Bayreuther Festspiele 2022: „TRISTAN UND ISOLDE“ – 12.8.2022

Catherine Foster, Stephen Gould. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
Im heuer viel gescholtenen Bayreuth, das viele langjährige Stammbesucher derzeit meiden zu müssen vermeinen, gibt es auch das noch: eine neue „Tristan“-Produktion in optimaler Sängerbesetzung unter einem Dirigenten, der imstande ist, Wagners gigantischeste Komposition so überwältigend herüberzubringen, dass man über weite Strecken aufs Atmen vergisst, und in einer Inszenierung, so einfach, so schön und so aussagekräftig, dass von Publikumsseite nur noch begeisterte Zustimmung möglich war!
Zugleich offen nach oben hin mit Blick auf einen blauen Himmel mit ein paar weißen Wolken über dem Hof eines Schloss-ähnlichen, hohen Rundbaus und einem projizierten Wasserspiegel inmitten, ist die Einheitsszenerie aller drei Akte. Diese ermöglicht durch unterschiedliche Beleuchtung des Himmels und des Hofes und diverse optische Einschübsel wie unterschiedlich bewegtes Wasser in der zentralen Rundung, das von den Liebenden betreten wird, und mit einigen Liegestühlen am Rande zum trefflichen Schauplatz für alle drei Akte wird. Nur am Rande treten die anderen Personen der Handlung auf, entweder oben auf der Außenmauer oder an den seitlichen Wänden des Hofes.
Dass man während des Vorspiels, noch nicht mit Sicht auf das hohe Schloss, zwischen seitlichen Vorhängen inmitten der noch dunklen Bühne ein junges Liebespärchen – etwa 14 – 16 Jahre alt – Arm in Arm sitzen sieht und nach Isoldes „Liebestod“ ein altes, grauhaariges Ehepaar, er mit Stock und Brille, sie noch ganz hübsch anzusehen, auf uns zukommen sieht, beweist ja wohl unmissverständlich, dass es die große, unerklärliche Liebe in allen Altersstufen immer schon gegeben hat und geben wird. Man kann also dem Regisseur Roland Schwab und seinem Team – Pitero Vinciguerra/Bühne, Gabriele Rupprecht/Kostüme, Nicol Hungsberg/Licht, Christian Schröder/Dramaturgie – und vor allem: Katharina Wagner für dieses Engagement – nur gratulieren zu dieser gelungenen Produktion.
Der gebürtige Münchner Markus Poschner, den ich bisher vor allem in seiner Position als Chefdirigent des Linzer Brucknerorchesters kannte, wo er u.a. einen wunderbaren „Tristan“ und „Parsifal“ und natürlich viel Bruckner dirigierte, hat sich mit einer Leidenschaft auf sein Bayreuth-Debut (Premiere 25.7., bereits in der Radio-Übertragung erkennbar!) – gestürzt, die nicht nur seine Wagner-Kenntnis verriet, sondern seine unverkennbare Liebe zu diesem Werk, die das hiesige Orchester nur zu gern übernahm! (Zwischen dem heurigen Bayreuther Ring-Dirigat und diesem lagen Welten.) Ohne die Sänger zuzudecken oder auf pure Lautstärke zu setzen, ließ er in den leidenschaftlichen Szenen den Klang aufblühen, aber ebenso jedes einzelne Instrument, wo in der Partitur angegeben, mit seiner Aussage verständlich werden. Der gesamte 2. Akt war pure Liebeswonne, beginnend mit dem Gespräch Isolde-Brangäne unter nächtlichem Himmel, die ekstatische Wiedersehensfreude der Liebenden gleichsam in den Himmel hebend, deren rückblickendes Tag-Nacht-Gespräch mit allen klanglichen Details ausdrucksstark begleitend sowie beim finalen Herniedersinken der Nacht der Liebe ein ebenso diesseitiges wie jenseitiges Glück spüren zu lassen. Auch im langen Marke-Monolog ließ die Spannung in der begrenzteren orchestralen Begleitung nicht nach. Der abrupte Schluss des 2. Akts erweckte Neugier auf den kommenden…
Und der Wahn des Tristan, in den Wagner seinen Tenor hineingeraten lässt, entbehrte auch nicht der menschlichen Verständlichkeit. Kein Wunder also, dass keiner der Sänger in irgendwelche vokalen Schwierigkeiten geriet und von Publikumsseite auch den kleineren Rollen entsprechende Aufmerksamkeit geschenkt werden konnte.
