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BAYREUTH/ Festspielhaus: “GÖTTERDÄMMERUNG“. Der KI-Fiebertraum kühlt ab – die Bilder werden zwar lesbarer, aber musikalisch-dramaturgisch noch nicht klüger

10.08.2026 | Oper international

Vom Mythos zum Algorithmus

Bayreuths “Götterdämmerung“: Der KI-Fiebertraum kühlt ab – die Bilder werden zwar lesbarer, aber musikalisch-dramaturgisch noch nicht klüger

Vorstellung vom 9.8.2026

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Copyright: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele

„Same, same, but different – and a little bit better.“ Die nach wie vor von Marcus Lobbes bewusst nicht inszenierte, sondern kuratierte “Götterdämmerung” macht dort weiter, wo der “Siegfried” aufgehört hat. Bildmächtig und technisch avanciert. Nur scheint der Fiebertraum ein wenig abgekühlt. Die Bilder laufen langsamer, ihre Wechsel sind deutlich reduziert, der visuelle Rausch ist weniger fiebrig. Und das tut zunächst einmal gut.

Die künstlich generierten Bildwelten sind dadurch besser lesbar. Man erkennt mehr, kann länger hinschauen, Zusammenhänge herstellen. Doch die entscheidende Frage bleibt: Werden die Bilder dadurch auch dramaturgisch klüger? Noch nicht ganz.

Denn weiterhin fehlt mir häufig eine unmittelbare Verbindung zwischen dem, was visuell auf der Bühne passiert, und dem, was in Text und Musik geschieht. Die Bilder begleiten lediglich dekorativ die Handlung, nicht dramaturgisch. Bei den Nornen etwa, wenn das Seil reißt, läuft die Bilderflut weitgehend unbeeindruckt weiter. Auch bei Siegfrieds Tod wäre dies ein Moment, an dem die visuelle Ebene unmittelbar reagieren könnte: ein abruptes Erlöschen der Bilder, ein schwarzer Bühnenraum, ein kurzer visueller Stillstand. Doch auch hier läuft der Bilderstrom unbeeindruckt weiter.

Gerade an solchen markanten Stellen wird sichtbar, dass die KI zwar visuelle Zusammenhänge herstellen kann, aber noch keine wirkliche musikalisch-dramaturgische Kausalität. Doch das wird sich sehr schnell ändern. Vielleicht fehlt heute schlicht noch die technische Rechenleistung oder das entsprechende Training. In kurzer Zeit könnte diese Produktion bereits wieder anders aussehen. Und gerade das wäre ganz im Sinne des Bayreuther Werkstattgedankens: Warum sollte man diesen Ring nicht in zwei Jahren mit einem technischen Update erneut zeigen, einen Ring 10010110 reloaded? Die musikalischen Leitmotive könnten dann vielleicht tatsächlich von visuellen Leitmotiven begleitet werden, die sich nicht nur assoziativ, sondern dramaturgisch sinnvoll entwickeln.

Vielleicht ist das sogar die eigentliche Zukunftsperspektive dieses Projekts. Wenn die KI mit jeder neuen Aufführung nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich weitertrainiert wird, könnte aus dem visuellen Archiv irgendwann tatsächlich eine dramaturgische Intelligenz entstehen. Und auch die jeweils aktuelle Produktion könnte dann Teil dieses kulturellen Gedächtnisses werden. Der Ring würde sich gewissermaßen selbst weitertrainieren.

Vielleicht könnte die KI dann sogar die Utopie von Theaterreformern wie Edward Gordon Craig wahr werden lassen, der bereits um 1900 von der Übermarionette träumte, von einem vollständig formbaren Bühnenkörper, der nicht mehr der psychologischen Unberechenbarkeit des Schauspielers unterworfen ist. Im Zeitalter der KI könnten die Sänger*innen als eine Art Übermarionette/Avatar vollständig in dieses virtuelle synästhetische Gesamtkunstwerk integriert werden. Gesungen und im Orchester gespielt würde weiterhin live, aber die Körper auf der Bühne wären nur noch digitale Erscheinungen. Ob das eine Verbesserung wäre? Ich weiß nicht, wie das wird, interessant wäre es. Aber das bleibt Zukunftsmusik.

Was diese “Götterdämmerung” und den gesamten “Ring” konzeptionell eigentlich spannend macht, ist neben der technischen Avanciertheit das Material, aus dem ihre Bilder entstehen. Die KI wurde mit rund 150 Jahren Bayreuther Festspielgeschichte, mit Theater-, Inszenierungs- und Zeitgeschichte gespeist. Sie verfügt damit über eine Art riesiges kulturelles Gedächtnis, in dem sich nicht nur frühere Kunst, sondern die Kulturgeschichte einer ganzen Epoche konserviert hat.

