BAYREUTH/ Festspiele: Zwischen Mythos und Algorithmus
Der Bayreuther „Siegfried“ als Fiebertraum der Künstlichen Intelligenz – musikalisch überwältigend, szenisch ein faszinierendes Experiment
Vorstellung vom 7. August 2026

Foto:Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele
„Mühe ohne Zweck“ – Mimes resignierte Selbstbeschreibung im ersten Aufzug des “Siegfried” bekommt in diesem Bayreuther „Ring“ eine eigentümliche Nebenbedeutung. Mühe steckt zweifellos in diesem sogenannten “Ring 10010110”: technische Präzision, künstlerischer Aufwand und unendlich viele künstlich generierte Bilder. Ob daraus allerdings ein ebenso überzeugendes Theatererlebnis entsteht, ist für mich eine andere Frage. Der Buh-Orkan eines Großteils des Publikums zum Schluss scheint dabei eine eindeutige Antwort zu geben. Aber so eindeutig ist das für mich nicht.
Musikalisch ist dieser Abend zunächst kaum zu übertreffen: Klaus Florian Vogt als junger Siegfried, Gerhard Siegel als Mime, Michael Volle als Wotan, im dritten Aufzug Camilla Nylund als Brünnhilde – und dann auch noch Christian Thielemann am Pult. Besser geht es wohl nicht. Umso bedauerlicher ist es, dass mich die szenische Konzeption nicht in gleichem Maße überzeugt.
Denn die künstliche Intelligenz ist hier nicht bloß technisches Hilfsmittel. Sie wird zur eigentlichen Regisseurin des Abends. Sie bestimmt Bilder, Räume, Körper und damit auch das Verhältnis der Menschen zu ihrer eigenen Erscheinung. Diese Herangehensweise will das genaue Gegenteil einer hermeneutisch-historistischen, psychologisch-naturalistischen Wagner-Deutung sein: Die Figuren werden nicht aus ihrer Individualität heraus entwickelt, sondern einem Algorithmus unterworfen.
Zwischen einer Gaze im Vordergrund und einer weiteren Projektionsfläche dahinter entfaltet sich ein unablässiger Strom künstlich erzeugter Bilder. Comic, Anime, Pop-Art, Expressionismus, Aquarell und abstrakte Farbgebilde gehen ineinander über. Figuren tauchen auf, verwandeln sich, zerfallen, explodieren, Landschaften entstehen und verschwinden, vieles davon in Bruchteilen von Sekunden.
Es ist, als würde die KI wild träumen. Manches ist dabei von erstaunlicher Schönheit. Einige dieser Bilder würde ich mir, wären sie Gemälde oder Fotografien, tatsächlich an die Wand hängen. Allerdings würde ich mir wünschen, dass einige dieser Bilder mehr Zeit bekämen. Vielleicht gibt es ja im Sinne des Bayreuther-Werkstatt-Gedankens hier auch noch die Möglichkeit, den Algorithmus etwas nachzuschärfen und den künstlich generierten Welten und Bildern mehr Zeit zum Wirken zu geben.
Manchmal erinnert mich das an eine stehengebliebene Uhr: Sie zeigt zweimal am Tag die richtige Zeit. Auch dieser Siegfried findet immer wieder Momente, in denen Bild, Musik und Handlung vollkommen zusammenfallen. Dann ist die Wirkung spektakulär. Nur wirken diese Momente eher zufällig gefunden als wirklich komponiert.
Die Maschine produziert ununterbrochen Bedeutung – und erzeugt gerade dadurch immer wieder auch halluzinierte Bedeutungslosigkeit.
Ebenso konsequent wird diese künstliche Ästhetik in den Kostümen umgesetzt. Die Sänger tragen schwarze Ganzkörperanzüge aus dünnem Neopren mit silbrig glänzenden Drahtgeflechten. Sie individualisieren nicht, sondern nivellieren. Siegfried, Mime, Wotan und Brünnhilde werden zu austauschbaren Figuren. Die Statistik der KI degradiert sie beinahe zu Statisten und statischen Flächen innerhalb einer visuellen Gesamtkomposition.
Dabei ist die Künstlichkeit dieses „Siegfried“ keineswegs geschichtslos. Die künstliche Intelligenz wurde mit rund 150 Jahren Bayreuther Festspielgeschichte, mit Richard Wagner, der Geschichte des Regietheaters und der Inszenierungs- und Rezeptionsgeschichte des Rings gespeist. In diesem künstlichen Gedächtnis steckt also nicht nur technisches Wissen, sondern auch die ästhetische-politische Vergangenheit des Ortes, an dem diese Bilder nun entstehen.
Bemerkenswert ist dabei auch die Zusammensetzung des künstlerischen Teams: Marcus Lobbes verantwortet die Kuratierung und gemeinsam mit Nils Corte die künstlerisch-technische Konzeption; Roman Senkl zeichnet für Digital- und KI-Storytelling verantwortlich, Nils Corte und Phil Hagen Jungschlaeger für Creative Code und Visual Art.
