Bayreuther Festspiele: Das Rheingold 10.8.2022 – Zweiter „Ring“-Zyklus

Egils Silins (Wotan), Attilio Glaser (Froh), Christa Mayer (Fricka), Raimund Nolte (Donner), Daniel Kirch (Loge). Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
Der neue Cornelius Meister/Valentin Schwarz (Regie)-Ring geht in seine zweite Runde, und das in einer ganz opulenten Szene, denn die Götter sind schon längst behaust und bevölkern mit Dienerschaft einen bis in die hintersten Ecken ausgeklügelten Art-Deco-Palast auf verschiedenen durch Freitreppen verbundenen Ebenen, dabei die gesamte Breite der Festspielbühne einnehmend (Bb.: Andrea Cozzi, techn. Mitarbeit Stephan Manteuffel). Davor war gerade das kleine Bassin der Rheintöchter mit zart angedeuteter Toscana-Landschaft im Hintergrund im Bühnenhimmel verschwunden. Die Rheintöchter verlustieren sich da im nur fußhohen Wasser in beigen Jugendstilkleidern mit Faltenröcken, die dann auch das weibliche Götter-Dienstpersonal trägt (Kostüm: Andy Besuch). Alberich fläzt davor in brauner Lederjacke, strengt sich aber gar nicht an, die Töchter zu ergattern. Es sind auch einige kleine Mädchen hinter dem Becken teils aufjuchzend zugegen, und sie haben spritzend und Alberich neckend ihren Spaß. Wenn sie vom Rheingold singen, passiert aber gar nichts. Später greift sich Alberich anstatt nicht vorhandenen Goldes den einzigen Jungen in gelbem Hemd und Mütze und macht ihn sozusagen zu seinem Troll. Im Unterschied zum Personal ist Fricka schwarz-lang gekleidet während Freia in einer schwarzen Robe mit vielen Goldstickereien wie eine Ikone oder wie die berühmte gemalte „Frau“ von Gustav Klimt auf der Sofa-Garnitur sitzt, umhegt von ihren Brüdern Donner im blauen Designeranzug und Froh in ebensolchem grünen. Wotan träumt in einem Art Fitnessraum oben links in kurzer Sporthose. Plötzlich sind auch die Riesen wie aus dem Nichts mit einer dunklen Limousine und in schicken schwarzen Gehröcken in den Garagenraum unter dem Fitnessstudio eingefahren. Das ganze ist als eine Art Hofzeremonie angelegt, in der auch die DienerInnen mit Getränken immer wieder aufrauschen. Loge wirkt darin, ganz in romantischem Blau und langen Haaren, witzig und originell wie ein Fremdkörper.

Arnold Bezuyen (Mime) und die Mädchenstatisterie. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
Um das Gold bei Alberich zu holen, verwandelt sich die Szene in einen einzelnen Raum im Hintergrund, wo die kleinen Mädchen in rotweiß gestreiften Kleidchen irgendwelche händischen Arbeiten erledigen, etwa angedeutetes Teig-ausrollen. Alberich, Mime in gelbem Outfit, Wotan und Loge ‚verhandeln‘ vor diesem einsichtbaren Raum. Der Tarnhelm ist eine Mütze oder ein einfacher Lappen, den Alberich sich überwirft. Bei der großen Schlangenverwandlung kommt Alberich mit dem Goldjungen auf den Schultern, der eine Pistole trägt, heraus, bei der ‚Krötenverwandlung‘ wird ihm einfach die Pistole von Loge listig abgenommen, und plötzlich befindet er sich mit den beiden im Götterpalast.-
Da später die Goldaufwiegung Freias wegen Ermangelung desselben nicht stattfinden kann, zieht sich die Szene in verschiedenen Personenkonstellationen hin. Vorher wurde anstelle des Goldes eines der kleinen Mädchen hochgeschickt, das später Erda zugesellt wird, als ‚Ringersatz‘ anschließend der ‚Goldjunge‘, der dann den Riesen zufällt. Erda, schon vorher als Hausdame präsent, erscheint unspektakulär in einem weißen Kragenkleid. Der Tatort ‚Garage‘ für den Fasolt-Mord wird diskret von einem runterfahrenden Rolleau verdeckt. Da ein Einzug in Walhall nicht mehr nötig ist, bestaunen die Götter einen Glaskasten mit einer weißen Pyramide drinnen, während Wotan zum Rheintöchtergesang aus der Tiefe allein auf einer oberen Galerie hin- und herstolpert, natürlich auch ohne Loge, der auch schon verschwunden war.
Die musikalische Gestaltung kann unter Cornelius Meister, der ja gerade einen Ring in Stuttgart dirigiert hat, und der für den Finnen Inkinen einsprang, überzeugen, besonders wenn er während der weitgehend ‚geschäftsmäßigen‘ kammerspielartigen Begleitung, auch mal wie aus dem Nichts eine ganz romantische schöne Phrase aufblühen lässt, wunderbar gespielt vom Festspielorchester. Manchmal wünscht man sich aber noch mehr spielerische Akkuratesse und spannenden Applomb in der Begleitung, womit vorerst eher die Zwischenspiele aufwarten.

Raimund Nolte, Christa Mayer, Elisabeth Teige, in der ersten Etage Egils Silins. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
Die Rheintöchter Lea-ann Dunbar, Stephanie Houtzeel und Katie Stevenson singen ordentlich. Die sich gut auch harmonisch ergänzenden Riesen sind Jens-Eric Aasbö/Fasolt und Wilhelm Schwinghammer/Fafner. Den Mime gibt mit schneidigem hohen Tenor Arnold Bezuyen. Der Alberich Olafur Sigurdarson wird nicht so sehr in Szene gesetzt, überzeugt aber mit seinem sehr intensiven Baßbariton, der auch manchmel richtig schnarrend rüberkommen kann. Loge ist mit seinem geschmeidigen locker durchgestylten Tenor Daniel Kirch und wirbelt ein wenig in der sonst steifen art-deco Veranstaltung. Froh/Attilio Glaser und Donner/Raimund Nolte agieren in ihren Partien und Stimmlagen auf höchstem Niveau. Der Wotan Egils Silins kann sich zwar später autoritativ in Szene setzen und singt sehr markant einen bestens ausgeloteten Baßbariton. Das Festspielpublikum erwartet aber noch bessere Wotane, wie sich beim Applausbarometer herausstellte. Christa Mayer stellt in ihrem Bayreuther Fricka-Debut eine würdevolle Hausfrau und kann stimmlich mit plastischem Mezzo immer besser reussieren. Freia Elisabeth Teige bietet in ihren wenigen Gesängen einen aufblühend jugendlichen Sopran. Auch Okka von der Damerau macht ihre Sache als Erda gut mit einem eher hell getönten leicht voluminösen Alt.
Friedeon Rosén

