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BAYREUTH/ Dresden/ Die Festspiele im Cineplex Rundkino: PARSIFAL – Eröffnungspremiere

26.07.2016 | Oper

BAYREUTH/ DRESDEN/ Bayreuther Festspiele im Kino: ERÖFFNUNGS-PREMIERE: „PARSIFAL“ – 25.7.2016 „Cineplex Rundkino“ – Pragerstraße

Die „Missstimmigkeiten“ im Vorfeld der „Parsifal“-Premiere brachten zwei großartige „Überraschungen“. Der kurzfristig für den aus persönlichen Gründen zurückgetretenen Andris Nelsons „eingesprungene“ Hartmut Haenchen ließ den „Parsifal“ auf Richard Wagners Spuren musikalisch zu einem nachhaltigen  Erlebnis werden. Seine „historisch orientierte Aufführungspraxis“ – auf diesen Begriff einigte er sich schließlich im Vorspann im Gespräch mit Axel Brüggemann, ließ ihn die Musik in ihren Tiefen ausloten. Da Wagner – wie fast alle bedeutenden Komponisten – mit den Instrumenten seiner Zeit nicht einverstanden war, ließ Haenchen auch bei einer Wiedergabe mit modernem Instrumentarium diesen Begriff gelten. Er hat bei Pierre Boulez hospitiert, die Aufzeichnungen der Assistenten früherer  Aufführungen gesammelt und die Klavierauszüge mit den Anmerkungen der Sänger studiert.

Als Wagner-erfahrener Dirigent war er alles andere als ein „Lückenbüßer“. Bereits die ersten Takte des Vorspiels ließen aufhorchen. Sehr klar, sehr durchsichtig, sehr plastisch und mit fein differenzierendem Klangsinn entführte er mit dem Orchester der Bayreuther Festspiele in eine andere, eine geheimnisvolle, geistige Welt. Nicht vordergründig, aber doch immer präsent und die Fäden in der Hand haltend, verlieh Haenchen der Aufführung eine kontinuierlicher Frische und unaufdringliche Dramatik, die mit allen Fasern spürbar war und innerlich aufrüttelte.

Sein Tempo war zügig, aber gerade richtig, um den Sängern den nötigen Atem zu lassen, die Spannung zu halten und die Aufmerksamkeit stets wachzuhalten, was bei den tropischen Temperaturen im Festspiel normalerweise schwieriger ist als im gut klimatisierten Kinosaal bei einer Live-Übertragung, die in den modernen Kinos wie im Dresdner „Rundkino“ außerdem den Vorteil hat, infolge der technisch raffinierten Konstruktion der Säle auf jedem Platz im weichen Polstersessel (statt harter Festspielhaus-Bestuhlung) „in der ersten Reihe zu sitzen“.

Es gibt nur gute Plätze mit besten Sichtverhältnissen auf alle Details der Inszenierung und vor allem auf die Mimik der Sänger, wenn die Kamera nicht gerade zu nahe herangeht wie in der Szene, als Klaus-Florin Voigt alias Parsifal aus dem Haremsbad inmitten von Klingsors lockenden Blumenmädchen steigt und die „Maske“ arg gelitten hat. Im Festspielhaus wirkte das wahrscheinlich weniger peinlich.  Trotzdem hat die Live-Übertragung ihre Vorteile. Man ist in angenehmer Atmosphäre unmittelbar dabei, ohne große Reisevorbereitungen, ohne Kofferpacken, strapaziöse Anreise und Quartiersuche.
 
Man kann – auch ohne große Robe – beschaulich zum Kino schlendern, ohne lange Karten-Vorbestellung, und man erfährt in den Pausen-Interviews viel Interessantes. Ein Nachteil ist allerdings das Risiko, dass die Satelliten-Übertragung infolge Wetterunbilden ausfallen kann, was normalerweise sehr selten vorkommt, hier aber leider im 1. Aufzug gleich zweimal an entscheidender Stelle für längere Zeit eintrat, vermutlich wegen wetterbedingter Störungen, aber die einwandfreie Übertragung des 2. und 3. Aufzuges entschädigte dann für alles, wenn man sich auch den Ton eine Idee leiser eingestellt gewünscht hätte, um wie beim Vorspiel des 1. Aufzuges die fein zelebrierte Musik ganz in ihrer Emotionalität aufnehmen zu können.
 