Auf den nun entschleunigten Bildern lässt sich das deutlich besser erkennen. Historische Bühnenbilder, Figurinen und Bühnenbildentwürfe tauchen auf, aber auch politische und gesellschaftliche Bildwelten: Kohl, Gorbatschow, Reagan, Bilder von Währungsunion und europäischer Einheit, auch wenn der Bezug zum Ring – es geht auch hier um mächtige Männer und ums Geld – eher vage bleibt. Daneben erscheinen weiterhin abstrakte Farbflächen, Landschaften, Felsformationen, Gebäudereste, Aquarelle, dekonstruktivistisch explodierende Bildräume.

An der szenischen Grundkonzeption hat sich gegenüber dem “Siegfried” also kaum etwas verändert. Der in der „Götterdämmerung“ vorkommende große Chor singt hinter der Leinwand und ist darstellerisch nicht zu sehen. 150 Jahre nach der Erfindung des unsichtbaren Orchesters nun also erstmals in der Geschichte der Bayreuther Festspiele auch der unsichtbare Chor.

Die Protagonisten sind – je nach Sitzplatz – mal besser, mal schlechter zu sehen. Die kleinen Kugeln am Kopf der Sänger – offenbar Tracker, die gemeinsam mit der Stimmabnahme ihre GPS-genaue Position bestimmen – ermöglichen eine geradezu mathematische Lichtregie. Die technische Präzision der Beleuchtung und der Projektionen bleibt beeindruckend. Das erinnert stellenweise an die Präzisionsarbeit eines Robert Wilson.

Manchmal allerdings stehen die Sänger trotzdem im Dunkeln, obwohl sie etwas mehr Licht benötigen könnten. Auch müssen sie aufpassen, sich gegenseitig nicht buchstäblich das Licht zu nehmen.

Noch stärker als im “Siegfried” fällt auf, dass sich einzelne Sänger gegen diese skulptural-statische Personenregie zu wehren und zu emanzipieren beginnen. Ein kleiner Aufstand der Menschen gegen die Maschinen? Besonders Klaus Florian Vogt und Camilla Nylund scheinen die Grenzen des Konzepts gelegentlich ein wenig zu überschreiten. In ihren Begegnungen entsteht etwas, das die Inszenierung sonst kaum zulässt: körperliche Berührung und Emotionalität.

Klaus Florian Vogt bleibt dabei der lyrische, helle Wagner-Tenor, der er immer war – inzwischen allerdings mit einer zunehmend heldischeren Kraft. Er besitzt eine eigene Stimmfarbe, die sich mühelos gegen das Orchester behauptet. Auch hier zeigt sich seine große Erfahrung mit Wagner: Er singt nicht gegen die Rolle an, sondern aus seinen eigenen Möglichkeiten heraus.

Camilla Nylund beginnt ihre Brünnhilde bewusst zurückhaltend und kontrolliert. Das ist eine mörderische Partie, und man spürt, dass sie sich ihre Kräfte einteilt. Sie muss bis zum Schlussgesang durchhalten. Ihre Stimme ist keine schwere, hochdramatische Brünnhilde, sondern sie nähert sich der Partie von der lyrischen Seite. Inzwischen verfügt sie allerdings über jene vokale Kraft und Technik, die der Partie durchaus gewachsen ist. Leuchtkraft, Wärme und technische Kontrolle verbinden sich mit einer bemerkenswerten emotionalen Feinheit.

Mika Kares als Hagen ist der vokale Fels in dieser künstlichen Welt. Ein dunkler, schwerer, voluminöser Bass, dazu kommt eine beeindruckende Textverständlichkeit.

Und Christa Mayer als Waltraute bringt jene dunkle, kräftige, schwer timbrierte Stimme ein, die dieser Figur unmittelbar Gewicht verleiht.

Eine besondere Erwähnung verdient Anna Kissjudit als Erste Norn. Ihre stimmliche Präsenz und Autorität sind außergewöhnlich; schon das Timbre ihrer Stimme besitzt ein unverwechselbares Alleinstellungsmerkmal.

Über allem aber steht Christian Thielemann. Was aus diesem Graben kommt, ist weder künstlich noch menschlich. Es ist einfach nur außerirdisch.

