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BAYREUTH/ Festspielhaus: DAS RHEINGOLD. Vorabend des „Ring des Nibelungen“. Premiere

01.08.2022 | Oper international

Das Rheingold in Bayreuth: Alberichs großer Gedanke?. Premiere am 31.7.2022

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Egils Silins (Wotan),  Attilio Glaser (Froh), Christa Mayer(Fricka), Raimund Nolte (Donner), Daniel Kirch (Loge). Foto: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele

Der Ring als Bruderzwist in einer Familiensaga? Wotan und Alberich, die Brüder, von denen der eine sich (zumindest anfangs) auf wonnigen Höhen sonnt, der andere dagegen „ungeliebt, mittellos und darüber gefährlich geworden“ ist, wie es Regisseur Valentin Schwarz, knapp nach Patrice Chéreau der jüngste zumindest der Ring-Festspielgeschichte, auf seinem Waschzettel zur Handlung anspricht. Dagegen spricht eigentlich nichts, zumal sich die Idee im dramatischen Vollzug kaum aufdrängt, ihr Dasein zumindest an diesem ersten Abend einzig im Anfangsbild fristet, wo zum einlullenden Es-Dur-Weltenanfang zwei Föten an einer Nabelschnur hängen. Ein visuell ansprechender, obergäriger Einfall!

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Olafur Sigurdarsson (Alberich). Foto: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele

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Arnold Bezuyen (Mime) und die Schülerstatistinnen. Foto: Foto: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele

Die erste Szene am Rhein ist in Gouvernanten-Ästhetik gehalten: Die Rheintöchter passen auf eine Gruppe Kinder auf, sechs niedliche Wesen, nur eines sitzt seitab, die Spritzpistole in der Hand, dem fröhlichen Kinderdasein abgewandt. Prompt macht sich Alberich, der ein ähnliches Schicksal hatte, ihn zunutze. Er entführt den Buben und züchtet sich in seinem Körper eine Art Herrenmenschen mit Narrenfreiheit heran, dem der Trieb zur Unterdrückung eingeimpft wird: Als Wotan und Loge in Nibelheim ankommen, sitzen in einem Glaskobel verwechselbare, wie geklont aussehende Mädchen, in deren Gesellschaft der entführte Bub sich austoben, Suppe an die Wand schütten, die Gefährtinnen an den Haaren, ziehen, ihre Zeichnungen zerreißen, sie mit der Pistole bedrohen darf. Das Kapital, der Ring, ist bei Schwarz das verwerflichste Tun der Welt: jene, die sich noch nicht wehren können, missbräuchlich formen. Man ist gespannt, wie diese Vergegenwärtigung, die mit allem Wagner-Talmi aufräumt, der sich pseudo-modernen Entwürfen oft noch einlagert, in den kommenden Teilen fortwirkt: Hier war kein Ring, kein Speer, kein Schwert, kein Hort auf der Bühne, nur ein goldenes Amulett um Wotans Hals, und doch ging einem die Parabel der Machtverhältnisse vielversprechend auf, freilich zu einem Preis: Das Treiben und Walten der Götter sinkt ins Nebensächliche, ihre Handlungen bis hin zu den mythischen Beschwörungen des Schlusses erübrigen sich – hier ist von scherzoser Idylle, von täppisch verspieltem Vorabend wie auch von mythischem Strahlenkranz szenisch nichts zu sehen.