Dass Georg Zeppenfeld die Rolle des Grunemanz übernommen hatte, erwies sich als besonderer Glücksfall. Mit seiner wunderbaren, perfekt geführten Stimme, besonders klangvoller, sicherer Tiefe, guter, problemloser Höhe, wie immer perfekt und mühelos in allen Lagen, lotete er die Partie mit sehr klarer Artikulation sensationell aus. Man hätte sich nur gewünscht, dass auch das „Outfit“ den guten musikalischen Eindruck optisch fortsetzt, unterstützt und unterstreicht, aber eine unvorteilhafte Kopfbedeckung, starke Brillengläser und eine alte, fast peinliche Strickweste über der Kutte nahmen der Gestalt des frommen Gurnemanz die Würde, die er als Altersweiser und einziger, standhafter, an seiner Grundüberzeugung festhaltender Mensch eigentlich ausstrahlen sollte. Hier hätten Kostüm und Maske mehr tun können, als nur die Gestalt des Gurnemanz ins Pedantische zu ziehen. Er wirkte dadurch äußerlich weder älter, noch sinnreicher, aber Zeppenfelds Gesang und seine Darstellung glichen alles aus. Er passte sich zwar der Regie an, lotete aber die Rolle vor allem mit seinen Mitteln, seinem unvergleichlichen Gesang, voll aus.

Klaus Florian Vogt fiel zunächst durch seine Darstellung und sein perfektes Mienenspiel als der unwissende, stutzige junge Parsifal, ein junger Mann von simplem Gemüt, auf, bis er im 2. Aufzug sowohl sängerisch als auch darstellerisch voll überzeugen konnte und seiner  Rolle Profi verlieh. Er war einfach ein Parsifal.

Als Amfortas, der laut Regie als ein Novum auch im 2. Aufzug zunächst als geknebelte Geisel dasitzt und etwas später im Hintergrund mit Kundry Sex hat (vielleicht die Darstellung einer geistigen Verbindung oder nur die jetzt übliche Dopplung oder gar nur Sensation?) beeindruckte Ryan McKinny insbesondere mit seinem Gesang.

Ebenfalls gesanglich und darstellerisch erfüllte Karl-Heinz Lehner die schemenhaft erscheinende Gestalt des Titurel.

Entsprechend Regie muss Gerd Grochowski der mit seiner leicht gutturalen Stimme gesanglich ebenfalls überzeugte, einen merkwürdigen, mit religiösen Symbolen hantierenden und als Bedrohung nicht ganz ernst zu nehmenden Klingsor abgeben, der  (vielleicht erbeutete) Kruzifixe sammelt und sie hin und wieder wie in einem Kasperltheater vorzeigt, sich kasteit und sich ohne weiteres von Parsifal den heiligen Speer aus den Händen entwinden lässt, den dieser zerbricht und zu einem mit billigen Davotionalien behängten Kruzifix umgestaltet. Zuweilen verliert sich die Regie in „Zeige-Optik“, z. B. wenn Gurnemanz im ersten Aufzug vor dem lockenden Klingsor warnt und dann des Knappen Locken „um den Finger wickelt“ oder wenn Amfortas im 3. Aufzug unbedingt sterben will und sich dann schon einmal probelegt in den Sarg, in dem laut Text Tirurel hereingetragen wurde, was – mit Verlaub – ziemlich naiv, um nicht zu sagen abgeschmackt wirkt.  