Damit wird auch die Frage nach der Autorschaft interessant: Wer ist hier eigentlich Regisseur und Urheber? Richard Wagner? Marcus Lobbes? Nils Corte? Roman Senkl? Das gesamte Team? Die KI? Oder das Zusammenspiel aus menschlicher Kuratierung und maschineller Generierung?
Das Spannende daran ist für mich, dass die Inszenierung bei aller technologischen Fortschrittlichkeit auf einen Gedanken zurückgreift, der bereits um 1900 von der Theaterreformbewegung formuliert wurde. Die hochmoderne KI-Ästhetik greift auf eine alte theatergeschichtliche Idee zurück: auf Edward Gordon Craigs Konzept der Übermarionette.
Craig sah im naturalistischen Schauspieler mit seiner Psychologie, seinem Temperament, seinen Emotionen und seiner nicht zu hundert Prozent beherrschbaren Körperlichkeit einen Störfaktor. Theater sollte nicht das Leben abbilden, sondern eine autonome, vollständig komponierte Kunst werden. An die Stelle des unkontrollierbaren menschlichen Darstellers sollte die maximal beherrschte und beherrschbare Übermarionette treten: ein Bühnenkörper, der sich ebenso präzise von einem Regisseur formen und gestalten lässt wie Licht, Farbe oder Raum.
Was bei Craig noch Utopie war, erhält im Zeitalter der künstlichen Intelligenz plötzlich eine technische Entsprechung.
Die Übermarionette heißt heute vielleicht Avatar.
Die Drahtkostüme lassen die Menschen selbst wie unfertige digitale Modelle erscheinen. Ihre Körper werden zu Gerüsten, die prinzipiell jede beliebige Form annehmen könnten. Damit radikalisiert die Inszenierung gewissermaßen Craigs Idee des Gesamtkunstwerks: Nicht mehr der Sänger oder die Musik stehen im Zentrum, sondern die ästhetisch geschlossene, visuelle Einheit. Der Mensch wird vom Träger zum Material der Inszenierung.
Die psychologische Darstellung ist weitgehend zurückgenommen, Gesten und individuelle Körperlichkeit treten hinter die visuelle Komposition zurück.
Die Darstellerinnen und Darsteller auf der Bühne werden durch diese künstlerisch-künstliche Konzeption vor große Herausforderungen gestellt, die das Singen extrem erschweren. Dadurch, dass die Sängerinnen und Sänger in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt sind, müssen sie die enorme Textmenge Wagners bewältigen und memorieren, ohne diese dabei aus der konkreten Handlung heraus entwickeln zu können.
Hinzu kommen die praktischen, ebenfalls erschwerten Bedingungen: Die Darsteller stehen dicht an der Rampe, so dass ihnen ein Teil des für die Stimme benötigten Resonanzraums fehlt. Zusätzliche Lichtquellen in den Seitengassen verlangen den Sängern Aufmerksamkeit ab, um sich nicht gegenseitig das Licht zu nehmen. Und die Neoprenanzüge mit den pieksigen Drahtkostümen sehen auch nicht gerade danach aus, als wären sie bei den sommerlichen Temperaturen im Festspielhaus besonders angenehm zu tragen.
Umso beeindruckender ist die Leistung des menschlichen Ensembles.
Klaus Florian Vogt singt den Siegfried mit seiner hellen, lyrischeren Wagnerstimme, die gerade deshalb eine bemerkenswerte Jugendlichkeit besitzt. Insbesondere im Waldweben und seine Frage: „Wie sah meine Mutter wohl aus?“, das ist ein absolutes Highlight der Produktion. Im Moment kann das keiner besser singen als er. Schade ist, dass ihm im Korsett des künstlerischen Korsetts die körperlichen Aktionen fehlen, die diese Partie so unmittelbar machen: kein Schmieden, kein Schlagen auf Notung, keine Flöte, kein Horn. Überhaupt keine Requisiten. Auch Kein Schwert. Kein Drache. Selbst zunächst keine Brünnhilde, die erst mit ihrem „Heil dir, Sonne!“ die Bühne betritt, was Siegfried bis dahin ziemlich seltsam aussehen lässt.
Gerhard Siegel begeistert mich als Mime. Seine Stimme besitzt inzwischen eine Kraft und Stabilität, die beinahe ins Heldenfach weist. Da ist regelrechter Wumms hinter diesem Mime. Ich bin wirklich sehr gespannt, wohin seine weitere stimmliche Entwicklung ihn noch führt. Seine darstellerische Kompetenz ist ja ohnehin immer sensationell, auch hier in dieser doch darstellerisch-psychologisch sehr eingeschränkten Version. Wie er da noch versucht, mit mimischen Ausdrücken diesen Mime lebendig, interessant zu machen und als Charakter zu zeigen, das ist wirklich sehr beeindruckend und spektakulär.
