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BAYREUTH/ Festspiele: TRISTAN UND ISOLDE – Neuinszenierung

13.08.2022 | Oper international

Bayreuther Festspiele:  Tristan und Isolde  12.8.2022

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Stephen Gould (Tristan). Foto: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele

Gleichzeitig mit der „Ring“- Inszenierung kommt bei den Festspielen ein neuer ‚Tristan‘ heraus. Das hängt mit der Verschiebung des RINGs um ein Jahr wegen der Corona Pause zusammen. Es zeigt sich jetzt aber auch, daß die Festspiele die Ressourcen haben, zwei Neuinszenierungen im selben Jahr zu spielen. TRISTAN fand unter der musikalischen Leitung von Markus Poschner statt, die Regie übernahm Roland Schwab, die beide bereits ihre Meriten in der Opernbranche haben. Somit konnte die diesjährige Festspielsaison glanzvoll mit Wagners liebesphilosophischer Oper eröffnet werden.

Markus Poschner lässt durchblicken, dass er die von Nietzsche auch als ‚Opus metaphysicum‘ beschriebene, längere Zeit als unspielbar geltende Partitur sehr gut studiert hat. Es dirigiert ein gut dosiertes Vorspiel mit lange sich unentschieden zeigenden Anfangsfloskeln in den Holzbläsern, die sich nach und nach verhauchen. Schön smart gespielte Cello- und Bratschenfiguren mit immer neue Anläufe nehmenden Steigerungen schließen sich an bis zu einer Kulmination samt desolater Abbruchstelle. Im ‚Isolde‘-Akt verbleibt das Orchester im aufgewühlten Modus, nicht nur das Meer, die irische See verkörpernd, sondern auch die Seelenlage Isoldes widerspiegelnd, die mit ihren Gefühlen auf dem Schiff weitgehend gar nicht zu Rande kommt. Diese seelischen Kämpfe und – Zerrüttungen und die untergründig entsprungene Liebe zu Tristan werden in dieser Symphonik von Poschner nahezu ekstatisch herausgemeisselt.

Dazu sehen wir auf der Bühne ein großes Beton- oder Steingebilde, das auch eine orbitale Station sein könnte, da es zum Boden eine parallele obere ellipsenförmige Öffnung beinhaltet. durch die man in den Himmel schaut. Da es aber im Boden fest verankert erscheint , könnte es sich auch etwa um einen modernen Bunker handeln (Bühne: Piero Vinciguerra). Die Macher wollen sich da anscheinend nicht festlegen lassen. Von der Ausstattung her, mit drehbaren Liegestühlen vor dem Ellipsen-‚See‘  könnte es sich auch um ein futuristisches Schiff handeln. Hier sind Isolde und Brangäne zugegen, Tristan und Kurwenal oben am Orbitalrand eher als Schatten auszumachen. Nach langer ‚Handlung‘ tritt Tristan durch das große untere Tor bei den Damen ein und raucht eine Zigarette. Der Liebestrank wird in einer kleinen Phiole eingenommen, danach fallen beide um, und versuchen in dem ungestümen ‚See‘, dessen Farbe von blau zu rot changiert hat, aufeinander zuzurobben, was ihnen aber bei gleißendem, sich sehr schnell drehendem Licht (Nicol Hungsberg) kaum gelingt.  Sie werden sozusagen in dem Sog der Ellipse eingefangen, und so endet der Akt.

Der 2.Akt zeigt, dass es sich um ein ein Einheitsbühnenbild handelt. Nun ist die untere Orbitale ganz von Kerzen umstanden, oben scheint ein vielfältiger Sternenhimmel durch.  Beim ‚Sink hernieder Nacht‘ agieren Tristan und  Isolde unisex in weißen Hosenkleidern (Kost.: Gabriele Rupprecht), umschweben sich gleichsam auf der Ellipse, die selbst auch immer aktiver wird, es brodelt darauf geradezu von umherfliegenden Sternschnuppen und Rotationen in irrsinniger Geschwindigkeit (diese Effekte habe ich aber auch schon in Mannheim gesehen). Nach der Entdeckung wird Tristan mittig auf einem Stuhl zum Angeklagten, Isolde hockt ihm gegenüber vorne und Melot blendet sie mit Scheinwerfern. Marke, der sich hier in Gestalt von Georg Zeppenfeld gesanglich untadelig und bei blendender Monologsteigerung Autorität zu schaffen versucht, begeht als ‚Richter‘ in einer gefärbten Tunika die Szene. Am Ende wird Tristan  durch bedrohlich herunterfahrende Lichtstangen, die wie umgekehrte Orgelpfeifen wirken, schwer am Bauch verletzt. Es gibt also keinen ‚Zweikampf‘ mit Melot, der am Ende des dritten Akts aber mit einem kleinen Schwert Kurwenal tötet.

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Ekaterina Gubanova (Brangäne). Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele)

Im 3.Akt hängen von dem Orbitale zwei Riesenbüsche Meeres-Schlingpflanzen herunter, die ich aber erst als Trauerweiden identifizierte. Tristan liegt in dem ‚See‘, ihm wird zur Rettung von Kurwenal auch mal ein Tau zugeworfen. Oben der Hirt in weißem Mantel, und der Englischhornbläser immer wieder beruhigend blasend. Tristan singt seine Fiebervisionen in allen möglichen Stellungen. Isolde hält bei ihrem Erscheinen größtmöglichen Abstand zu ihm, singt ihn nur aus der Ferne an, nur Marke lässt sich bei dem Toten nieder. Auch der Liebestod erscheint szenisch ein wenig undifferenziert. Die Musik kann es aber auch mit dem Schöngesang von Catherine Foster reichlich zudecken. Stephen Gould nimmt die großen Visionen fast mit Leichtigkeit und ist immer ein großartiger sonorer Sänger. Kurwenal Markus Eiche schüttelt seine Gesänge auch locker aus dem Ärmel und verbleibt ein schönstimmig angenehmer Kommunikator für Tristan. Der Melot von Olafur Sigurdarson ist weißhaarig und eher kleinwüchsig und bringt einen akzentuiert stimmigen sonoren Gesang bei der Tristan-Überführung über die Rampe. Eine Überraschung ist die neue Brangäne von Ekaterina Gubanova.Im kleinem Leder-schwarzen im Gegensatz zum hellen Liebespaar gibt sie der tollen Catherine Foster,die auch alle hohen C’s im 1.Akt prima anpeilt, einen ganz jungdramatisch eingefärbten super Gegenpart, im zweiten Akt ist sie eine zuverlässige aufblühende „Wachtsängerin“. Der Matrosenchor ist aus dem Off auf der Höhe seiner Aufgaben.                           

Friedeon Rosén

 

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