Bayreuth: „SIEGFRIED (Ring 10010110)“ – Premiere im Festspielhaus Bayreuth, 30. 07.2026
Oper in drei Akten von Richard Wagner

Foto: Enrico Nawrath für Bayreuther Festspiele
Der KI unter der Anleitung (?) von Marcus Lobbes, Nils Corte und Roman Senkl hat es heute gefallen, Mime tatsächlich in einer Höhle wohl entsprechend dem Entwurf Josef Hoffmanns von 1876 hausen zu lassen. Aber nach wenigen Minuten (immerhin nicht Sekunden!) wechselt das Szenario schon wieder in eine kaum definierbare Kuddelmuddelmasse. Im Laufe des Abends kann man, abgesehen von weiteren, älteren, Antiquitäten, wenigstens einmal Richard Peduzzis Drachen aus dem Chéreau-Ring oder Szenarien von Erich Wonder (2004) erkennen. Sogar der von Frank Castorf verantwortete „Kommunistische Mount Rushmore“ (Aleksandar Deniç, 2013) taucht auf – unmotiviert wie seinerzeit, aber wenigstens im Rahmen des Auftrages „150 Jahre Bayreuth“. Letzteres gilt nicht für ein Foto John F. Kennedy im offenen Lincoln auf der Dealey Plaza in Dallas, TX, kurz bevor am 22. November 1963 die Schüsse fielen, eins von Martin Luther King sowie von Günter Grass und Willy Brandt – all die wurden von der KI geholt. Plötzlich taucht über dem Brünnhildenfelsen sogar eine McDonnell-Douglas F4F, wegen ihrer schwarzen Abgasfahne in Deutschland bekannt als „Luftverteidigungsdiesel“, auf.
All das kann aber nicht davon ablenken (oder lenkt doch erst recht ursächlich davon ab??), daß die Szene Mime-Siegfried im 2. Akt mit den entlarvten Mordplänen trotz der Spitzen-Protagonisten ziemlich untergeht, und auch die Begegnung des Titelhelden mit seinem Großvater nur sehr oberflächlich-pantomimisch den Verlust dessen Speers erkennen läßt. Auch die Drachentötung ist eigentlich ein Nicht-Ereignis. Der Aufstieg Siegfrieds zum Brünnhildenfelsen und die Annäherung der beiden wird ohnedies oft schon in konventioneller Szenik nicht wirklich gut gelöst – hier hängt das Finale der Oper trotz der herausragenden musikalischen Leitung erst recht durch. Und das, obwohl in dieser Phase eine Grundschwäche des Aufführungskonzeptes, nämlich die oftmalige Überlagerung der Figuren hinter der zum Publikum abschließenden Gazewand durch helle Projektionsanteile, weniger Rolle spielt (Bühne: Wolf Gutjahr). Weiterhin wenig zur Sinnstiftung oder Charakterisierung tragen Pia Maria Mackerts irgendwo zwischen Krähenküken, Reptilien und Ebenseer Fetzenzug (aber leider nur in Schwarz-Weiß!) angesiedelten Kostüme bei.
Das Festspielorchester unter Christian Thielemann ist wiederum eine kaum diskutierbare Stärke der Produktion: so präzise und feingliedrig sind die Streichertremoli angesetzt, so exzellent und zuverlässig erklingt das Blech, so sagenhaft rein die ersten Geigen in den himmelhöchsten Lagen. Und der Dirigent sorgt für die korrekte und szenisch dienliche Ausspielung der gewaltigen dynamischen und emotionellen Möglichkeiten von Orchester und Solisten in diesem so speziellen Raum – aber wird immer wieder von den zitierten Schwächen des Konzeptes konterkariert. Sollte das der Grund für eine kräftige Dosis von Buhrufen für ihn sein? Weil: uns wären keine musikalischen Mängel aufgefallen…

Foto: Enrico Nawrath für Bayreuther Festspele
Mängel wird man auch bei den meisten Protagonistinnen und Protagonisten vergeblich suchen. Klaus Florian Vogts Titelfigur dominiert mit Vogts hellem Tenor ohne zu forcieren die meisten Szenen, obwohl ihn der seit vielen Jahren gleichmäßig stimmlich unglaublich kräftige Gerhard Siegel (Mime) nicht nur als modulationsreicher Ziehvater mit Hintergedanken, sondern auch als Bühnenpartner gründlich fordert.
Michael Volle steht als Der Wanderer genauso sängerisch einfach begeisternd über den Dingen (also sängerischen Stolpersteinen und Unzulänglichkeiten) wie in „Rheingold“ und „Walküre“. Der Alberich von Jochen Schmeckenbecher gibt sich ebensowenig sängerische Blößen wie Peter Rose (Fafner) und die vorzüglich artikulierende und dabei perfekt Klangdruck und Klangfluß beachtende Christa Mayer als Erda. Der Waldvogel von Victoria Randem singt luftig, fröhlich und strahlend.

Foto: Enrico Nawrath für Bayreuther Festspele
Bei der Brünnhilde Camilla Nylunds müssen zwar die schon in der “Walküre“ angebrachten Kritikpunkte, vor allem das schon recht angestrengte Vibrato bei höherer Lautstärke, angemerkt werden, jedoch schafft sie die höhere Tessitura der heutigen Rollenversion insgesamt durchaus zufriedenstellend.
Der Applaus war wieder sehr kräftig, schon bei den Aktvorhängen – aber beim Abschluß schon auch wieder mit Mißfallenskundgebungen garniert, diesmal deutlich hörbar auch für den ansonsten wieder durchaus begeistert vor dem Vorhang empfangenen Dirigenten. Für die Solisten gabs besondere Intensität für die Herren Volle, Vogt und Siegel. Aber insgesamt war der Schlußapplaus mit knappen 10 Minuten für eine Bayreuth-Premiere kurz, extrem kurz…

Schlussapplaus. Foto: Petra und Helmut Huber
Petra und Helmut Huber