Michael Volle lässt sich von den szenischen Bedingungen ohnehin nicht beirren. Seine stimmliche Autorität und stoische Präsenz bleiben überwältigend – und das, obwohl die Inszenierung seine eigentliche Stärke und Kernkompetenz, die psychologische Durchdringung einer Figur, kaum zulässt.
Als Erda überzeugt Christa Mayer mit ihrer unverwechselbaren, dunkel grundierten Stimme und einer Autorität, die auch unter den künstlichen Bühnenbedingungen sofort spürbar wird. Gerade bei ihr wird deutlich, wie stark eine menschliche Stimme allein bereits Figur und Atmosphäre erzeugen kann. Ihr kurzer Auftritt besitzt eine Erdung, die in dieser von digitalen Bildern überfluteten Welt fast schon wie ein Fremdkörper wirkt – und gerade deshalb so stark ist.
Und im dritten Aufzug kommt Camilla Nylund als Brünnhilde hinzu. Auch sie nähert sich der Partie eher von der lyrischen Seite, verfügt inzwischen aber über jene vokale Kraft, die der Brünnhilde mehr als gewachsen ist. Leuchtkraft, Wärme und emotionale Feinheit verbinden sich hier auf bemerkenswerte Weise.
Über allem steht Christian Thielemann, der musikalisch alle Fäden streng zusammenhält. Sein Wagner besitzt jene Selbstverständlichkeit, die sich nicht mehr demonstrieren muss. Auffällig sind an manchen Stellen Tempowechsel, die den Sängern einiges an Flexibilität abverlangen. Was aus dem Graben kommt, ist dennoch berauschend.
Vielleicht liegt darin der größte Kontrast des Abends: Unten entsteht organisches, atmendes Musiktheater. Oben dominiert trotz aller gesanglichen Weltklasse die künstliche Welt.
Hierzu passt, dass ausgerechnet die Momente, in denen auf der Bühne für einen Augenblick nichts geschieht und nur das Orchester spielt, für mich zu den stärksten des Abends gehören. Dann öffnet sich plötzlich jener emotionale Resonanzraum, den die permanente Bilderflut häufig verschließt. Wagner darf atmen. Gerade dadurch wird sichtbar, was dem Konzept fehlt: Die KI-Bilder stehen nicht immer im Dienst der Musik oder der Sänger, sondern treten mit ihnen in Konkurrenz. Auch der dem Siegfried eigene Humor geht in dieser künstlichen Welt leider weitgehend verloren.
Trotz meiner Vorbehalte verdient diese Produktion insgesamt Respekt. Bayreuth muss etwas wagen. Wagners Diktum „Kinder, macht Neues! Neues! Und abermals Neues!“ verpflichtet die Festspiele geradezu dazu, ästhetische Risiken einzugehen. Castorf, Schlingensief, Kosky, Kratzer und andere Regisseure haben gezeigt, dass Bayreuth seine Bedeutung gerade dann behält, wenn es den sicheren Weg verlässt und sich mutig auf Neues einlässt.
Auch dieser KI-Ring tut das. Künstliche Intelligenz nicht als technischen Effekt, sondern als ästhetisches Prinzip eines gesamten Ringes einzusetzen, ist mutig und angesichts der Frage, wie sich unser Verhältnis zur Wirklichkeit durch KI verändert, hochaktuell. Die KI ist gekommen, um zu bleiben, und wird auch die Welt der Kunst prägen und verändern.
Nur überzeugt mich das jetzt gezeigte Ergebnis trotz aller Avanciertheit noch nicht vollständig.
Dabei kann die KI jede Gestalt annehmen, jeden Raum erzeugen, jeden Körper verändern. Was sie nicht erzeugen kann, ist gerade das, was Theater so unmittelbar macht: die Unvollkommenheit eines menschlichen Körpers, das Zittern einer Stimme, einen spontanen Blick, eine Berührung, die nicht programmiert wurde.
Deshalb wirkt die Umarmung zwischen Siegfried und Brünnhilde am Ende so eigentümlich berührend. Sie war in dieser Form vermutlich nicht Teil des streng komponierten Bewegungskonzepts. Für einen Augenblick scheinen sich die Darsteller gegen die Regie zu behaupten.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe dieses „Siegfried“: Eine Inszenierung, die den Menschen zur Übermarionette machen möchte, erinnert uns ausgerechnet dadurch daran, warum wir ins Theater gehen. Nicht um perfekte Bilder und künstlich generierte Welten zu sehen. Sondern um Menschen dabei zu erleben, wie sie unvollkommen, verletzlich, leidenschaftlich und lebendig sind.
Musikalisch war dieser Siegfried für mich ein Ereignis. Szenisch bleibt er ein faszinierendes, technisch hochentwickeltes Experiment, dessen ästhetische Konsequenz ich bewundere, dessen emotionale Konsequenz mich aber nicht vollständig erreicht.
Viel Mühe also. Aber zumindest nicht ganz ohne Zweck.
Dr. Eric Alexander Hoffmann

