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BAYREUTH BAROQUE/Markgräfliches Opernhaus: LEONARDO VINCI: ALESSANDRO NELL’INDIE –

10.09.2022 | Oper international

BAYREUTH BAROQUE/ LEONARDO VINCI: ALESSANDRO NELL’INDIE – Markgräfliches Opernhaus; 9.9.2020

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© Bayreuth Baroque / Falk von Traubenberg

Barockoper auf Augenhöhe mit dem Bayreuther Lokalmatador Richard Wagner – oder doch besser inszeniert und gesungen?

Das indische Abenteuer Alexander des Großen endete in einem Fiasko. 326 a.C. führte der mazedonische König den letzten erfolgreichen Feldzug im Nordwesten Indiens. In der Schlacht am Hydaspes besiegte Alexander den indischen Fürsten Poros mit einer schlauen Finte. Er teilte die Truppen und griff dort an, wo ihn die Inder am wenigsten vermuteten. Dabei hatte er es besonders auf die Speerführer auf den hunderten von Kriegselefanten (wer denkt da nicht an die Olifanten Mordors in der Schlacht in Mittelerde im „Herr der Ringe?“) abgesehen. Es gelang Alexander, Poros zu besiegen, ihm aber seine Gebiete zu belassen und unter seiner Oberherrschaft als Statthalter schalten und walten zu lassen. Dann aber war Schluss mit den Bestrebungen zur Ausweitung seines Weltreichs. Die Hybris allzu ehrgeiziger Heerführer scheitert meist an den Weiten des Raums und extremen klimatischen Bedingungen, wie uns die Geschichte lehrt. So auch hier. Der Monsunregen, die Hitze, die Reisestrapazen, das Fieber setzte der 40.000 Mann starken Armee so zu, dass sie ihren Chef kurzerhand dazu zwangen, umzukehren. Beim Rückzug über unwegsame Gebirge, den Indus und die Wüsten Gedrosiens ging ein großer Teil des Heeres zugrunde.

Diese historische Härte wird man in Vincis Oper „Alessandro nell’Indie“ vergeblich suchen. Der Librettist Pietro Metastasio setzte ganz auf das im 18. Jahrhundert übliche Klischee des milden Herrschers, der noch so hanebüchenen Verrat und Intrigen am Ende verzeiht, damit unter hymnischem Chorgesang nach vier Stunden netto Spielzeit an Rezitativen, Arien, Ensembles und diversen Instrumentalstücken diejenigen sich kriegen, die sich zumindest im Moment wirklich lieben; wie in dieser Oper der heldenhafte Poro und die schöne indische Königin Cleofide und Poros Schwester Erissena mit ihrem feschen Soldaten Gandarte, freilich nicht ohne letzterem klar zu machen, dass weibliche Unterwerfung und Gehorsam von ihr nicht zu erwarten wären.

Der Österreich-Export, Intendant und Countertenor Max Emanuel Cencic hat selbst inszeniert. Er lässt das opulente Stück um Liebe, Treue, Verrat und ein bissl Krieg im englischen Royal Pavillon in Brighton spielen, den der „für seine Ausschweifungen bekannte König George IV. Anfang des 19. Jahrhunderts im Stile eines indischen Mogulpalastes bauen ließ und dort wilde Feste feierte.“ (Cencic). Feldzüge in Indien, großes Tamtam auf der Bühne, glühende Leidenschaften ohne Ziel und Sinn, halsbrecherische Koloraturen samt Primadonnenzickenkriegen und einer ausgetüftelten Bühnenmaschinerie, all das war ganz nach dem Geschmack der Zeit.  Erotisch kitzelnde Beziehungskisten und heroisches Plustern, nicht zuletzt Travestien mit Federbusch, Glitzer und Seidenrascheln bildeten den Kern der damaligen Unterhaltungsopern, zumal sie wegen eines unsinnigen päpstlichen Dekrets nur von Männern gespielt, getanzt  und gesungen werden durften. Natürlich empfingen dieselben strikten Geistlichen bei intim privaten Aufführungen nur allzu gerne Frauen. Cencic indes greift auf diese speziell römisch historische Theaterpraxis zurück und lässt  die Oper nach dem Vorbild der Uraufführung in reiner Männerbesetzung über die Bühne gehen. 