Die Rollen-erfahrenen Hauptpersonen konnten sich einmal wieder mit vollem Einsatz ihren ebenso dankbaren wie das Letzte fordernden Partien verwirklichen. Kein Problem für Catherine Foster, von der früheren Brünnhilde binnen kurzem zur Isolde zu wechseln. Es mochte an der Positionierung an verschiedenen Stellen des großen Schlosshofes gelegen sein, dass ihre Textverständlichkeit nicht immer optimal war, aber stimmliche Probleme gab es keine. „Des Weltenwerdens Walterin“ besang sie hinreißend im Dialog mit dem Orchester und mit ihrem Partner zusammen unter dem aufregend verdunkelten Himmel, ebenso wie den finalen, lustvollen Übergang und das Versinken in „des Weltatems wehendem All“. Ein Wagner-Sopran par excellence! Ebenso hineingeboren in diese Welt dünkte einen einmal mehr Stephen Gould, von dem ich noch nie auch nur eine Stelle in dieser Partie vernommen habe, die ihm vokale Schwierigkeiten bereitet hätte. Ob stehend, knieend, sitzend oder liegend, spielt er auch körperlich die Rolle voll aus und man kann sich nach den fortissimo-Ausbrüchen nur immer wieder wundern, was für gefühlvolle, feine piano-Phrasen er schafft, als wäre dies das Selbstverständlichste der Opernwelt, noch dazu in diesem schweren Fach.
Beider Gefährten mussten sich zwar mit seitlichen Positionen begnügen, ober sowohl der prächtige Kurwenal von Markus Eiche, der so hörbar und sichtbar das Beste für seinen Herren wollte, konnte mit energischem Einsatz seines topsichern Baritons dessen Probleme nicht beseitigen, wie auch die kluge, besorgte Brangäne der Wagner-erfahrenen Ekaterina Gubanova mit ihrem beachtlichen dramatischen Mezzosopran.

3. Akt. Foto: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele
Von Anfang an als tragische Figur erkennbar, ließ der vornehme König Marke von Georg Zeppenfeld spüren, was er wohl seit langem wusste, aber zu verbergen bemüht war. Die immer schon bewundernswerte Wortdeutlichkeit, mit der dieser Sänger seine ausdrucksfähige Bassstimme einsetzt, gibt der Figur zusätzliches Profil. Und selbst wenn er nur am Bühnenrand steht, ist er für die verständnisvollen Zuschauer voll präsent.
Erstaunlich auch die nicht nur vokale Vollpräsenz des Melot, dem unser isländischer Alberich, Olafur Sigurdarson, unüberhörbare Kraft verleiht, sowohl am Ende des 2. Akts als auch im Finale der Oper. Die klare tenorale Artikulation von Jorge Rodriguez-Norton als auf das öd und leere Meer blickender Hirt, die paar Worte des Steuermanns von Raimund Nolte und der spöttische Gesang des den 1. Akt einleitenden jungen Seemanns, Siyabonga Maqungo, klangen nicht unbedeutend.
Wir haben noch keinen Besucher getroffen, dem diese Aufführung nicht gefallen hat.
Zur Optik dieser Erfolgsproduktion, die dem Vernehmen nach nur 2023 noch zwei Bayreuther Abende erlebten wird, mögen die Fotos einiges beitragen.
Sieglinde Pfabigan