Wegen der durchweg beeindruckenden gesanglichen Leistungen der Herren sei hier die einzige Solistin last but not least genannt, was keine Wertigkeit bedeuten soll. Elena Pankratova hat sich intensiv mit der Rolle der zwielichtigen Kundry auseinandergesetzt und brachte sie dank ihrer sängerischen und darstellerischen Erfahrungen glaubhaft im Sinne der Inszenierung auf die Bühne. Sie bestach mit glänzenden Höhen und klarer Ausdrucksfähigkeit, denn sie beherrscht beides, die sinnlich verführerische Kundry und die alt gewordene, gebrechliche alte Frau mit zitternder Hand, die die Pflicht und ihr eiserner Wille zum Dienen am Leben erhalten.

Als Gralsritter wirkten Tansel Akzeybek und Timo Riihonen mit, als Knappen Alexandra Steiner, Mareike Morr, Charles Kim und Stefan Heibach. Klingsors Zaubermädchen (Anna Siminska, Katharina Persicke, Mareike Morr, Alexandra Steiner, Bele Kumberger und Ingeborg Gillebo) betörten zwar den zu seiner höheren Aufgabe findenden Parsifal gemeinsam mit ihrem Gesang, jedoch ging die eigentlich verführerische, einschmeichelnde Stimme des 1. Blumenmädchens fast unter wie auch später das Altsolo von  Wiebke Lehmkuhl. Das war zumindest der Eindruck bei der Übertragung. Im Festpsielhaus kann es anders gewirkt haben. Der Chor der Bayreuther Fstspiele  sang in der Einstudierung von Eberhard Friedrich hingegen sehr zuverlässig und entsprechend differenziert.

Angesichts dieser großartigen musikalischen Leistungen hätte man heimlich am liebsten von einer „historisch orientierten Inszenierung“ als adäquate Umsetzung geträumt oder wenigstens einer unverbogenen Darstellung des originalen Inhaltes, aber die Realität sah anders aus. Uwe Eric Laufenberg siedelte die Oper in der Gegenwart an, inmitten der religiösen Konflikte im Nahen Osten, gerade so, wie Wagner seine Oper nicht verstanden wissen wollte, was aus seinen schriftlich festgehaltenen Äußerungen hervorgeht. Seine Vorstellungen gingen in Richtung Natur, weg von der Kirche als institutionelle Einrichtung, was vor allem auch für Klingsors Zauberreich galt, aber hier wurde die zerstörte Kirche, in der im 1. Aufzug Verwundete von Mönchen beherbergt werden, zur Zauberburg „umfunktioniert“ (Bühne: Gisbert Jäkel) – 2 Seiten einer Medaille?

Die Kostüme von Jessica Karge waren sehr unterschiedlich gestaltet, von Fantasiekutten der Gralsritter bis zu sehr schönen farblich wirkungsvollen Kostüm(chen) der Blumenmädchen als Haremsdamen (die im Bade auch schon mal geschickt ganz wegfielen).

Laufenbergs Konzept war nicht, wie es oft bei Neuinszenierungen vorkommt, von Sensationssucht geprägt und gegen die Oper gerichtet, wenn auch verfremdend in seiner speziellen Sicht. Hier wurden die Gegensätzlichkeit zwischen Christentum und seiner arabischen Variante, dem Islam, sowie weiteren Religionen in den Vordergrund gerückt und auch unnötig mit dem Feuer gespielt, wenn die Zaubermädchen zunächst islamisch verkleidet erscheinen, worauf – im Sinne einer guten Umsetzung des Operninhaltes – auch hätte verzichtet werden können. Man konnte dieser Interpretation folgen, aber die musikalische Seite war doch stärker und hinterließ einen sehr nachhaltigen Eindruck. Besonders weihevoll wirkte das „Bühnenweihefestspiel“ nur musikalisch. Es war nur allzu verständlich, dass Sänger, Dirigent und Orchester mit viel Beifall gefeiert wqurden, das Regieteam aber auch einige Buh-Rufe erhielt.

Ingrid Gerk

 

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