Bayreuth: „DIE WALKÜRE (Ring 10010110)“ – Premiere im Festspielhaus Bayreuth, 28. 07.2026
Oper in drei Akten von Richard Wagner

Foto: Enrico Nawrath für Bayreuther Festspiele
Die Bühnenfotos entsprechen NICHT den von uns in der Aufführung gesehenen, da diese von einer Probe stammen und daher anders berechnet wurden.
Der offiziell erste Abend der Trilogie mit Vorspiel war durch das Bild, das letzteres am Vortag abgegeben hatte, sicherlich etwas belastet. Aber wer weiß schon, woher KI ihre Informationen bezieht? Kann es sein, daß die – tagesaktuell arbeitende – digitale selbsttätige Projektionsfabrikation auch Kritiken liest und einbezieht in ihre Arbeit?? Jedenfalls: einer der Vorwürfe gegenüber dem „Rheingold“ war ja gewesen, daß die Bilder viel zu schnell vorüberzögen. Das hat sich heute doch etwas geändert, und es wurde auch öfter als gestern ein Bezug der KI-Bilder zur Handlung sichtbar, auch auf etwas komplexerer Ebene als Drache/Wolf/Regenbogen im „Rheingold“: So zogen als Walkürenfelsen vielfältige Gebirge über den Gazeschirm, bis hin zu expressionistischen Zitaten von Landschaften eines Alfons Walde. Auch das feurige Ende wurde berücksichtigt – interessanterweise auch eine im Krieg brennende Stadt ähnlich wie in Uwe Eric Laufenbergs „Ring“-Produktion für Linz und Wiesbaden. Freilich ging auch wieder vieles schief – ein Kristall, in den die gewesene Walküre hinein verbannt werden soll, sah bisweilen wie eine schon etwas gebrauchte blaue Schlosserjacke aus, und urplötzlich tauchten in dieser Szene auch Wasserbewohner auf. Besser gestaltet war die Todesverheißung im 2. Akt.
Szenisch war in dem vielleicht drei Meter tiefen „Laufkäfig“ für die Sängerinnen und Sänger zwischen Gazevorhang und Hinterwand (Bühne: Wolf Gutjahr) wieder ausgesprochene Kargheit angesagt. Vom Kampf im 2. Akt, der zum Bruch des (ohnedies nur verbal vorhandenen) Schwertes führt, sieht man – nichts. Und als Wotan dem Hunding sein grollendes und tödliches zweites „Geh!“ entgegenschleudert, wendet dieser seinen echsenartig kostümierten Rücken Wotan und dem Publikum zu und bleibt einfach stehen. Hingegen: relativ klassisch fällt die Abschiedsszene Wotan/Brünnhilde aus.
Wie angedeutet: die Kostümierung (Pia Maria Mackert) bleibt weiterhin stark verwechslungsanfällig, zumal in Verbindung mit den Überlagerungen von Personen und Projektion. Eine – schüchterne – Erweiterung der Kostümpalette tritt immerhin auf: die Walküren sind mehr oder minder als halbwüchsige Krähen dargestellt.

Foto: Enrico Nawrath für Bayreuther Festspiele
Aber insgesamt bleibt die Produktions- und Regiemannschaft Marcus Lobbes/Nils Corte/Andri Hardmeier/Roman Senkl/Phil Hagen Jungschlaeger (bzw. die von diesen von der Leine gelassene Künstliche Intelligenz) bei ihrer im „Rheingold“ gezeigten Linie – und die ist halt weder szenisch noch im Verhältnis zu Text und Musik glücklich.
Christian Thielemann hingegen läßt sich als musikalischem Leiter nicht das Geringste vorwerfen: die – wie auch die Zwischenspiele – bei geschlossenem Vorhang gebrachte Ouverture, ohnedies ein höchst aufgeregtes Stück Musik, wird von ihm und dem Festspielorchester mit einer inneren Glut versehen, die einen vom sonnigen oberfränkischen Dienstagnachmittag unmittelbar in die Mythen- und Konfliktwelt Wagner hineinzieht, nein, hineinreißt. In dieser Qualität geht es durchgehend den ganzen Abend weiter. Die Aktzeiten von knapp 1 Stunde für den ersten, 1½ für den zweiten und 70 Minuten für den dritten sind im unteren Durchschnitt – am Dirigat liegt es jedenfalls nicht, wenn für das Publikum immer wieder Durchhänger und Leerlauf spürbar werden.
Der Wotan Michael Volles ist auch am heutigen Abend wieder der Fels in der Brandung, an den sich alle halten können. Makellose Artikulation gepaart mit seinem weich strömenden und doch nötigenfalls wuchtigen Baßbariton – einen Besseren kann man sich in dieser Rolle nicht wünschen! Anna Kissjudit (Fricka) ist ihm mit ihrem kraftvollen und erstklassig modulierten Mezzo ein wahrhaft forderndes, ebenbürtiges Gegenüber im 2. Akt, als sie ihrem Göttergatten die Leviten über ein anständiges Familienleben liest.
Klaus Florian Vogt, der an allen vier Abenden beschäftigt ist, hat also heute den Siegmund über: diese Rolle bietet bezüglich seiner Stimmqualitäten sicher weniger Diskussionsstoff als die des kommenden Siegfried, und dementsprechend absolviert er sie sowohl lyrisch wie mit dem nötigen Druck zur größten Zufriedenheit des in Bayreuth immer kritischen Publikums. Auch die Sieglinde von Elza van den Heever überzeugt in allen Belangen, die diese Produktion in diesem großen Saal erfordert.
Der kalte, abgefeimte, bedrohliche Hunding ist Mika Kares.
Leider zeigt die Brünnhilde von Camilla Nylund Schwächen, die uns vor 5 Monaten an der Scala noch nicht so aufgefallen sind: auch wenn die Spitzentöne getroffen werden, ist bei höherer Lautstärke doch ein recht oder eher schon zu ausgeprägtes Vibrato hörbar, das den an sich guten Gesamteindruck ihrer Darstellung mindert.

Foto: Enrico Nawrath für Bayreuther Festspiele
Der muntere Walkürenhaufen wird von Martina Welschenbach (Gerhilde), Brit-Tone Müllertz (Ortlinde), Karis Tucker (Waltraute), Freya Apffelstaedt (Schwertleite), Magdalena Hinterdobler (Helmwige), Alexandra Ionis (Siegrune), Marie Henriette Reinhold (Grimgerde) sowie Natalia Skrycka als Rossweisse Bayreuth-würdig mit Stimmen versehen.
Nach dem letzten Akkord wieder großer Applaus, initial auch mit kräftiger Buh-Untermalung. Gefeiert werden hingegen die Protagonistinnen und Protagonisten, und noch mit einigen % oder dB mehr der Dirigent – 13 Minuten lang.

Schlussapplaus: Foto: Petra und Helmut Huber
Petra und Helmut Huber