Das funktioniert deshalb, weil sich in den letzten Jahrzehnten und besonders in jüngerer Zeit dank der unglaublichen Renaissance barocker Opern weltweit eine beachtliche Zahl an bestens geschulten Countertenören und Sopranisten etabliert hat, die mkittlerweilen nicht nur ein Spezialpublikum anlocken, sondern auch an den ganz großen Opernhäusern in London, Paris, New York oder Wien auftreten. Im Zentrum der Aufführung steht nicht die dramaturgisch blass gezeichnete Titelfigur Alessandro. Jemand der des Zeitgeistes wegen soviel Nachsucht übt, ist politisch schlicht und einfach ein Trottel. Wie viel interessanter ist doch der passioniert eifersüchtige, jähzornige Poro, der dauernd verliert, weil die blind machenden Emotionen ihn jeden Überblick verlieren lassen. 

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Franco Fagioli, Bruno de Sa. © Bayreuth Baroque / Falk von Traubenberg

Der argentinische Countertenorstar Franco Fagioli ist dafür die goldrichtige Besetzung. Als männliches Pendant zu Cecilia Bartoli ist Fagioli ein echter Bühnenfeger. Sein enormen Tonumfang, die pure Spielfreude, der exhibitionistisch faszinierende Gesang heben diesen Poro weit über jedes musikalische Affektmaß hinaus. Poro zwitschert und koloraturt sich von brummigen Kellertönen bis zu ätherisch gesäuselten Höhen durch alle Passionen von in sich selbst verstrickten Seelen. Dazu kommt, dass die Cencic-Entdeckung Bruno de Sá, ein brasilianischer Sopranist von Gnaden (vgl. meine Besprechung der CD „Roma Travestita“), eine Cleofide gibt, die weitsichtig klug, intelligent und diplomatisch agiert. Dieser Sopranist kann die Königin der Nacht genau so gut improvisieren, wie die vertrackteste barocke Sopranakrobatik so leicht auf die Bretter der Welt zu zaubern, dass dem vollzählig erschienenen Publikum der Atem stockt. Noch dazu hat die Maske wahre Wunder vollbracht, was Schminke und natürlich scheinenden Busen mit großzügigem Dekolleté anlangt. Der Kostümdesigner Giuseppe Palella hat sich ins Zeug gelegt, die ohnedies schon vorherrschende Kleiderpracht noch um zig Kristalle und Flitter plus zu toppen. Das zweite Liebespaar ist mit dem britischen Counter Jake Arditti (Erissena) und dem deutschen Tenor Stefan Sbonnig (Gandarte) ebenso rollendeckend wie brillant besetzt. Arditti verfügt über ein samten üppiges Stimmmaterial, das er bruchlos und pastos einzusetzen vermag. Sbonnig darf mit seinem farbenreichen und bestens fokussierten Tenor überhaupt neben all den Alte Musik Stars als die überraschende stimmliche Entdeckung des Festivals gelten. Nur der niederländische Sopranist Maayan Licht in der Titelrolle kann, obwohl er technisch ganz vorzüglich und mit angenehm seidenem Timbre zu verführen weiss, mit der Restbesetzung nicht mithalten, einfach deshalb, weil die vorwiegend im Piano eingesetzte leichtgängige Stimme schlecht trägt und im Forte in den Orchesterwogen gänzlich untergeht. Hingegen liefert der MET-erprobte Altist Nicholas Tamagna ein darstellerisch packendes und sängerisch überaus expressives Porträt des intriganten Feldherrn Timagene. 