Thielemann lässt das Orchester atmen, schichtet die Stimmen transparent übereinander und arbeitet mit pulsierenden Tempowechseln, gewaltigen Steigerungen und feinsten dynamischen Abstufungen. Ich habe Instrumente und Klangfarben gehört, die mir in anderen Ring-Zyklen bisher kaum aufgefallen sind. 

Und wieder gehören die Momente, in denen der Vorhang geschlossen ist und nur das Orchester spielt, zu den stärksten des Abends. Siegfrieds Tod ist überwältigend und für mich der musikalische Höhepunkt des Abends.

Ich kann mir gut vorstellen, dass der geschlossene Vorhang und das Schweigen der Bilder ursprünglich von der Kuration gar nicht so vorgesehen waren. Gut möglich, dass die ästhetische Geschlossenheit eigentlich verlangt hätte, auch während der orchestralen Zwischenspiele das Bilderrauschen fortzusetzen. Ich könnte mir jedoch auch gut vorstellen, dass Thielemann darauf bestanden hat, dass die Musik an diesen Stellen allein sprechen darf, und das ist auch gut so. Denn sobald die Bilder schweigen, entsteht plötzlich genau jener emotionale Resonanzraum, den die permanente Visualisierung häufig verschließt. Wagner darf – Gott und Thielemann sei Dank – atmen.

Wenn sich die Musik dann endlich einmal austoben und sich unter dem feinen, dynamisch pulsierenden, transparenten, fast schwebenden Dirigat von Thielemann frei entfalten kann, dann ist das ein absoluter Glücksfall.

Leider ist es dann tatsächlich ein bisschen schade, dass dieser Jubiläumsring mit seiner herausragenden Jubiläumsbesetzung und seinem herausragenden Jubiläumsdirigenten sich dann szenisch und darstellerisch nicht so in der Exzellenz verbindet, wie es sich hätte verbinden können in einer visuell ein wenig konventionelleren, mehr “menschlicheren” Herangehensweise. Das bleibt für mich so ein bisschen ein Wermutstropfen, denn das, was aus dem Orchester von Thielemann kommt und von der Bühne gesanglich zu hören ist, ist zum größten Teil berauschend und beglückend.

Trotz aller szenischen Vorbehalte ist dieser Ring und diese “Götterdämmerung” für mich ein bemerkenswertes und im besten Sinne des Wortes fragwürdiges Experiment.

Der Schlussapplaus fällt entsprechend intensiv und ambivalent aus. Standing Ovations für Thielemann, großer Jubel für die Sänger – und weiterhin ein heftiger Buh-Orkan für die “Regie”, was angesichts der Schwächen der szenischen Konzeption für mich nachvollziehbar ist, auch wenn ich die Vehemenz dieser Reaktion nicht in jeder Hinsicht teile.

Unverständlicher sind für mich die vereinzelten Buh-Rufe gegen Camilla Nylund, die sich mit zahlreichen Brava-Rufen mischen. Nylund ist keine Birgit Nilsson und keine Lise Davidsen – aber sie muss das auch nicht sein. Sie ist ein anderer Stimmtyp: lyrisch, fein, technisch außerordentlich kontrolliert. Sie ist bei sich geblieben und hat die Brünnhilde nicht zur Brüllhilde gemacht, hat nicht überpaced und ihre Kräfte klug eingeteilt.

Auch Klaus Florian Vogt gehört nicht zum Typus des klassischen strahlenden Heldentenors deutscher Wagner-Tradition. Aber genau darin liegt seine Eigenart. Er hat mit seiner hellen, lyrischen und inzwischen zunehmend heldisch werdenden Stimme eine ganze Generation von Wagner-Tenören geprägt. Er und Nylund sind kluge Sänger, die wissen, was ihre Stimmen leisten können – und was nicht. Sie gehen mit ihren Kräften ökonomisch und kontrolliert durch diesen enorm langen Abend.

Der unangefochtene, strahlende Held des Abends ist Christian Thielemann. Er hält die Fäden zusammen, lässt das Orchester atmen und entwickelt aus den pulsierenden Tempowechseln, den gewaltigen Fortissimi und den feinsten Pianissimi eine Klangwelt von einer Differenziertheit, wie ich sie in der Götterdämmerung nur selten gehört habe. Von daher sind die Standing Ovations für ihn vollkommen verdient.

Der Weg vom Mythos zum Algorithmus ist mit diesem Ring 10010110 begonnen worden. Zu Ende gegangen und gedacht ist er für mich allerdings noch nicht. Es bleibt spannend zu sehen, wie das wird.

Dr. Eric Alexander Hoffmann

 

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