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BAYREUTH: DAS RHEINGOLD. Wiederaufnahme-Premiere

28.07.2015 | Oper

Bayreuther Festspiele „Das Rheingold“ – Wiederaufnahme-Premiere: 27. Juli 2015

 Zwischen Öl und Quietsch-Entchen – Famoses Castorf-Rheingold

 Nach dem überzeugenden neuen „Tristan“ und einem grandiosen „Lohengrin“ durfte man auf „Das Rheingold“ gespannt sein. Das Ergebnis: Fulminant!


John Daszak, Wolfgang Koch, Albert Dohmen. Foto: Bayreuther Festspiele/ Enrico Nawrath

 Frank Castorf ist ein wahres Wunder an klug durchdachten, witzigen, oft tiefgründigen und wahnsinnig provokanten Ideen gelungen. Alleine mal das beeindruckende Bühnenbild von Aleksandar Denic (ein Motel mit Tankstelle an der Route 66 in Texas) und die 60er-Jahre Kostüme von Adriana Braga Peretzki sind großartig. Doch Castorfs Input ist ja das Spannende. Die Rheintöchter und Erda sind Prostituierte, die am Motel-Pool herumlungern, Alberich und Mime sind Cowboys, Wotan ist ein Zuhälter, der am Anfang mit seiner Gattin Fricka und seiner Schwägerin Freia im Bett liegt und die Riesen sind Mechaniker oder Steuereintreiber. Ebenfalls die 1. Szene ist sehr interessant. Alberich möchte sich mit den Rheintöchtern vergnügen, doch sie misshandeln ihn sexuell und machen sich über ihn lustig. Daraufhin stranguliert der frustrierte Alberich eine Quietsch-Ente und beschmiert sich selber mit Senf. Das Schlussbild ist sehr überzeugend: Die Götter stehen am Dach und schauen auf eine Riesenleinwand, auf der die unter Wasser schwimmenden Rheintöchter projiziert werden. Aber auch die permanent laufenden Videos von Andreas Deinert und Jens Crull sind gut gelungen. Sie ermöglichen tiefe Einblicke ins Motel bzw. in die Tankstelle. Die Lichteinstellungen von Rainer Casper passten immer zur Situation.

 Der Bayerische Generalmusikdirektor Kirill Petrenko führt in seinem vorerst letzten Bayreuth-Jahr „Das Rheingold“ so herrlich, dass man meint, man müsse dahinschmelzen. Er ist überhaupt nicht auf die Klanghöhepunkte aus, sonders nimmt sich die immense Partitur wie ein Kammerspiel vor und verblüfft mit vielen neuen Facetten. Natürlich hervorragend gespielt vom Bayreuther Festspielorchester.

 Wolfgang Koch brilliert als Wotan. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern singt er diese Partie extrem lyrisch und klar. Er setzt weniger auf laute Dramatik, sondern auf dezenten Wohlklang. Herrlich ebenfalls John Daszak, der erfolgreich als Loge debütiert. Sein durchschlagskräftiger Tenor wirkt frisch und elastisch. Dramatisch wird der Alberich grandios von Albert Dohmen dargeboten, herrlich zickig der Mime von Andreas Conrad gespielt. Claudia Mahnkes Fricka ist solide und schön-klingend. Entzückend wird Freia von Allison Oaks gesungen. Eine Sängerin mit Zukunft. Ebenso in der Höhe wie in der Tiefe überzeugt Nadine Weissmann als Erda. Mit angenehmem Timbre debütiert Andreas Hörl als Fafner. Ebenso stimmstark wie am Vortag als König Heinrich singt Wilhelm Schwinghammer den Fasolt. Sensationell die Rheintöchter Mirella Hagen (Woglinde), Julia Rutigliano (Wellgunde) und Anna Lapkovskaja (Floßhilde). Auch Daniel Schmutzhard als Donner und Lothar Odinius als Froh vermögen zu begeistern.

 Als der letzte Ton verklungen war, brach ein Buh-Bravo-Krieg aus. Für die Solisten, den Dirigenten und das Orchester gab es 15-minütigen Jubel sowie Getrampel und vereinzelt Standing Ovation.

 Fazit: Eine klug durchdachte Aktualisierung eines Stoffes, der aktueller nicht sein könnte. Famos wird gesungen und musiziert. Wenn man das Glück hat, noch zu Karten zu kommen, sollte man „Rheingold“ auf alle Fälle sehen!

 Sebastian Kranner

 

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