden“-Timbre paßt der Stimmkern, ist keine Anstrengung erkennbar, liefert er gute Diktion und insgesamt eine hervorragende Interpretation des „freien Helden“, den sich Wotan erträumte.

Die Brünnhilde von Camilla Nylund beginnt zwar wieder mit den schon in „Walküre“ und „Siegfried“ merklichen Schwächen, kann aber im langen Finalmonolog das Wobble-Vibrato fast völlig ablegen, trotz immer wieder erforderlicher hoher Lautstärke, und so zu einem sehr befriedigenden Ende dieser ersten „Ring“-Serie finden.

ba4
Foto: Enrico Nawrath für Bayreuther Festspiele

Waltraute statt Erda: Christa Mayer hat auch heute abend wieder einen nicht nur für den Handlungsverlauf (leider vergeblichen) eindrücklichen Auftritt; sie gestaltet ihn mit ihrer vorzüglichen Stimme und sehr guten Diktion als Ereignis.

Mika Kares mag nicht ganz den (unforciert!) geradezu erschreckenden Schalldruck eines Günter Groisböck oder dessen Diktion erreichen, aber sein Hagen ist trotzdem von erlesener Qualität. Auch Michael Kupfer-Radecky (Gunther), Jochen Schmeckenbecher (Alberich) und Magdalena Hinterdobler als Gutrune sowie 3. Norn bieten vorzügliche Leistungen. Letztere Gruppe ist außerdem mit Anna Kissjudit (am Montag und Dienstag als überzeugende Fricka besetzt) und Alexandra Ionis sehr gut bei Stimme.

Die Rheintöchter sind mit Katharina Konradi (Woglinde), Natalia Skrycka (Wellgunde) und Marie Henriette Reinhold (Floßhilde) ident zu „Rheingold“ und imponieren mit ebensolcher Güte wie am 27. 7.

Die Premiere schließt mit dem zu den letzten Takten der Musik fallenden Vorhang. Gewaltiger Applaus, Bravorufe, Getrampel bricht los – anfänglich mit einigen Buhs durchsetzt, aber nach Erscheinen der Sängerinnengruppen und der Protagonistenriege rein und sehr laut positiv. Trotzdem gibt’s dann noch eine Steigerung, als Christian Thielemann vor den Vorhang tritt – und den Applaus auch auf Orchester und Souffleuse (Ute Gherasim) lenkt. Die Begeisterung hält 17 Minuten an – eine einminütige, durch ebenso einhellige und laute Buhrufe gefüllte Pause zwischendurch gibt es aber, als das Produktionsteam (Marcus Lobbes, Nils Corte, Andri Hardmeier, Roman Senkl, Phil Hagen Jungschlaeger, Pia Maria Mackert sowie Wolf Gutjahr) vor dem Vorhang erscheint.

batr
Schlussapplaus für Dirigent und Ensemble. Foto: Petra und Helmut Huber

bat
Schlussapplaus für Leitungsteam. Foto: Petra und Helmut Huber

Konzertanter Ring mit digitaler Bebilderung – hatten wir in Linz (2004, „Rheingold“) auch schon einmal, nur halt mit Bildern, die ABSICHTLICH erstellt wurden. Wobei gutunterrichtete Kreise darauf hinweisen, daß die aktuelle Bayreuther Billiglösung auch eine Vorgeschichte hat, die nicht nur in finanziellen Sparzwängen wurzelt, sondern auch in nicht eingehaltenen Regisseurs- (bzw. Regisseusen-)Zusagen aus früheren Jahren und daraus folgender Verstolperung der Langfristplanung.

Wenns um echte theatertechnische (nicht interpretatorische) Innovation für den Ring geht, hat bei uns immer noch Chen Shi-Zheng die Nase vorne (2023, im fernen Brisbane – 15.912 km), wobei dessen – aber teures und sicherlich auch vom chinesischen Staat kräftig gefördertes! – Konzept mit einem auf UHD-Vidiwalls basierenden Kulissentheater im Bayreuther Festspielhaus vermutlich einsetzbar wäre.

ba6
„Fundstück“ auf dem Luitpoldplatz. Auch die Stadtgärtnerei macht mittels Türmatte beim Jubiläum mit.  Foto: Petra und Helmut Huber

Petra und Helmut Huber

 

Diese Seite drucken