Musikalisch entspricht dem eine rigorose Reduktion. Einspringer Cornelius Meister, der dem Vernehmen nach trotz knapper Probenzeit viele eigene Wünsche durchsetzte, ließ schlank, rhythmusfroh, dabei zurückgenommen und unter steter Führung eines quecken, hellen Streicherpulses musizieren, wie das hier wohl selten zu hören war. Manches war auch zu schnell, praktisch kein Verweilen eingeplant, was vor allem die Sänger manchmal in Bedrängnis brachte, die im Versuch mitzuhalten dem Tempo teils noch vorauseilten. In Bayreuth ist das zwar nichts Besonderes, aber sängerfreundlich war’s dabei allemal: Man hatte gar den Eindruck, am Vorabend dürfe es noch kein volles Fortissimo geben. Meister fegte derart elegant durch die Partitur, dass es sich nach maximal zweieinviertel Stunden anfühlte; so konsequent hat noch kaum jemand Wagners (verbürgtes?) Behauptung eingelöst, wäre man nicht so langweilig, müsste Rheingold in längstens zwei Stunden vorüber sein. Dass Meister doch auf seine zwei Stunden zwanzig kam, was schnell, aber nicht gerade rekordverdächtig ist (Petrenko war zuletzt bei zweieinviertel), lag unter anderem an seiner Vorliebe für seltsame, nicht immer organische Ritardandi. Im Orchesterschluss geht einem das Ansinnen, wenn es auch etwas grell ist, zumindest auf: Dieser erklingt geradezu als ,Musik über Musik‘, die pompöse Stampede der aufsteigenden Götter geradezu ins Groteske zerrend. Das wäre arg übertrieben, wenn man nicht auf der Bühne sähe, warum: kein Einzug, kein Glanz, kein Etappensieg, nur Wotan, der im oberen, bis dato gesperrten Stockwerk unter verständnislosen Blicken der anderen berauschte Wiegeschritte in Tanzhaltung macht.

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Einzug der Götter in Walhall. Egils Silins (Wotan schreitet voran, Christa Mayer (Fricka) folgt ihm. Raimund Nolte (Donner) und Elisabeth Teige (Freie) noch in Warteposition. Foto: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele

So ein unschön gesungenes Rheingold hat man auch noch kaum gehört: Keiner (!) der Sänger wurde hohen Ansprüchen an Schöngesang gerecht, was für dieses Stück, wie sich einmal mehr und durchaus verblüffend erwies, aber auch kein vernichtendes Zeugnis sein muss. Kaum irgendwo anders erwächst doch die dramatische Persona derart in stetig stützendem Wechsel zwischen Stimme und Spiel, wie das Wagner, seiner Theorie hier auch zeitlich am nächsten, nie wieder erreichte (vielleicht auch nicht wollte). Und so hinterließen der grobe, hart anlautende und Vokale vernebelnde, auch textlich pauschale Wotan von Egils Silins und der heftig bellend durch die Register wildernde Alberich von Olafur Sigurdarsson in Summe keinen schlechten Eindruck, auch wenn der Jubel für letzteren auch deshalb nicht ganz zu begreifen ist, weil er, von der Regie wohl etwas allein gelassen, darstellerisch nicht über banal sinistres Getue hinauslangt: ein Fremdkörper in dieser versachlichten Welt, der dabei gar nicht wirklich fremd, sondern einfach fehl am Platz wirkt. Daniel Kirch als Loge hat weder Weichheit noch charakterliche Schärfe, und wenn er sich szenisch nicht so penetrant hervortäte (ohne dass die ständigen Feixer und  Schlenker mit dem Haar besonders profiliert wären), bliebe wenig von ihm haften. Christa Mayer liefert wohl die ausgeglichenste Leistung des Abends: eine rundum solide, punktgenaue Fricka, was sich auch von Wilhelm Schwinghammers Fafner sagen lässt, während Jens-Erik Aasbø als Fasolt zwar nordisch orgelt, aber jede Schönheit für des verliebten Riesen Kantilenen vermissen lässt. Arnold Bezuyen kann als Mime mit seinem Erz-Charaktertenor einmal mehr punkten und zeigt vor, was es heißt, mit Stimme eine Figur zu zeichnen; Elisabeth Teiges Freia bleibt harmlos zurückhaltend; bei Raimund Nolte (Donner) wird man den Eindruck nicht los, hier wolle einer dunkel tönen, ohne dazu veranlagt zu sein (in der hohen Lage hört man verdächtig Adrian Eröd durch). Attilio Glaser gibt Froh einen angenehm hellen Tenor. Die Rheintöchter (Lea-Ann Dunbar, Stephanie Houtzeel und Katie Stevenson) sind nicht schlecht besetzt, an der Klarheit ihres Gesangs lässt sich aber noch arbeiten. Belange der musikalischen Leitung sind hier freilich noch mit leichtem Vorbehalt zu tadeln.

Gregor Schima

 

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