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© Bayreuth Baroque / Falk von Traubenberg

Das oh! Orkiestra aus Kattowitz – Residenzorchester des Bayreuth Baroque Opera Festival 2022 – unter der animierten musikalischen Leitung der sympathischen Geigerin Martina Pastuszka bringt alle Facetten der an Stimmungen, ausgefallenen Harmonien und verwegenen Rhythmen reichen Partitur zum Funkeln und Glänzen.

Und die Inszenierung? In opulent exotischer Ausstattung à la Franco Zeffirelli (Domenico Franchi) in kitschig indischer 19. Jahrhundert Folkloreoptik samt kleiner nach vorne verschiebbarer ‚Bühne auf der Bühne‘ gelingt es Cencic mit einem dramaturgischen Kniff, die elendslangen Dacapo-Arien szenisch kurzweilig zu gestalten. Waren es in seiner ersten Bayreuther Inszenierung von Porporas „Carlo il Calvo“ kleine schauspielerisch gewürzte Sketches, so hat Cencic für „Alessandro nell’Indie“ den indischen Choreographen Sumon Rudra engagiert, der mit einem Trupp an zehn griechischen Tänzern Bollywood-Flair auf die Bühne zaubert. Da werden Arien mit humorigen, teils deftigen Hüftbewegungen garniert und damit in die statisch musikalischen Affekttiraden Tempo und Witz gebracht. Überhaupt pflegt und kultiviert Cencic das Showelement in all seinen Formen. Da gibt es Trettollgestelle in Elefanten und Kamelgestalt, bemalte Kisten, aus denen das Bühnenpersonal hüpft oder Puppen, die gegeneinander stilisiert kriegerisch aufeinanderprallen. Die Einfälle reichen von purem Klamauk (wenn Erissena auf der Bühne im barocken Klostuhl ungeniert ihr Geschäft verrichtet oder ein Riesenphallus zum Schwertkampf antritt) bis hin zu psychologisch fein gezeichneten Stimmungen im musikalisch schönsten zweiten Akt. Hier nämlich zeigt sich der musikalische Einfallsreichtum und die subtile Klinge des Leonardo Vinci. Wenn Cleofide sich im Fluss ertränken will, um Poro ihre Treue zu beweisen oder das Paar später an Selbstmord denkt, um der Gefangennahme durch die griechische Armee zu entgehen, dann taucht der Melomane in einen märchenhaft gebastelten Ziergarten an melancholischen Kantilenen in sehnsuchtsvollem Schmerz. Spätestens hier vergisst der Opernfreund Dauer und Müh einer samt Pausen über fünf Stunden langen Aufführung. Als Gag gibt es noch zwei Schauspieler, die die Handlung kurz kommentierten oder originale Bühnenanweisungen des Metastasio in bestem britischem Englisch zum Besten gaben. 

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© Bayreuth Baroque / Falk von Traubenberg

Am Ende gibt es für das gesamte Team den verdienten Jubel. Die Bayreuther Rehabilitierung eines weiteren Opern-Meisterwerks des 18. Jahrhunderts ist rundum geglückt. Kann sein, dass der eine oder die andere das Ganze als zu überladen oder hart an der Grenze zum Trash empfindet. Das Publikum insgesamt – niemand verließ das Opernhaus vor Ende der Aufführung um 23h – hat es aber sichtlich genossen, zum luxuriösen Sound und den hochvirtuosen Gesangsleistungen auch noch optisch werk- und librettogerecht mit Elefanten, Kamelen und allerlei barockem Bühnenzauber bedient zu werden. Diesbezüglich ist das markgräfliche Opernhaus dem Grünen Hügel um Längen voraus.

P.S.:

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Bayreuths Kulturreferent Benedikt Stegmayer, Max Emanuel Cencic und Dr. Ingobert Waltenberger. Cencic gab tags darauf ein  ein Konzert zum 40.jährigen Bühnenjubiläum. Er ist 46 Jahre alt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

 

 

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